Eindrücke von einer Reise nach Tadschikistan, Teil 4
Nisos Cousin Nasrullo führt uns von der Dorfschule zu sich nach Hause. Nasrullo ist ein sanfter, aufmerksamer, gesprächiger Mann, ein wenig älter als wir, für den unser unerwarteter Besuch eine große Freude und Ehre ist. Während wir uns seinem Hof nähern, schauen aus jedem dritten Tor neugierige Menschen heraus, die auf unerklärliche Weise schon von der Ankunft der ältesten Tochter Karakhonova mit ihrem halb russischen oder halb deutschen Mann – so genau versteht das keiner – erfahren haben und uns zum Tee bitten: Verwandte, Bekannte oder ehemalige Nachbarn der Familie, untereinander befreundet, halbverfeindet oder verheiratet; Ehen unter Verwandten zweiten Grades sind sehr verbreitet. Nach zwei Stunden und etwa dreißig Schälchen Tee später kommen wir bei Nasrullo an, der uns an den dastarkhón, das Tischtuch bittet. Gegessen wird in Tadschikistan auf dem Boden im Haus oder vor dem Eingang oder im Hof auf einem bettähnlichen Metallgestell. Man sitzt auf im Rechteck um das Tischtuch ausgelegten Matten, zum Abstützen oder Anlehnen gibt es Kissen. Geschwind bringt die Hausfrau Tee, selbstgebackenes Fladenbrot, hausgemachten Joghurt, Kartoffelsuppe mit Fleisch und Konfekt herein. Eines der stets zahlreichen Kinder gießt dem Gast aus der oftobá Wasser über die Hände, einer Metallkanne mit langem, schmalem Hals und dünnem Ausguss; das Schmutzwasser fließt in die tschilaptschá genannte Schüssel, die das Kind mit der anderen Hand darunter hält. Ehe meine Teeschale leer ist, ist sie wieder voll; ehe ich die Joghurtschale leeren kann, steht eine neue da. Nach dem Essen murmelt einer ein Gebet, wohl eine Sure aus dem Koran, meist der älteste am Tisch oder der Hausherr, wobei alle Anwesenden ihre seitlich aneinandergelegten Handinnenflächen nach oben halten, um den Segen vom Himmel zu empfangen, und dann über das Gesicht führen, wie um diesen über sich zu verteilen. Niemand stört sich daran, dass ich offensichtlich kein Moslem bin. Nisos Vater hatte in der Verwandtschaft Märchen über mich verbreitet und erzählt, dass ich zwar in Deutschland geboren wäre, aber tadschikische Vorfahren hätte und natürlich islamischen Glaubens sei. Ich war deshalb ein wenig nervös und fest entschlossen, diesen Unfug nicht zu bekräftigen, geschehe, was wolle. Nun stellt sich heraus, dass meine Religion und Herkunft überhaupt keine Rolle spielt.
Nisos Cousin Nasrullo führt uns von der Dorfschule zu sich nach Hause. Nasrullo ist ein sanfter, aufmerksamer, gesprächiger Mann, ein wenig älter als wir, für den unser unerwarteter Besuch eine große Freude und Ehre ist. Während wir uns seinem Hof nähern, schauen aus jedem dritten Tor neugierige Menschen heraus, die auf unerklärliche Weise schon von der Ankunft der ältesten Tochter Karakhonova mit ihrem halb russischen oder halb deutschen Mann – so genau versteht das keiner – erfahren haben und uns zum Tee bitten: Verwandte, Bekannte oder ehemalige Nachbarn der Familie, untereinander befreundet, halbverfeindet oder verheiratet; Ehen unter Verwandten zweiten Grades sind sehr verbreitet. Nach zwei Stunden und etwa dreißig Schälchen Tee später kommen wir bei Nasrullo an, der uns an den dastarkhón, das Tischtuch bittet. Gegessen wird in Tadschikistan auf dem Boden im Haus oder vor dem Eingang oder im Hof auf einem bettähnlichen Metallgestell. Man sitzt auf im Rechteck um das Tischtuch ausgelegten Matten, zum Abstützen oder Anlehnen gibt es Kissen. Geschwind bringt die Hausfrau Tee, selbstgebackenes Fladenbrot, hausgemachten Joghurt, Kartoffelsuppe mit Fleisch und Konfekt herein. Eines der stets zahlreichen Kinder gießt dem Gast aus der oftobá Wasser über die Hände, einer Metallkanne mit langem, schmalem Hals und dünnem Ausguss; das Schmutzwasser fließt in die tschilaptschá genannte Schüssel, die das Kind mit der anderen Hand darunter hält. Ehe meine Teeschale leer ist, ist sie wieder voll; ehe ich die Joghurtschale leeren kann, steht eine neue da. Nach dem Essen murmelt einer ein Gebet, wohl eine Sure aus dem Koran, meist der älteste am Tisch oder der Hausherr, wobei alle Anwesenden ihre seitlich aneinandergelegten Handinnenflächen nach oben halten, um den Segen vom Himmel zu empfangen, und dann über das Gesicht führen, wie um diesen über sich zu verteilen. Niemand stört sich daran, dass ich offensichtlich kein Moslem bin. Nisos Vater hatte in der Verwandtschaft Märchen über mich verbreitet und erzählt, dass ich zwar in Deutschland geboren wäre, aber tadschikische Vorfahren hätte und natürlich islamischen Glaubens sei. Ich war deshalb ein wenig nervös und fest entschlossen, diesen Unfug nicht zu bekräftigen, geschehe, was wolle. Nun stellt sich heraus, dass meine Religion und Herkunft überhaupt keine Rolle spielt.
Außer uns greift an diesem Tag niemand zu einer
Speise oder trinkt auch nur einen Schluck. Ich bewundere die Disziplin, mit
welcher der Ramadan eingehalten wird.
Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang nichts essen und trinken, und das bei der
sommerlichen Hitze, welch eine Selbstüberwindung!
Das Gastfreundschafts-Ritual wiederholt sich
jedesmal in ähnlicher Form, und es wäre eine Beleidigung des Gastgebers, sich
dem entziehen zu wollen. Zum ersten Mal erlebe ich meine Frau mit ihrer ersten
Muttersprache. Niso spricht fließend Tadschikisch mit dem Wortschatz, den sie
sich bis zum vierzehnten Lebensjahr angeeignet hat: im Alltag kann sie sich
frei verständigen, das politische Vokabular der auf Plakaten allgegenwärtigen
Parolen des Präsidenten bleibt ihr aber oft unverständlich.
Nasrullo wohnt in seinem kleinen Gehöft in zwei
Lehmhäusern zu neunt mit fünf Kindern, Frau, Schwester und Mutter. Stolz zeigt
er uns Kartoffel-, Mais- und Bohnenbeete in seinem Garten, dicht mit
leuchtendgelben Früchten behangene Aprikosenbäume, die zwei Schafe und Hühner.
Er arbeitet als Klassenlehrer an der Dorfschule und ist nebenbei ein gefragter
Animator auf Hochzeiten. Im Monat kommt er so auf etwa 2000 Somoni Einkommen,
umgerechnet 200 Euro. Davon kann er noch genug zurücklegen, um die bis zum
sechsten Lebensjahr obligatorischen Beschneidungsfeste für seine drei Jungs
auszurichten und die später anstehenden Hochzeiten. Auf die Frage nach meinem
Verdienst überlege ich einen Moment nach einer passenden Antwort und nenne dann
eine Summe, die etwas über dem in Ulan-Ude üblichen Durchschnittseinkommen
liegt, welches wiederum etwa einem Drittel des deutschen Existenzminimums
entspricht. „Ich wüsste gar nicht, was ich mit so viel Geld anfangen sollte“,
sagt Nasrullo, „davon könnte ich fünf Familien ernähren!“
Wir sind eingeladen, im Gästezimmer zu übernachten
und vorher gern noch zu duschen. Die Dusche ist ein lichtloser Lehmschuppen mit
Abflussloch, in dem ein Eimer warmes Wasser zum Sich-über-den-Kopf-gießen zur
Verfügung steht. Für den Gang zum Plumpsklo im Dunkeln hilft der Hausherr mit
seiner Taschenlampe; zum Abwischen liegen geviertelte Seiten beschriebener
A5-Schulhefte bereit. Unterdessen wurde uns ein Lager aus Matratzen und Decken
bereitet – natürlich schläft man auch auf dem Fußboden; überhaupt sind kaum
Möbel üblich außer vielleicht einem Schränkchen für den Fernseher und einer
Kleidertruhe.
Niso kann vor lauter Jucken kaum einschlafen und
stellt am nächsten Morgen fest, dass ihr Unterleib über und über von Flohbissen
bedeckt ist. Während sie die roten Punkte zählt, muss ich über Nasrullos
Antwort vom Vortag nachdenken: mit mehr Geld würde er nicht etwa fließendes
Wasser und Licht in den Waschraum legen, eine ordentliche Toilette bauen und
das Haus desinfizieren, nein, es kommt ihm in den Sinn, wie viele Familien er
noch ernähren könnte. Die Leute hier, scheint es, sind mit ihrem bescheidenen
Leben zufrieden und können sich nichts anderes vorstellen.
Nach unserer Rückkehr aus dem Pamir verbringen wir
die zweite und dritte Nacht in Furkat diesmal bei anderen Verwandten. Der
Hausherr Bahodur fährt mit uns auf sein Baumwollfeld, auf dem zwanzig
Zentimeter hohe Pflänzchen des „Weißen Goldes“ stehen. Die Fastenzeit ist
inzwischen vorbei, sodass wir die Speisen zuhause gemeinsam mit unseren
Gastgebern einnehmen. Abends gibt es Plov,
den traditionellen zentralasiatischen, in Fett gebratenen Reis mit Gemüse und
Fleisch. Er wird aus einer großen gemeinsamen Schale mit den bloßen Händen
gegessen: mit Daumen und den drei mittleren Fingern wird eine nicht zu große
Portion aufgenommen, die man zum Mund führt und mit dem Daumen in denselben
entlang der drei Finger abstreift, möglichst ohne dass ein Reiskorn danebenfällt.
Ich finde es deutlich schwieriger als mit einem Löffel, einfacher jedoch als
mit chinesischen Stäbchen.
Das Gästezimmer ist sauber und flohfrei; diesmal
hält uns nachts eine hinter der Wand direkt an unseren Ohren knuspernde Maus
wach. Interessant, was ich in verschiedenen Weltgegenden an schlafhinderlichen
Einflüssen erlebt habe. Abchasien: Wanzen. Bargusintal: Mücken. Ulan-Ude:
überheizte Innenräume. Deutschland: frostige sechzehn Grad in einem sparsamen
Haushalt. Niso erklärt mir, dass es nicht üblich ist, zuhause oder im Hof Katzen
zu halten. Um fünf Uhr morgens weckt uns das fegend Geräusch eines Reisigbesens
an der Türschwelle. Bahodur gesellt sich zum Frühstück zu uns und erzählt von
einer soeben von ihm geschlachteten Ziege, nicht uns zu Ehren, wie ich einen
Moment lang befürchte, sondern anlässlich des Bairam-Festes nach Ende des Fastenmonats. In der Küche im Hof,
einem Lehmbau mit oben an den Seiten offenen Wänden, köchelt in einer
Metallschüssel über offenem Fenster die Ziegenfleischsuppe, der abgetrennte
Kopf des Tieres steht daneben auf dem Boden. Im Tandyr genannten runden Lehmofen daneben bereiten die Frauen
Fladenbrot zu, indem sie eine Teigscheibe von innen gegen den Ofen drücken, die
nach kurzer Zeit knusprig braun ist.
Wohl wegen der vielen kleinen Kinder ist das Loch
in der wasserfreien Außentoilette diesmal besonders klein geraten. Daneben
steht ein Eimer mit lehmigen, weichen Steinen. Meine Vermutung nach dessen
Zweck bestätigt sich auf Nachfrage: Papier hat hier niemand nötig. Einen
Selbstversuch traue ich mir nach kurzem Zögern dann doch nicht.