Donnerstag, 7. November 2019

Skizzenhafte Schilderung einiger flüchtiger Eindrücke vom Rande der östlichen Wüste Gobi



Mein vierzigster Geburtstag steht kurz bevor. Die Jugend ist vergangen, es nähert sich die Zeit der Reife und der Weisheit. Jesus zog vierzig Tage durch die Wüste, bevor er seine Lehren verkündete und seine Wunderwerke vollbrachte. Auch ich möchte vor dem Eintritt in den neuen Lebensabschnitt für zumindest  ein paar Tage in der Wüste weilen, um vielleicht endlich zu erfahren, was die Welt im Innersten zusammenhält. Gemeinsam mit meiner Frau mache ich mich auf den Weg in die Wüste Gobi, welche sich dreiundzwanzig Eisenbahnstunden südlich von Ulan-Ude befindet.
Einmal wöchentlich verkehrt ein durchgehender Zug von Moskau nach Peking, abwechselnd betrieben von der Chinesischen Staatsbahn und der Russischen Eisenbahn. Als unserer, ein chinesischer, nachmittags in Ulan-Ude ankommt, war er schon vier Tage unterwegs. Nach einem flüchtigen Blick auf die Fahrkarten lässt uns der kleine schwarzhaarige Zugbegleiter einsteigen. Wir beziehen unsere zwei Betten im Viererabteil, ein oberes und ein unteres; noch bevor mir ein Gesprächsbeginn mit dem südeuropäisch aussehenden jungen Mann uns gegenüber einfällt, verlässt dieser das Abteil und wird es bis zur Grenze nicht mehr betreten. Lieber ein abwesender Nachbar als ein anwesender, der stört. Die südburjatische Steppe zieht an uns vorüber, es wird dunkel. Unser Wagen ist der letzte. Niso und ich spazieren einmal durch den ganzen Zug und wieder zurück. Die Waggons sind schmuddelig und offensichtlich schon älter, an einer Stelle entdecke ich eine Metallplakette mit der deutschen Aufschrift „VEB Waggonbau-Ammendorf, Deutsche Demokratische Republik“. Auf den verdreckten Böden der Vorräume liegen glänzend schwarze Kohlebrocken herum. Eine meist offene Tür gibt den Blick frei auf das flackernde Feuer der kleinen Metallöfen, mit denen die Wagen geheizt werden und die Temperatur  in den Wasserkesseln gegenüber des jeweils ersten Abteils auf neunzig Grad gehalten wird. Jeder Passagier kann sich hier seine Instantnudeln oder Tee aufbrühen.
In der Morgendämmerung des nächsten Tages erreichen wir Ulan-Bator. Unser nicht anwesender Südeuropäer packt seine Sachen und verlässt das Abteil, ein älteres Paar aus Bristol steigt zu. Während die Steppe immer karger und die Anzeichen von Zivilisation draußen immer seltener werden, führen wir eine kultivierte Konversation über den Brexit, die Europäische Union und die Zukunft Deutschlands. Die Zeit vergeht schnell mit Warten,  ein wenig Lesen und hin und wieder Hinaustreten auf den Gang, um die (allerdings fast gleiche) Aussicht aus dem gegenüberliegenden Fenster zu genießen und dabei neugierig die anderen Passagiere zu betrachten, die dasselbe tun. Unsere Mitreisenden im Wagen sind etwa zur Hälfte Chinesen und zur anderen Hälfte westeuropäische Touristen. Zwei Stunden südlich von Ulan-Bator bitte ich unseren Zugbegleiter um einen Putzlappen; er gibt mir einen gebrauchten Kopfkissenbezug, mit dem und einer Flasche Wasser der größer als ich gewachsene Engländer auf dem nächsten Bahnhof versucht, die verdreckten Fensterscheiben von außen zu reinigen.
Für jemanden wie mich, aufgewachsen inmitten von gesättigter Hochkultur und dichter Zivilisation, ist die Leere ein Erlebnis, das Nichts, aus dem jedes Anzeichen menschlicher Aktivität hervorsticht und in den Rang von etwas Besonderem erhoben erscheint: jeder Strommast grüßt wie ein vertrauter Freund zu mir herüber, jede Behausung in der kilometerweiten Einöde verwandelt sich in der Vorstellung zu einer gemütlichen, vertrauten Zuflucht. Bei einer Tasse Kaffee im mit hölzernen Drachenköpfen und Hakenkreuzornamenten geschmückten mongolischen Restaurantwagen – welche in jedem Staat wechseln, so dass der Reisende immer in den Genuss der landestypischen Küche kommen kann – notieren wir die Dinge, die an uns vorüberziehen und staunen, wie sich die gelbgraue Leere beim zweiten und dritten Hinsehen erfüllt mit Leben: gelbe, trockene Grasbüschel, Pferde-, Kuh- und Schafherden (meine Frau bringt mit bei, dass es im Russischen für „Herde“ je nach Tierart ein anderes Wort gibt), Vögel, ausgetrocknete Bächlein, Plastiktüten, blauer Himmel und strahlende Sonne, Plastikflaschen, selten ein Auto, ein Motorrad, ein mit erhobenem Arm den nicht vorhandenen Verkehr an einem Bahnübergang regulierender Polizist, die eine und andere steinerne Ruine oder weiße Jurte, Windräder am Horizont und mit Gras und Erde abgedeckte rechteckige Erhebungen: Bunker und Kasernen eines getarnten Armeestützpunktes.
In Sainshand hat der Zug eine halbe Stunde Aufenthalt. Der chinesische Zugbegleiter bedankt sich mit einem Kopfnicken für die Rückgabe des nunmehr sehr schmutzigen und nassen Kopfkissenbezuges. Viele Passagiere vertreten sich auf dem Bahnsteig die Beine. Wir steigen auch aus, als einzige mit Rucksäcken, also für immer. Links vom Gleis gelbe Einöde, rechts das Bahnhofsgebäude, ein paar Lebensmittelkioske und eine Straße, die zu einer kleinen Siedlung zu führen scheint – auf den ersten Blick wirkt Sainshand wenig einladend. Ich frage mich, was das Grinsen im Gesicht unseres Engländers bedeutet; ob wir wirklich hier in der Mitte vom Nirgendwo bleiben wollen, scheint er sich zu wundern. Die Sonne scheint vom blauen Himmel, eine Frau und ein Mann warten darauf, dass sich jemand für ihre Socken und Aquarellbilder interessiert. Nebenbei registriere ich, dass die Bahnstrecke tatsächlich eingleisig und nicht elektrifiziert ist, den Zug zieht eine Diesellok. Der Bahnsteig wird leer, die Wagen setzen sich in Bewegung. Mit den Socken und Aquarellbildern bleiben wir allein auf dem Bahnsteig zurück.
Ohne genaue Pläne und Verabredungen an einem ganz neuen Ort zu sein ist immer aufregend. Weil niemand und nichts auf uns wartet, wartet scheinbar jeder und alles auf uns, hinter jedem Gesicht könnte sich die nächste spannende Begegnung verbergen, hinter jeder Hausecke, an jedem Baum und Denkmal die große Offenbarung ihrer Entdeckung harren, von jedem noch unbestiegenen Hügel aus sich des großen Gottes ganze Herrlichkeit in ihrer ungeahnten Fülle darbieten. Am nächsten Morgen – inzwischen haben wir ein kleines Hotel gefunden – betreten wir das Heimatkundemuseum und fragen nach einem Auto mit Fahrer, der uns die Wüste zeigen möchte, möglichst einer, der alle Geheimnisse und Hintergründe in uns verständlicher russischer Sprache erläutern kann. Hunderttausend Mongolische Tugrik würde ein solcher Ausflug kosten, gibt uns die Großmutter an der Kasse zu verstehen, bei einem Kurs zum Euro von eins zu dreitausend kein allzu hoher Preis für einen ganzen Tag, und wir sind einverstanden. Zehn Minuten später begrüßt uns mit Handschlag ein ehemaliger Schüler der Großmutter, ein bulliger Typ mit kurzen Haaren und Sonnenbrille, und geleitet uns zu seinem Geländewagen. Er arbeitet abends und morgens als Brotlieferant und hält sich tagsüber bereit als Fahrer für spontan auftauchende Touristen.
Unser Reiseführer spricht ein exzellentes Russisch, da er noch zu kommunistischen Zeiten an eine sowjetische Schule gegangen ist, und hat einen Namen, dessen Knäuel aus fremdartigen mongolischen Klängen wir nicht verstehen können, auch nachdem er dreimal wiederholt wurde, bis ich ihn bitte, die Buchstaben auf einen Zettel zu schreiben. Das kehlige, spuckige Lauteknäuel soll Zhabchsan heißen. Ich werde mich im Verlaufe des ganzen langen Tages nie trauen, ihn mit seinem Namen anzusprechen.
Zhabchsan – niemand verlangt vom Leser lautes Vorlesen, deshalb können wir ihn im Schriftlichen ruhig so nennen – Zabchsan jedenfalls bricht mit uns in die Wüste Gobi auf. Um gerüstet zu sein für eine Vielzahl von heiligen Stätten, Hügeln und Bergen, besuchen wir zuerst ein Lebensmittelgeschäft und kaufen eine kleine Flasche Wodka und eine Packung Milch. Südlich von Sainshand verwandelt sich die immer karger werdende Steppe endgültig in Wüste, das gelbe Gras weicht bräunlichem Lehm und Steinboden. Links und rechts trotten Kamelherden an uns vorbei. Es ist windig, aber nicht kalt und schneefrei. Ich erinnere mich, dass wir vor genau einem Jahr in der Mongolei in einer dünnen Schneedecke unterwegs waren. In Burjatien wohnt ihr, sagt unser Reiseführer erfreut, das ist ja auch mongolische Erde! Die Russen fänden es bestimmt nicht lustig, wenn man ihnen erzähle, dass Burjatien eigentlich mongolische Erde sei, sage ich.
Am Stadtrand halten wir kurz, um an einem Kontrollposten eine kleine Mautgebühr zu zahlen. Unser Reiseführer gibt der Polizistin das Ticket sofort zurück, da es ohnehin niemand prüfen würde. „Dann kann sie es nochmal verkaufen“, sagt er. Nach einer Stunde erreichen wir eine Anhöhe mit zwei Steinhaufen, die aus der Entfernung an das Profil einer Mutterbrust erinnern. Frauen, so erläutert Zhabchsan, sollten hier den Geistern Milch opfern, um für all das zu danken, was sie von ihrer eigenen Mutter bekommen haben, um so ihre eigene Mütterlichkeit zu stärken. Niso spritzt den Inhalt der Milchpackung gegen die Steine, die schon von einer dicken weißen Schicht aus erstarrter Milch bedeckt sind von den vielen Müttern, die vor ihr da waren.
In einer Senke unweit des Mutterberges zeigt uns unser Reiseführer ein an der Oberfläche offen herumliegendes Dinosaurierskelett, kein ganzes Skelett, um genau zu sein, sondern nur die drei Meter lange versteinerte Wirbelsäule und einige Brustknochen, aber trotzdem beeindruckend: ob die Knochen schon lange hier so herumliegen und warum sie niemand einfach mitnimmt, möchte ich wissen. Nun, sagt Zhabchsan, das wäre ja hier ein heiliger Ort, wenn man auch nur einen einzigen Stein in die Tasche stecke, brächte das Unglück über die ganze Familie, aber bei genauem Hinsehen könne man durchaus erkennen, dass schon einige der Wirbel durch einfache Felsbrocken ersetzt wurden. Vielleicht habe man sie an die Chinesen verkauft, die Grenze sei nicht weit und das Nachbarvolk ganz heiß auf solche Dinge.
Immer wieder kommen wir an leuchtend weißen Stupas vorbei, quadratische, massiv gemauerte buddhistische Schreine, wie wir sie auch aus der Baikalregion kennen. An einer Stelle stehen Dutzende von ihnen in einem großen Quadrat, in dessen Mitte zwei Mongolen telefonierend auf dem Rücken im Schotter liegen. Dieser Ort sei als spirituelles Energiezentrum bekannt, die empfangene kosmische Kraft könne man sogar per Telefon an seine Verwandten und Freunde weitergeben, erläutert uns Zabchsan. In einer Art großen metallenen Kanne mit seitlichen Öffnungen entzündet er ein grünes wohlriechendes Pulver, wohl das buddhistische Gegenstück zum christlichen Weihrauch, und führt uns zu einem ungeordneten Steinhaufen. Der Dämonenmagen, erfahren wir, und wenn man an einer bezeichneten Höhlung seine Sünden hineinflüstert, würde er sie schlucken und einen auf diese Weise davon befreien. Niso und ich überlegen einen Moment und murmeln dann nacheinander einige nur uns bekannte Worte in die genannte Vertiefung.
Ein paar Kilometer werden wir zur Besichtigung einiger dunkler Felshöhlen aufgefordert, in denen Mönche einst meditierend einhundertacht Tage zubrachten, bis 1937 das Ende kam; Parteichef Tschoibalsan, der Stalin der Mongolei, ließ das benachbarte Kloster zerstören und die Lamas verjagen oder verhaften. Erst später, nach der Reise, werde ich bildungshungrig in Wikipedia blättern und lernen, dass einhundertacht im Buddhismus eine heilige Zahl ist, die sich wiederum als Produkt aus anderen heiligen Zahlen zwölf (Anzahl der Tierkreiszeichen) und neun (klassische Anzahl der Planeten, noch mit Pluto) ergibt und der Menge an Perlen auf einer Gebetskette entspricht, welche wiederum die Anzahl an Wiederholungen eines Mantra-Spruches vorgibt, und so fort – doch noch bin ich nicht zuhause am Laptop, sondern in der Wüste: gerade steuert Zhabchsan mit uns das Chamaryn-Kloster an und führt uns in einem der Tempel durch eine mit Hakenkreuzornamenten umrahmte Tür. Hinter einem mit verschiedenen Metallgefäßen, Ketten und Räucherpulvern vollgestellten Tisch sitzt im orangenen Umhang ein glatzköpfiger Lama und rezitiert mit kehliger, tiefer Stimme heilige Worte.  Auf der mit einem spitzen Ende nach unten hängenden Tischdecke prangt schon wieder ein Hakenkreuz. Unser Reiseführer scheint ihn gut zu kennen; der Lama unterbricht seinen Gesang, um mit ihm zu scherzen, erkundigt sich nach unserem Wohlergehen und erlaubt mir, ein Foto zu machen. Um der Heiligkeit und Besonderheit des Ortes gerecht zu werden, erhebt sich wie von selbst meine rechte Hand, um das Kreuz zu schlagen. Im letzten Moment besinne ich mich und nehme dazu noch die linke, um die aneinandergelegten Handinnenflächen vor die Brust zu führen – sicher auch nicht korrekt, aber immer noch besser, als sich im buddhistischen Tempel zu bekreuzigen. Obwohl auch das nicht schlimm wäre. Mir scheint, es geht unkompliziert und pragmatisch zu mit einer Portion Humor.
Bevor sich die Sonne dem Horizont nähert, steuern wir den einige hundert Meter hohen Berg der Wünsche an. Am Fuße der Erhebung kauft sich Niso im Souvenirstand eine Klangschale, dann begeben wir uns die gemauerte Treppe hinauf und schreiben an einer Art gusseisernem Ofen unsere geheimen Wünsche auf einen Zettel. Wenig später steigt der Rauch von unseren verbrennenden Zetteln zu den Göttern auf, auf dass sie nun die Erfüllungswürdigkeit unserer Bitten prüfen mögen. Fünfzig Meter unterhalb des Gipfels lasse ich Niso zurück und steige allein die letzte Etappe hinauf. Die Tradition verbietet es Frauen, den Weg ganz bis zum Gipfel zurückzulegen. Neben den im Winde flatternden Gebetsfahnen auf dem Berg der Wünsche erinnere ich mich an die kleine Flasche Wodka in meiner Jackentasche und lasse den gesamten Inhalt von einer Böe hinwegtragen, wie es der Brauch verlangt. In Burjatien wird dieses Ritual in einer Abwandlung praktiziert; den Geistern opfert man nur ein paar Tropfen, der Rest geht an die eigene Leber.
Südlich von Sainshand gibt es ein großes Feld mit Solarzellen, dahinter stehen fünfundzwanzig Windräder, schnurgerade in einer Reihe in die lehmgelbe Hügellandschaft hinein. Am nächsten Tag fahren wir mit Zhabchsan zu seinen Bekannten, die in einer Jurte in einer Senke zwei Kilometer westlich von Windrad Nummer fünf wohnen. Neben der runden weißen Behausung steht ein offenes Stallgebäude mit einem aus gedrockneten Viehdung-Ziegeln errichteten Zaun davor. Wir treten ein durch die leuchtend blau und rot lackierte Holztür und werden gebeten, auf Hockern in der linken Hälfte Platz zu nehmen, die für Gäste und Männer vorgesehen ist. Uns gegenüber sitzen die Gastgeber, eine jüngere und eine ältere Frau mit wettergegerbtem Gesicht und einem dunkelgrünen Deel mit orangenem Gürtel, der traditionellen mongolischen Bekleidung. Die Jurte ist sehr sauber und aufgeräumt, fast ein wenig leer; wie uns Zabchsan mitteilt, wohnen die anderen Familienmitglieder in der Stadt. Eine Autobatterie spendet morgens und abends Strom für die Deckenlampe. Mich wundert die Abwesenheit des Fernsehers und das Vorhandensein einer großen funktionierenden Wanduhr, hatte ich doch geglaubt, dass in der Mongolei die Zeit im Sinne der westlichen Welt keine Rolle spiele.
Man reicht uns zwei Schalen mit Archi, aus vergorener Milch gebranntem Wodka. Ich fühle mich inspiriert und glücklich. Mir scheint, der große Moment naht, das zentrale Schlüsselerlebnis unserer Reise: der lang ersehnte Dialog mit den Eingeborenen der Wüste Gobi. Als studierter Sprachwissenschaftler habe ich mich selbstverständlich über Tage darauf vorbereitet. Irgendwo in meinem Rucksack liegen drei DIN-A4-Zettel, eng beschrieben mit einigen hundert mongolischen Wörtern, Sätzen und grammatischen Grundregeln. Jetzt, da ich endlich zwei echten Mongolen in einer mongolischen Jurte gegenübersitze, fallen mir allerdings nur zwei davon ein. Macht nichts, denke ich, der Rest wird aus den Tiefen des Gedächtnisses im Verlaufe unseres philosophischen Austausches sicher hervortreten.
„Minij ner Thomas. In minij echner“, sage ich mit einladendem Lächeln. Das bedeutet soviel wie dass mein Name Thomas sei und sich neben mir meine Ehefrau befände.
Die jüngere der beiden Frauen gießt aus der Thermoskanne Tee in meine Schale nach. Die ältere schaut ausdruckslos vor sich hin.
„In minij echner“, sage ich.
Die jüngere Frau steht auf und zeigt unserem Reiseführer etwas auf ihrem Smartphone.
Abendelang habe ich die mongolische Phonetik studiert, weiß, dass die am Ende der Worte geschriebenen Vokale nicht ausgesprochen werden, dass beim „L“ die Luft so hart hinter die an den Gaumen gepresste Zunge gepustet werden muss, dass sie links und rechts seitlich über dieser entweicht und überhaupt, dass die Laute tief hinten im Rachen gebildet werden und es irgendwie archaisch, erdig und hart klingen muss.
„Minij echner“, sage ich zweifelnd.
 Meine Sicherheit im Mongolischen beginnt zu bröckeln.
Aus den Gesichtern unserer zwei Gastgeber ist nicht abzulesen, ob sie mich verstanden haben und wenn ja, ob sie dem Gesagten eine Bedeutung beimessen.
Wir schweigen.
Es gibt Wege zu den Herzen aller Menschen, doch diese können sehr verschieden sein. Man muss nur den richtigen finden.
„Gibt es viel Schnee hier im Winter?“, frage ich auf Russisch mit einem Seitenblick auf unseren Reiseführer und Dolmetscher.
„Nein, gibt es nicht“, antwortet Zhabchsan, anstatt zu übersetzen.
„Können Sie meine Frage an die Frauen bitte auf Mongolisch wiederholen?“, sage ich.
„Warum denn, wenn ich die Antwort selbst weiß.“
Wir schlürfen Milchtee und knabbern süßen getrockneten Quark. Rechte Gemütlichkeit will sich nicht einstellen, vielleicht liegt es daran, dass es draußen warm ist und deshalb der Metallofen in der Mitte ungeheizt bleibt, vielleicht auch daran, dass das Gespräch mit den Eingeborenen der Wüste Gobi nicht in Gang kommt. Nach einer Weile verlassen wir die Jurte und steuern einen dornigen Baum in einigen hundert Metern Entfernung an, vor dessen Stamm ich mich in nachdenklicher Pose niederhocke, damit Niso ein paar eindrucksvolle Fotos machen kann.
Noch ehe die Gelegenheit kommt, dem teuflischen Versucher zu wiederstehen, der wie das biblische Vorbild sicher auch mich bald heimsuchen würde (erst später fällt mir wieder ein, dass die Gobi ja eine buddhistische Wüste ist) – ehe jedenfalls drei Minuten vergangen sind, winkt uns Zhabchsan zurück zur Jurte. Wir betrachten neugierig die Reste einer russischen Panzerabwehrminen-Attrappe im Lehmboden – von 1966 bis 1992 waren sowjetische Truppen in der Mongolei stationiert, und hier war ein Übungsgelände – dann geht es wieder nach Sainshand.
Ich drücke Zhabchsan vierzigtausend Tugrik als Dankeschön für die heutige Exkursion in die Hand, wir verabschieden uns und spazieren vom Zentrum zum etwas außerhalb gelegenen Bahnhof. Außer ein paar verkümmerten, angepflanzten Bäumen am Straßenrand ist weit und breit kein größeres Gewächs zu sehen. Viele Mongolen wohnen in Jurten, nicht nur auf dem Land, sondern auch in der Stadt. Die kleinen kahlen Grundstücke sind umgeben von Zäunen aus Holz oder Metall, zum Beispiel aus den Boden- und Seitenteilen aufgeschnittener und glattgepresster Fässer. An einer interessanten Stelle setzen wir uns auf den Boden, ich zeichne ein kleines Aquarellbild. Charakteristisch für mongolische Siedlungen ist ein bestimmter chemischer Geruch, wie eine Mischung aus Kohlerauch und verbranntem Gummi – sicher nur im Winter, wenn geheizt wird, aber ich kenne das Land nur aus der kalten Jahreszeit.
Mit dem Nachtzug fahren wir nach Ulan-Bator. Der Waggon begrüßt uns wie ein alter Bekannter: ein russischer Großraumwagen mit den Pritschen zum Übernachten in üblicher Anordnung. Wir fühlen uns schon fast wieder wie zuhause. Da der Regionalzug ständig anhält und Leute ein- und aussteigen, kann ich nicht einschlafen und lese lieber: die transmongolische Eisenbahnstrecke wurde von der Sowjetunion gebaut; das siebzig Jahre alte Abkommen zwischen dieser und der damaligen Mongolischen Volksrepublik über den Betrieb und die Netzunterhaltung ist noch heute gültig, die Bahn ist Eigentum der russisch-mongolischen Ulan-Bator-Eisenbahn-Aktiengesellschaft, fährt auf russischer Breitspur und mit russischer Technik. Einige Unterschiede zu den Zügen im heimischen Russland – habe ich eben vom heimischen Russland gesprochen? Höchste Zeit für die Rückkehr nach Deutschland! – fallen uns dann doch auf: niemand will unsere Pässe sehen, die neue Bettwäsche ist nicht in Folie eingeschweißt, die beiden erstaunlich sauberen Toiletten nach Geschlecht getrennt und auf der Plattform am Wagenende wird geraucht.
In der Morgendämmerung erreichen wir die Hauptstadt. Vor der Rückreise kaufe ich etwas, das es in Ulan-Ude nicht gibt: Haverland Bauern-Schwarzbrot mit würzigem Malzgeschmack, herrlich rustikal. Mongolische Supermärkte sind gefüllt mit deutschen Lebensmitteln in Originalverpackung. Die Straßen sind gefüllt mit japanischen Autos. Das Lieblingsauto der Mongolen ist der Toyota Prius, welche geschätzt zwei Drittel aller Fahrzeuge ausmachen. Extrem chaotisch, aber weich und ganz leise gleiten sie dahin, fast lautlos deshalb, weil es Hybridautos mit Elektromotor sind; unglaublich knapp wird beim Spurwechsel geschnitten, Ampeln werden übersehen und Fußgängerüberwege ignoriert, aber die rätselhafte asiatischer Harmonie verhindert jedesmal in letzter Sekunde einen Zusammenstoß. Nach wie vor materialisieren sich Taxis innerhalb von Sekunden. Man braucht nur die Hand auszustrecken, und schon sitzt man im übernächsten Auto.
Obwohl meine Frau und ich in der Mongolei fast nichts verstehen von dem, was gesprochen wird, können wir doch die Eigennamen und Beschriftungen auf Schildern und Aushängen zumindest lesen. Nach der kommunistischen Revolution wurde das kyrillische Alphabet eingeführt, das bis heute gültig ist. Auf den Banknoten, an vielen Denkmälern und einigen Gebäuden finden sich darüberhinaus die wie an einem hängenden Faden von oben nach unten verlaufenden Buchstaben der altmongolischen Schrift. Seit einigen Jahren ist ihr Erlernen an den Schulen wieder ein Pflichtfach, Beamte müssen wohl ihre Kenntnis nachweisen.
Zurück nach Ulan-Ude fahren wir mit dem Bus. Nach etwa vier Stunden erreichen wir die Grenze. Die Fahrgäste müssen aussteigen und ihr Gepäck persönlich durch die Zollabfertigung tragen, zuerst auf der mongolischen, dann auf der russischen Seite. Nach zwei Stunden kann es eigentlich weitergehen, wenn da nicht eine Frau wäre, die offensichtlich etwas Verbotenes mitführt oder deren Tasche die Gewichtsobergrenze von – seit diesem Jahr ein neues Gesetz – fünfundzwanzig Kilogramm überschritten hat oder beides, jedenfalls füllt sie eine geschlagenen Stunde lang irgendwelche Formulare aus, während die anderen Passagiere in einem Vorraum des Zollgebäudes warten müssen. Ich zähle unterdessen die vielen A4-formatigen Zettel an Wänden, Türen und Fenstern und komme auf ungefähr einhundert: manche ordentlich eingerahmt auf Schwarzen Brettern, andere mit Klebestreifen an der nackten Wand befestigt; die einen uralt und ausgeblichen, die anderen offensichtlich neueren Datums, manche mit Überschrift, die meisten ohne, eine wirre, chaotische Vielfalt von Gesetzestexten, Warnungen, Regeln, Vorschriften, Hinweisen und Formalitäten. In Russland wird man entweder von einer tausendfachen unstrukturierten Informationsflut erschlagen oder erfährt überhaupt nichts. Auf unserer Reise von der Morgen- bis zur Abenddunkelheit haben unsere Fahrer nicht ein einziges Mal die Passagiere mit einer Ansage über irgendetwas aufgeklärt. Aber eigentlich ist das wohl gar nicht wesentlich, Erwartungen eines flixbusverwöhnten Westlers. Spät erreichen wir die burjatische Hauptstadt. Die Wüste Gobi versinkt in der Erinnerung.
Am nächsten Tag werden Niso und ich Maja von den Großeltern abholen. Mein Schwiegervater ist inzwischen stolzer Besitzer eines silbergrauen Wolga 3105, fünfzehn Jahre alt, aber in sehr gutem Zustand. Er wird mir einen Geburtstagswunsch erfüllen: mit Genuss werde ich das reichlich Benzin schluckende, breite, weiche und flache Gefährt mit Hinterradantrieb eine Runde selbst durchs Dorf steuern.

Die Wasserkessel im Fernzug von Moskau nach Peking (oben) werden mit Kohle geheizt (unten).
Im mongolischen Speisewagen (oben). Blick aus dem letzten Wagenfenster (unten)
Niso opfert den Göttern Milch am Mutterbrustberg (oben). Unser mongolischer Reiseführer Zhabchsan sprach zum Glück ausgezeichnet Russisch (unten)
Leuchtend weiße Stupas umrahmen einen als kosmisches Energiezentrum bekannten Ort (oben). Das Hakenkreuz ist in der Mongolei ein Symbol mit positiver Bedeutung (unten)
Am Berg der Wünsche schreibt Niso die ihren auf einen kleinen Zettel, der dann verbrannt wird (oben). Mein Gespräch mit den Gobi-Eingeborenen in der Jurte verlief nicht ganz zufriedenstellend (unten)
An meinem 40. Geburtstag ließ mich der Schwiegervater ans Steuer seines neuesten Stolzes: ein Wolga 3105

Mittwoch, 6. November 2019

Nach Süden


  Die Stadt Ulan-Ude hat eine große Bedeutung als Eisenbahnknotenpunkt. Von der weiter nach Osten führenden Transsibirischen Eisenbahn zweigt hier die Transmongolische Bahn ab, die über Ulan-Bator nach Peking verläuft. Meinen bevorstehenden vierzigsten Geburtstag und unseren gerade zurückliegenden ersten Hochzeitstag möchten Niso und ich zum Anlass für eine Zugfahrt in die chinesische Hauptstadt nehmen, eine zweitägige Fahrt durch die Weiten der südburjatischen Steppe und das Nichts der mongolische Wüste bis hinein in die chinesischen Ballungszentren, wo sich ein Wolkenkratzer an den anderen reiht.
  Die Einreise in die Mongolei ist für uns visafrei. Eine sehr freundliche Burjatin in einem vollgestopften Büro an einem kleinen überfüllten Schreibtisch kümmert sich um die Beschaffung der Touristenvisa für China. Da Niso und ich unterschiedliche Staatsbürgerschaften haben, werden unsere Pässe per Express-Kurier in verschiedene Landesteile geschickt: Nisos Pass nach Westen, in das am nächsten gelegene chinesische Konsulat in Irkutsk. Mein Pass in den Osten, nach Wladiwostok, da der Irkutsker Konsul leider keine Visa an Nicht-Russen ausstellt.
  Nach zwei Wochen kommt mein Pass zurück, wie schade: ohne Visum. Leider wurde die Annahme in den Wladiwostok und auch in Chabarowsk verweigert, sagt die freundliche Burjatin und vermutet, es könne mit der Arbeitsüberlastung der Konsulate vor den chinesischen Nationalfeiertagen Anfang Oktober zu tun haben. Sie würde meinen Pass etwas später einfach nochmal hinschicken, dann wäre dort auch ein anderer, sicher besser gelaunter Konsul und es klappe bestimmt.
  Auch meine Frau bekommt zunächst kein Visum: sie möge sich bitte zu einem persönlichen Gespräch in Irkutsk einfinden. Grund ist ihr muslimisches Geburtsland Tadschikistan und die neuen chinesischen Vorschriften der Terror-Prävention.
  Also reist Niso mit dem Nachtzug nach Irkutsk und begibt sich zum chinesischen Konsulat. Ein kurzer Blick in ihr Gesicht überzeugt die Chinesen, dass sie es mit einer nicht-vollverschleierten, ungefährlichen Touristin zu tun haben. Ihr Pass wird angenommen und eine Woche später mit dem ersehnten Visum nach Ulan-Ude zurückgeschickt. Niso setzt sich in den Bus und ist schon nach weniger als einem Tag wieder zuhause: vierzehn Stunden Hin- und Rückfahrt, drei Stunden in Irkutsk.
  Unterdessen – in China wurden die pompösen Feiern zum siebzigsten Jahrestag der Gründung der Volksrepublik erfolgreich absolviert – fliegt mein Reisepass ein zweites Mal an die Pazifikküste, erst nach Wladiwostok, dann nach Chabarowsk. Nach einer Woche bestellt mich die freundliche Burjatin in dem kleinen Büro wieder zu sich und händigt mir mit mitleidigem Blick das Dokument aus. Wieder kein Visum. Warum, wisse keiner, sofortige Ablehnung, mein deutscher Pass wurde nicht einmal aufgeschlagen. Es täte ihr wirklich sehr leid.
  Niso und ich haben zu sehr der transmongolischen Eisenbahnfahrt entgegengefiebert, als dass wir zuhause bleiben würden. Auch Maja, die gerade Schulferien hat, freut sich auf eine Woche Elternfrei bei Oma und Opa auf dem Dorf. Also besteigen wir trotzdem den Zug. Vor der Abreise schauen wir zur Einstimmung „Die Geschichte vom weinenden Kamel“. Unser neue Ziel heißt Sainshand, ein kleiner mongolischer Ort zweihundert Kilometer vor der chinesischen Grenze, inmitten der Wüste Gobi.



Donnerstag, 31. Oktober 2019

Jakutsk


Eines Abends besteige ich in Ulan-Ude ein kleines Propellerflugzeug des kanadischen Herstellers Bombardier. Mein Platz ist etwa in der Mitte der nur zwölf Sitzreihen am Fenster unter dem Flügel. Neben mir sind die Räder und, etwas weiter vorn, ein vom Scheinwerfer angestrahltes Propellerblatt, das sich nach dem Anspringen der Motoren in einen Lichtkreis verwandelt und nach dem Aufstieg in die sibirische Nacht gänzlich unsichtbar wird. Drei Stunden später und anderthalb tausend Kilometer weiter nordöstlich landen wir in Jakutsk. Zwei kleine jakutische Deutsch-Studentinnen holen mich vom Flughafen ab und bringen mich ins Wohnheim.
Jakutsk unterscheidet sich von anderen mir bekannten russischen Großstädten in drei Punkten. Aufgrund des Dauerfrostbodens verlaufen alle Fernwärme-Heizungsrohre überirdisch. Wie ein immer präsentes Skelett verlaufen sie entlang der Plattenbauten, Fußwege und Straßen, mal direkt auf der Erde, mal hoch oben auf Betonpfeilern, hier ohne Isolierung, dort eingepackt in von weißem Tuch umhüllten Schaumstoff. Außerdem stehen alle Häuser auf Stelzen, sichtbaren oder unter einer Verkleidung verborgenen. Eingänge sind deshalb nie zu ebener Erde, sondern ein, zwei Meter oberhalb durch eine Außentreppe zu erreichen. Und, ein dritter wichtiger Unterschied: Jakutsk hat keinen Bahnhof. Es ist die größte russische Stadt, die nicht an das Eisenbahnnetz angeschlossen ist.
Durch Sibirien verlaufen drei große Bahnlinien: die populäre Transsibirische Eisenbahn, die den Baikalsee südlich umrundet, unweit der chinesischen Grenze weitergeht und in Wladiwostok endet. Ein paar hundert Kilometer weiter nördlich davon die BAM, die Baikal-Amur-Magistrale, errichtet durch unwegsames Niemandsland in der Hoffnung auf eine nachfolgende Erschließung des Rohstoffreichtums und als Alternative zur Transsib im Falle einer Zuspitzung des früheren Konfliktes mit China, sollte die Grenzregion plötzlich zum Frontgebiet werden. Erlebte die Transsibirische Eisenbahn ihre Eröffnung bereits vor über hundert Jahren, so wurde die BAM erst in den Achtzigern mithilfe von enthusiastischen Arbeitskräften aus dem sozialistischen Ausland fertiggestellt. Das dritte und jüngste Bahnprojekt ist die AJAM, die Amur-Jakutische Magistrale, die nicht von West nach Ost, sondern von Süd nach Nord verläuft, vom Amurgebiet nach Jakutien. In diesem Sommer erst wurde der Bahnhof Nizhnij Bestjách am Fluss Lena für den Personenverkehr freigegeben und der Streckenbau damit abgeschlossen, welcher ähnlich der BAM unter schwierigsten klimatischen Bedingungen auf unwirtlichem Dauerfrostboden erfolgte. Vom kleinen Ort Nizhnij Bestjach bis in die Gebietshauptstadt Jakutsk sind es nur ein paar Kilometer. Zwischen ihnen liegt der Fluss Lena, drei Kilometer breit, und bisher hat sich noch niemand getraut, die hier erforderliche gigantische Eisenbahnbrücke zu errichten, in einer Gegend, wo der Winter fast neun Monate dauert und die Temperaturen im Januar minus fünfzig unterschreiten.
Jakutsk begrüßt mich mit einer geschlossenen Schneedecke und minus zehn Grad. Obwohl der globale Klimawandel in den russischen Medien fast keine Rolle spielt und es als unseriös gilt, ihn als menschengemacht darzustellen, sind seine Auswirkungen auch hier zu spüren. So warm war es Ende Oktober noch nie, sagen die Einheimischen, es sollte mindestens doppelt so kalt sein. Ich bin eingeladen worden, um an den „Deutschen Tagen“ mitzuwirken, die an verschiedenen Orten stattfinden: im Kino zeigt man „Toni Erdmann“ im Original (wo allerdings mehr Englisch als Deutsch gesprochen wird), im Konzertsaal spielt man Beethoven und Brahms (Jakutsk hat tatsächlich ein großes Sinfonieorchester), in der Nationalbibliothek gibt es eine Ausstellung mit wertvollen alten Büchern, ein Geschenk der inzwischen über neunzigjährigen deutschen Ethnologin Ulla Johannsen, die durch ihre Erforschung der jakutischen Volkskultur in akademischen Kreisen fast eine Art Heldenstatus erlangt hat. In einem Seminar an der Universität bringe ich Studenten bei, Fraktur zu lesen und Kurrentschrift zu schreiben:  deutsche Sprachgeschichte lebendig machen könnte doch interessant sein – und tatsächlich habe ich die Aufmerksamkeit der meisten auf meiner Seite. Damit es ein wenig authentischer wird, teile ich Füllfederhalter aus – um es nicht zu kompliziert zu machen, keine zum Eintunken mit Tintenfass, sondern moderne mit Patronen. Die jungen Leute halten zum ersten Mal einen Füller in der Hand, manche umklammern ihn auf ganz eigentümliche Weise mit den handflächennahen Fingergliedern und stellen ihn senkrecht aufs Papier, so, wie sie auch den Kuli halten. Ich vermute, in der nächsten oder übernächsten Generation wird die Kulturtechnik des Mit-der-Hand-Schreibens vollends ausgestorben sein, zumindest in den fortschrittlichen, digitalisierten Ländern.
Die Jakuten sind neben den Burjaten das größte indigene Volk Sibiriens, von beiden gibt es etwa eine halbe Million Menschen. In Jakutsk höre ich sehr viel mehr Jakutisch auf der Straße als Burjatisch in Ulan-Ude, es scheint, dass die Jakuten weniger russifiziert sind und ihre Nationalsprache besser bewahren konnten – vielleicht hängt es mit ihrer abgeschiedenen geografischen Lage zusammen. Die zierliche, hübsche Jakutin, die mich durch das Museum der Maultrommeln der Völker der Welt führt, klagt trotzdem darüber, dass Jakutisch an den Schulen keine Pflichtsprache mehr und somit in den privaten Bereich abgedrängt ist. Meiner Frau erfülle ich einen Wunsch und kaufe ihr im Museum eine jakutische Maultrommel, ein hier sehr verbreitetes Volksinstrument. Abends besuche ich zum ersten Mal ein Maultrommelkonzert und höre ein Maultrommelorchester.
Jakutien ist so groß wie Indien, hat aber tausendmal weniger Einwohner. Wie gern würde ich noch nach Werchojansk oder Oimjakon reisen, die sich um den Titel Kältepol aller bewohnten Gebiete der Erde streiten, oder nach Mirnyj, wo der Diamantenabbau einen gigantischen künstlichen Krater zurückgelassen hat, oder an den Arktischen Ozean, wo über der Tundra jetzt schon die Sonne kaum noch aufgeht, die ewige Polarnacht bevorsteht und wo – wie ich im Mammut-Museum erfahren konnte – prähistorische Tierknochen praktisch an der Oberfläche herumliegen. Aber das Leben ist zu kurz, um ganz Russland zu umarmen. Es wartet der Rückflug an den Baikalsee.

Häuser auf Stelzen und überirdische Fernwärme-Rohre


Maultrommelmuseum (oben) und Maultrommelkonzert (unten)



"Wer steht hinter Greta Thunberg?  [...] Westliche Politiker interessieren sich nicht für die wissenschaftliche Wahrheit" In Russland wird die These vom menschengemachten Klimawandel angezweifelt. Sie diene nur dazu, den Einfluss des Westens in der Welt zu verstärken und das vom Export fossiler Rohstoffe lebende Russland zu ruinieren

Samstag, 26. Oktober 2019

Service


„Heute habe ich neue Winterreifen gekauft“, erzähle ich eines schönen Tages erfreut meiner Frau, „allerdings sind sie viel schmaler als die Ganzjahresreifen, die ich bisher hatte, aber das habe ich erst nach dem Kauf gemerkt.“
„Mit wem zusammen hast du die Reifen denn gekauft?“, will Niso wissen.
„Mit niemandem. Ich habe mich auf die Beratung im Fachgeschäft verlassen. Dort haben sie gesagt, für den Lada Niva gäbe es nur eine einzige Winterreifensorte. In der Werkstatt, wo ich sie habe wechseln lassen, hat man sich sehr gewundert und gesagt, das sei Quatsch...“
„Du kannst doch nicht einfach dem glauben, was dir der Verkäufer erzählt!“
„…und dort haben sie mir dann die neuen Reifen ohne die mitgelieferten Schläuche aufgezogen. Ohne Schläuche wären die Laufeigenschaften viel besser.“
„Manchmal staune ich über deine Naivität“, sagt Niso. „Wir sind hier nicht in Deutschland. Du kannst nicht einfach glauben, was dir irgendein Verkäufer erzählt, und dann auch noch in die erstbeste Bude zum Reifenwechseln fahren…“
„Wenn dransteht ‚Reifenwechsel‘, dann werden da doch wohl ausgebildete Fachkräfte tätig sein!“
„…wo jeder Alkoholiker arbeiten kann, nachdem er drei Tage angelernt wurde. Ausbildung! So etwas gibt es in der Welt, wo du herkommst, aber nicht hier. Du musst jemanden mitnehmen, der dir eine verlässliche Werkstatt empfiehlt. Und der sich bei Kauf nicht übers Ohr hauen lässt wie ein ahnungsloser Ausländer.“
Ich mache ein beleidigtes Gesicht.
„Als ich beim Ersatzteilehandel im Lager gearbeitet hatte, haben wir zwei Gruppen von Kunden unterschieden. Die, denen man ansah, dass sie Ahnung haben, haben das bekommen, was sie wollten. Und den anderen wurden die billigen chinesischen Ersatzteile gegeben. Auch wenn sie teurere aus russischer Produktion bestellt hatten. Verpackung ausgetauscht, fertig.“
„Und diesen Betrug hast du mitgemacht?“, frage ich fassungslos.
„Ich war nicht an der Warenausgabe, aber habe das bei den Kollegen mitbekommen und natürlich geschwiegen. Alle haben geschwiegen. Sonst wären wir am nächsten Tag den Job losgewesen.“

Eines anderen schönen Tages ruft mich Niso auf Arbeit an. „Komm mal schnell nach Hause, der Klavierstimmer ist gerade bei uns!“ An den Oktavklängen im Hintergrund höre ich, dass er schon vor einer Weile begonnen zu haben scheint.
Kopfschüttelnd verlasse ich das Büro und renne nach Hause.
Tatsächlich macht sich an unserem Klavier gerade Stanislav Fedschenko zu schaffen, von dem ich vor zwei Jahren das Instrument gekauft hatte. Der dicke Mann mit Glatze, rundem Bauch und kleinen, flink wuselnden Wurstfingern ist das genaue Gegenteil zu dem hageren, durchgeistigten, bedächtigen und nun leider toten Sergej Okladnikov.
„Guten Tag“, versuche ich meinen Ärger zu unterdrücken, „ich hatte Sie gar nicht bestellt, sondern mich bei Ihnen lediglich telefonisch nach dem Preis erkundigt!“
„Ich habe nur jetzt und heute Zeit, dir zu helfen“, sagt Stanislav, „ich bin sehr beschäftigt.“
In nur anderthalb Stunden leimt er Hämmerchen neu an, biegt Federchen gerade, putzt die Klaviatur und  stimmt das Klavier komplett durch. Okladnikov hatte nur für das Stimmen mindestens die doppelte Zeit gebraucht.
„Ich danke Ihnen“, sage ich, obwohl das Klavier genauso unsauber klingt wie vorher, nur anders. Zum Glück haben nicht alle so überempfindliche Ohren wie ich.
„Wenn du mich wieder brauchst, melde dich“, sagt er und reicht mir seine Wursthand.


Dienstag, 22. Oktober 2019

Mogsochon



Aus dem weiß gekalkten Ofen tönt geheimnisvolles Prasseln und Rauschen. Die aufgehende rote Sonne wirft ihre Strahlen durch die Fenster in das aus dicken Balken konstruierte Holzhaus, dessen blau gestrichene Bretterdecke so hoch ist, dass auch ein groß gewachsener Mensch im Stehen sie nicht berühren kann, wenn er die Hand nach oben ausstreckt. Draußen herrscht Stille, das Schweigen fernab der Großstadt, unterbrochen nur von ein paar Viehlauten. Das sandige Grau des Bodens ist von einer dünnen Schneeschicht bedeckt. In den morgendlichen Minusgraden vor dem Haus dreht und streckt sich eine drahtige kleine Frau bei ihrem täglichen Yoga-Ritual. Ich lehne mich an die Ofenwand und schreibe Tagebuch.
Wir sind zu Gast bei Natalja in Mogsochón. Erst war die Fahrt über guten Asphalt gegangen, vorbei an lichten Nadelwäldern mit von früheren Unterholzbränden verkohlten Stämmen, dann über schlechten Asphalt durch eine Dunstglocke vorbei an gerade brennenden Wäldern und schließlich auf sandiger Piste durch die Steppe. Nach vier Stunden Kurs Richtung Osten dann das Dorf. Natalja ist Russin, alleinstehend, siebenundvierzig Jahre alt und vor zwei Jahren aus der Stadt in das Siebenhundert-Seelen-Dorf gezogen. Hier arbeitet sie als Englischlehrerin an der kleinen Schule, die ihren Lehrkräften neben dem knapp über dem Existenzminimum liegenden Gehalt noch Brennholz und Kartoffeln zur Verfügung stellt und Natalja auch mit Fleisch versorgen würde, wenn sie nicht Vegetarierin wäre. Gestern hatte es in der Schule ein besonderes Ereignis gegeben: English Club verkündet das handgemalte Plakat an der Klassenzimmertür, Special Guest: Thomas Ranft. Ich hatte meinen geschenkegefüllten Rucksack mit deutschen Schreibblöcken, Kulis und Ansteckern geschultert und war zusammen mit meiner Frau unserer Gastgeberin gefolgt, im kalten Herbstwind über die sandigen Dorfstraßen zu ihrem Arbeitsplatz.
Natalja ist nach Mogsochon gezogen, um etwas zu tun, womit sich freiwillig die allerwenigsten Russen beschäftigen: die Sprache eines der Minderheitenvölker zu lernen, die in großer Vielfalt das Territorium der Russischen Föderation besiedeln. In Mogsochon ist das Burjatische im Alltag sehr lebendig und noch nicht durch das Russische verdrängt wie in Ulan-Ude, wo die meisten Burjaten die Sprache ihrer Vorfahren nicht mehr sprechen. Trotzdem könne man zusehen, sagt Natalja, wie Burjatisch auch auf den Dörfern zurückgeht und die Kinder es von Jahrgang zu Jahrgang schlechter beherrschen. Die Lehrerin hat eine Mission, sie möchte ein modernes Lehrbuch der burjatischen Alltagssprache erstellen und so einen Beitrag zum Erhalt dieser der mongolischen verwandten Kultur leisten.
Die Kinder an der Schule hatten mir auf Englisch erzählt, wie sie heißen und wie alt sie sind, dann hatten wir „Are you sleeping, Brother John“ gesungen. Sprachen unterrichten sei hier eine mühevolle Angelegenheit, sagt Natalja, geistige Arbeit stünde generell nicht hoch im Kurs, die meisten Schüler treiben in der Freizeit Sport und helfen ihren Eltern in der Landwirtschaft oder sitzen zuhause mit ihren Gadgets. Die meisten waren noch nie in einem Museum oder einem Konzert. Als ich die Gitarre herausgeholt und ein Lied von Reinhard Mey vorgetragen hatte, filmten mich ein halbes Dutzend Smartphones.
Seit einer Woche hält unsere Gastgeberin auch Deutschstunden. Wie in vielen anderen burjatischen Schulen wurde in der neunten Klasse eine zweite Fremdsprache eingeführt, da in Kürze eine Anweisung des Bildungsministeriums erwartet wird, die lauten könnte, dass die Neuntklassen-Zwischenzeugnisse ohne Note in einer zweiten Fremdsprache ungültig sind. Ausgebildete Lehrer dafür gibt es keine, es werden die herangezogen, die eben da sind. Also unterrichtet Natalja nun Deutsch, obwohl sie es selbst nicht besonders gut kann. Nach der Begegnung mit einem echten Deutschen könnte wenigstens die Lernmotivation der Schüler sprunghaft ansteigen, hofft sie.
Im Haus hängt ein Stofftuch aus Nepal mit einer Zeichnung des Avalokiteshvara, der Bodhisattva des universellen Mitgefühls. Es wirkt aufgeräumt, sauber und ein wenig spartanisch. Gestern hatte unsere kleine Maja mit Vergnügen auf der hohen, schmalen, ins Wohnzimmer hinein ragenden weißen Wand gesessen, in welcher der gemauerte Ofen durch die Küchenwand hindurch ausläuft, bis ihr das Hinterteil vor Hitze wehzutun begann. Natalja wohnt hier kostenlos. Es sei überhaupt kein Problem, in einem Dorf ein leerstehendes Haus zum Wohnen aufzutreiben, sagt sie, die Besitzer sind froh, wenn jemand durch seine Anwesenheit und regelmäßiges Heizen den Verfall verlangsamt.
Das Prasseln der Holzscheite weicht dem Blubbern des nun zum Kochen gebrachten Wassers aus dem riesigen Topf auf der Herdplatte. Ich lege das Tagebuch zur Seite und setze Maja auf ihren Wunsch hin noch einmal auf die schmale hohe Ofenwand. Nach dem Frühstück brechen wir zu einem Spaziergang auf. Vorbei an dem im Hof zwischen Garage und Banja-Gebäude vor sich hinrostenden alten Moskwitsch mit noch sowjetischem Kennzeichen gehen wir zum Fluss, auf dem schon die Schugá genannten ersten Eisstücke treiben. Wind pfeift über die kahlen Hügel, die gleißende Sonne schmilzt Löcher in den dünnen Schnee. Weil die Trinkwasserversorgung aus Brunnen wegen des tiefen Grundwassers nicht so einfach sei, würden die Leute im Winter Eisblöcke aus dem Fluss schneiden und auf ihr Grundstück karren, erfahren wir. Wovon die Menschen so leben? Private Viehhaltung, sonst gibt es eigentlich nichts, meint Natalja, höchstens Jagd und Holzeinschlag, ziemlich wild, um irgendwelche Gesetze und Genehmigungen kümmere sich niemand.
Mittags brechen wir auf, um vor der Dunkelheit in Ulan-Ude zu sein und noch Zeit für einen Zwischenstopp an einigen weiß glänzenden, quadratischen buddhistischen Stupas und einem riesigen, im Freien unter einer Überdachung sitzenden Buddha-Statue im Ort Kishinga zu haben. Die Gegend hier gilt als eine der buddhistischsten Regionen in Burjatien, überall leuchten auf Hügeln die heiligen Bauten. Ich folge Nataljas Rat und tanke nicht in der in schlechtem Ruf stehenden Dorftankstelle. Erst hier in Russland habe ich gelernt, dass es auch schlechtes Benzin gibt und die angegebene Oktanzahl keineswegs stimmen muss.
Mir gefällt die Vorstellung, in einer kulturfernen, abgelegenen Weltgegend als Lehrer auf dem Dorf zu arbeiten. Der Lehrkräftemangel hier ist enorm. Ich würde Cello und Klavier mitbringen und nebenbei eine kleine Musikschule gründen. Die Einheimischen könnten mir Landwirtschaft beibringen und wie man bei minus fünfundvierzig Grad ein Haus instand hält. Ab nächstes Jahr tritt in Russlands Fernem Osten das Programm Sémskij Utschítel in Kraft: wer sich für fünf Jahre an einer Dorfschule verpflichtet, bekommt zusätzlich zum regulären Gehalt zwei Millionen Rubel. Leider nicht ich: die Förderung erhalten nur Staatsbürger Russlands.









Donnerstag, 10. Oktober 2019

Trost




Vor zwanzig Jahren habe ich meine erste längere Auslandserfahrung gemacht. Damals arbeitete ich ein halbes Jahr lang als Freiwilliger in einem kleinen Dorf an der norwegischen Westküste. In Hogganvik Landsby, einer Camphill-Einrichtung, hatte ich Verantwortung für einen behinderten jungen Mann und half im Kuhstall und in der Schreinerwerkstatt. Meine Begeisterung für die zauberhafte Fjordlandschaft war grenzenlos, das Orientieren in einem Leben weit weg von den Eltern aufregend. Zurzeit muss ich oft daran denken. Vielleicht deshalb, weil ich Maja jeden Abend Astrid Lindgrens „Die Brüder Löwenherz“ vorlese, das erste Buch, das ich damals in norwegischer Sprache gelesen hatte. Vielleicht gilt für mich ein inneres Gesetz, wonach mit Zwanzig-Jahres-Abstand Erinnerungen aktualisiert werden. Vielleicht liegt es auch daran, dass mir mein Schwiegervater neulich das Schlachten eines Huhns vorführte.
  Wie man ein Huhn schlachtet, erfuhr ich zum ersten Mal in Hogganvik: den Kopf mit der Axt ab, wonach das Tier noch eine Weile kopflos herumfliegt – dann mit der gummihandschuhgeschützen Hand in das Hinterteil greifen und die Innereien herausholen. Dann wird gerupft.  Nicht so mein Schwiegervater. Nikolai, der heute sechzig Jahre alt wird,  schlachtet halal, wie es sich für Moslems gehört: ein schneller, gezielter Messerschnitt durch den Hals lässt das Tier ausbluten. Die Haut wird mitsamt der Federn abgezogen und den Hunden zum Fraß angeboten.
  Vielleicht war es für das Huhn ja ein Trost, halal geschlachtet zu werden. Ob die diese Art der Tötung  den Tieren mehr oder weniger Schmerzen zufügt als andere Verfahren, gilt als umstritten.
  Durch Mitarbeiter aus Armenien und Russland machte ich in Hogganvik Landsby erste nähere Bekanntschaft mit der russischen Sprache, die mir völlig unerlernbar erschien, und wurde neugierig auf die Weiten, Kulturen und Naturgewalten des Ostens, in denen ich jetzt das fünfte Jahr in Folge wohne.
  Gestern Abend fiel in Ulan-Ude der erste Schnee. Das dünne weiße Deckchen liegt jetzt am Nachmittag immer noch.


Maja im Kartoffelkeller


Samstag, 5. Oktober 2019

Trostlosigkeit


Gestern habe ich mit meinen Studenten einen Sprachtest gemacht. Vierzig Minuten lang mussten sie im Internet Lückentexte mit passenden Wörtern ausfüllen. Sofort nach dem Test wurde das Ergebnis angezeigt. Nur Sorik hat die Punktezahl erreicht, die nötig ist, um sich für ein Stipendium nach Deutschland bewerben zu können. Ausgerechnet der ungelenke, leicht neben der Spur wirkende Sorik mit den strubbligen schwarzen Haaren, der immer mal den Unterricht verschläft, nachdem er wieder die ganze Nacht durch Computer gespielt hat – wobei er mit seinen deutschen Gegnern chattet, deshalb sicher das gute Ergebnis: weil er sich so in seiner Freizeit mit Deutsch beschäftigt. Einige aus der Gruppe sind gar nicht zum Test erschienen. Bei anderen habe ich den Eindruck, dass sie zwar physisch erschienen sind, es ihnen aber im Grunde egal ist.
Mein Institut ist eine trostlose Einrichtung. Über die dunklen Korridore und Treppen des altehrwürdigen Gebäudes aus dem vorvorigen Jahrhundert schleichen schüchterne Gestalten, den Blick nach unten aufs Smartphone gerichtet. Manchmal schalte ich das Licht an, um den gespenstische Charakter etwas zu mindern, bis es der Security-Mann auf seinen Rundgängen wieder löscht, da die Anweisung „Strom sparen“ lautet. Selten sieht man jemand mit einem Buch in der Hand. Fast zwanzig Jahre alte ausgeblichene Plakate an den Wänden erzählen vom einstmals aktiven Austausch mit einer deutschen Partneruni, daneben der Hinweis „Beim Auffinden verdächtiger Gegenstände sofort den Wächter informieren“. Viele Studenten kommen zum Unterricht gar nicht, verspätet oder ohne Hausaufgaben. Damit die kleinen Gruppen nicht noch kleiner werden, kommt jeder durch jede Prüfung. Die im ersten Studienjahr teilweise noch minderjährigen jungen Leute wissen eigentlich überhaupt nicht, was sie wollen. Da sie sich wie Kinder benehmen, werden sie auch wie solche behandelt. Vielleicht ist es auch umgekehrt: weil die Dozenten ihnen nachlaufen wie Kindern, verhalten sie sich wie solche.
Da die Lehrkräfte miserabel bezahlt werden, sind viele auf Zuverdienste außerhalb der Uni angewiesen und verbringen deshalb möglichst wenig Zeit in ihren Wänden. Einige sind in ihrem eigenen Unterricht nicht anwesend und lassen die mit Aufgaben versorgten Studenten allein sitzen. Es gibt kaum eine Organisations- oder Kommunikationskultur der Kollegen untereinander, ein gemeinsames Arbeiten an größeren Projekten, ein Mitteilen von Informationen, die für alle interessant sein könnten, ein gemeinsames Entscheidungen treffen. Wie steht es um das Erlernen der deutschen Sprache in Burjatien? Auch nach vier Jahren Tätigkeit an dem Institut, das Übersetzer und Lehrer für die Schulen ausbildet, weiß ich es nicht. Jeder wirtschaftet für sich, hat hierhin und dorthin seine Kontakte und teilt anderen nur dann etwas mit, wenn er es für vorteilhaft erachtet.
Irgendwas ist falsch, denke ich oft, wenn ich auf die Studenten schaue, wie sie eng aneinandergedrängt vor mir in den kleinen Räumen sitzen – einige nehmen nicht einmal ihr Täschchen vom Schoß –, und dicht aneinandergequetschte Zeilen in ihre kleinen A5-Heftchen schreiben, einige in einer derart katastrophalen Handschrift, die vielleicht charakteristisch ist für die nur noch wischen und tippen, aber nicht mehr schreiben könnende Generation Smartphone. Eigentlich sollten die jungen Leute hier nicht ihre Lebenszeit absitzen, sondern arbeiten, eine Reise machen, ein wenig das Leben schnuppern, sich selbst finden. Elf Jahre Schule, und dann noch einmal vier Jahre Uni, die mit dem Leben nichts zu tun hat, haufenweise sinnloser Nebenfächer inklusive Sportunterricht und sogenannte wissenschaftliche Arbeiten, aus dem Internet zusammengebastelt und mit ausgetauschten Wörtern, damit die Antiplagiat-Prüfung bestanden wird.
Die russische Universität erfülle eben nicht nur eine Ausbildungs- sondern auch eine Erziehungsfunktion, hat mal irgendwer gesagt. Ich kann mich daran nicht gewöhnen und halte das ganze Bildungssystem für misslungen, weil es nicht den Gesetzmäßigkeiten der menschlichen Entwicklung entspricht. Die jungen Leute werden viel zu früh gezwungen, sich für eine Studienrichtung und damit für einen Beruf zu entscheiden. Das nach der elften Klasse abzulegende Einheitliche Staatliche Examen, das Gegenstück zum deutschen Abitur, hat nur eine begrenzte zeitliche Gültigkeit; der Studienbeginn ist unmittelbar im Anschluss an die Schule vorgesehen. Und hat Studieren nicht etwas zu tun mit Lesen und geistigem Arbeiten? Warum gibt es kein System einer praktischen Berufsausbildung, warum werden auch diejenigen durch die Hochschulen geschleift, deren Stärken im handwerklichen Tun liegen?
Es gibt eine Minderheit, der Motivation und Zielstrebigkeit anzumerken ist. Gerade findet in Ulan-Ude die Weltmeisterschaft im Frauenboxen statt, wo einige Studenten als Freiwillige tätig sind, die internationalen Teams vom Flughafen abgeholt haben und ihnen als Übersetzer helfen. Vor Beginn der Weltmeisterschaft war das Stadtzentrum um den Sowjet-Platz herum zwei Wochen lang abgesperrt, weil der Asphalt erneuert wurde. Eine völlig absurde Geldverschwendung, da der Asphalt dort in fast einwandfreiem Zustand war, während anderswo vor Schlaglöchern die Straße kaum sichtbar ist.
Manchmal finde ich russische Spontanität erfrischend: zum Beispiel, wenn mich mein Bekannter Zhargal anruft und fragt, ob er in fünf Minuten zum Tee vorbeikommen kann. Und manchmal macht sie mich traurig, wie heute, wo ich für einen zweitätigen Taiga-Ausflug zur Jagd verabredet bin mit Nachbar Anatolij, der unser Vorhaben leider vergessen hat und mit abgeschaltetem Telefon verschwunden ist.