Samstag, 21. Januar 2017

Pjervomajskoje

Weit in eine unbekannte Region zu reisen und nach der Ankunft wie ein vertrauter Gast empfangen zu werden – dem wohnt ein ganz besonderer Zauber inne, jedes Mal wieder neu. 

In der Empfangshalle des Flughafens Simferopol wartet Firdavis auf mich, ein Freund meines Potsdamer Bekannten Johannes. Durch die abendliche Dunkelheit fahren wir eine Stunde nach Norden, in die Siedlung Pjervomajskoje. Rechts und links erahne ich die Steppe, die den nördlichen Teil der Krim bedeckt. Firdavis, Jahrgang 1958, ist Zahnarzt in einer Privatpraxis und spricht gut Deutsch; er hat ein Jahr in Deutschland studiert. Wie hat sich das Leben hier in den letzten drei Jahren verändert, frage ich ihn. Während mein Gastgeber seinen Volkswagen vorsichtig durch das Schneetreiben auf der kürzlich frisch asphaltierten Straße steuert, erläutert er mir seine Sicht der Dinge. „Es ist besser geworden!“, erfahre ich, „Löhne und Renten sind gestiegen. Und es ist ruhig hier. In der Ukraine ist es gefährlich, da sind jetzt Faschisten und Nazisten. Ein halbes Jahr lang hatten wir keinen richtigen Strom, immer nur stundenweise, weil sie die Kabel gesprengt hatten. Aber jetzt gibt es ein Seekabel vom russischen Festland.“

Firdavis wohnt allein in einem geräumigen Haus neben seinem Arbeitsplatz und weist mir eines der Zimmer zu, ein ehemaliges Kinderzimmer. Zum Abendessen gibt es neben Plov, in Fett gekochtem Reis, liebevoll selbst gebackenen Rührkuchen. In der Ukraine war der Zahnarzt seit den Maidan-Ereignissen nicht mehr; seine Informationen erhält er aus dem staatlichen russischen Fernsehen, das in der Küche und im Wohnzimmer fast ununterbrochen läuft. Seiner Abstammung nach ist er weder Russe noch Ukrainer, sondern Tatare aus Tatarstan, einer russischen Republik zwischen Ural und Moskau. Die verwandten Krim-Tataren bilden die drittgrößte Bevölkerungsgruppe hier. Am nächsten Morgen weckt mich neben Hundegebell und Hähne-Kikeriki der Muezzinruf einer Moschee irgendwo in der Nähe, und ich beginne zu begreifen: tatsächlich, ich bin auf der Krim, der Orient ist nicht weit.

Am nächsten Tag spazieren wir durch den 10000-Einwohner-Ort Pjervomajskoje. Die Häuser sind nicht wie in Sibirien aus Holz, sondern aus Stein, wie auch die Grundstücksmauern oftmals aus Muschelstein, einer interessanten Art Kalkstein mit Meerestier-Einschlüssen. Ein kräftiger, feuchter Wind weht, die Temperaturen sind um die null Grad, es liegt eine dünne Schneedecke. Im Zentrum zeigt mir Firdavis das Denkmal für die Gefallenen im Großen Vaterländischen Krieg, die obligatorische Leninstatue und ein kleines Denkmal für die Opfer des Genozids an den Krimtataren, die 1944 von Stalin der Kooperation mit den Deutschen beschuldigt und nach Osten verbannt wurden. Wir kommen an der Moschee vorbei, Firdavis erzählt mir, dass er Atheist sei. „In der atheistischen Sowjetunion haben alle Völker friedlich zusammengelebt. Und was passiert jetzt in der Welt? Sie rufen ‚Allah‘ und bringen sich gegenseitig um.“

Am Vormittag kommt ein Patient in die Praxis. Ich begleite meinen Gastgeber, er reicht mir einen weißen Kittel und bittet mich darum, sein Assistent zu sein.
Ich habe in der Nähe von Potsdam gedient, sagt der Mann auf dem Behandlungsstuhl, als er hört, wo ich herkomme, kurz vor dem Mauerfall!
Firdavis verabreicht ihm eine Betäubungsspritze.
Welche Erinnerungen haben Sie an Deutschland, frage ich.
Nur gute!
Der Zahnarzt bittet mich darum, den Kopf des Mannes von hinten festzuhalten.
Wie hat sich das Leben in den letzten drei Jahren hier verändert, will ich noch wissen.
Ach, für die einfachen Leute nicht viel, wer arbeiten will, der arbeitet, und wer trinken will, der trinkt eben!
Firdavis dreht mit seiner Zange im Mund des Mannes herum, nach einer Weile fördert er einen Zahn zutage und reicht dem Patienten ein Taschentuch. Draufbeißen bitte!
Mein erster Einsatz als Zahnarzthelfer ist zuende. Ich ziehe den weißen Kittel aus. Der Patient zahlt 700 Rubel und verabschiedet sich.
Im Moment arbeitet er noch mit seiner alten ukrainischen Lizenz, erklärt mir Firdavis, nächstes Jahr läuft sie aus, das kann noch heiter werden, wenn die neue Kontrollkommission kommt und jeden Zentimeter in der Praxis ausmisst, ob er mit der Norm übereinstimmt.

Beim Mittagessen ist Waldemar zu Gast, wie der Name verrät, Deutscher: nicht Krimdeutscher (von denen es noch über 2000 hier gibt), sondern Wolgadeutscher, ein kerniger, gesunder Alter, 1938 geboren, in der Kindheit von Stalin nach Tadschikistan verschickt und in den 90er Jahren auf die Krim umgezogen. Deutsch kann er nur ein paar Brocken, das Sprechen der Feindessprache wurde ihm in jungen Jahren gründlich ausgetrieben.
Wie hat sich das Leben in den letzten drei Jahren hier verändert?
Zum Besseren! Jetzt können wir frei Russisch sprechen, die Chochlý wollten uns ihr Ukrainisch aufzwingen.
Ob er am Referendum über die Unabhängigkeit der Krim im März 2014 teilgenommen habe?
Natürlich! Eigentlich sollte es im Mai stattfinden, aber dann hätten die Bandérovtsy es verhindert, also wurde es schon im März abgehalten.
Aber es gibt Leute, die gegen Russland sind, zum Beispiel die Krimtataren?
Die haben doch keine Ahnung, sie sollten Russland dankbar sein! Zarin Ekaterina II. hat sie 1783 von den Türken befreit.
Und die Massendeportationen unter Stalin?
Man sagt, die Tataren haben die Faschisten auf der Krim mit Brot und Salz empfangen. Außerdem, Stalin war ja gar kein Russe, sondern Georgier, also ist es nicht die Schuld Russlands.

Abends gehe ich mit Firdavis und Sergej in die Banja. Zwischen den einzelnen Aufenthalten im Dampfraum kühle ich mich in dem kleinen Pool ab und höre mir Sergejs Argumente an. Der 43jährige Matrose, ein muskulöser Typ mit kahlgeschorenem Schädel, hat Ende 2013 in Kiew an Pro-Janukowitsch-Demonstrationen teilgenommen. „Wir haben den gesetzlichen Präsidenten unterstützt. Was würde Angela Merkel sagen, wenn man sie gewaltsam aus dem Amt jagen und irgendeinen Typen von der Straße für sie einsetzen würde?“
Wie hat sich das Leben in den letzten drei Jahren hier verändert?
Zum Besseren. Ohne den Anschluss an Russland hätten wir jetzt auf der Krim ein Blutvergießen wie in der Ostukraine.
War die Vereinigung der Krim mit Russland in Moskau schon länger geplant?
Natürlich, erläutert mir der Matrose, die Strategie war schon längst ausgearbeitet, für den Fall, dass es so einen Umsturz in Kiew gibt, wie es dann tatsächlich auch passierte. Im Unterschied zur Ostukraine ist die Krim strategisch bedeutsam für die Kontrolle des Schwarzen Meeres. Die Krim war zuerst türkisch und dann russisch, aber nie ukrainisch, Chruschtschov hatte überhaupt nicht das Recht, sie der Ukraine zu überlassen.

Ich habe ein wenig Kopfschmerzen, ob von der Reise – schließlich bin ich aus Deutschland unterwegs, seit 7 Uhr morgens – oder von den Argumenten meiner Gesprächspartner, weiß ich nicht genau. Fünfzig Kilometer weiter nördlich, hinter der Landenge von Perikop, beginnt die Ukraine - einen Abstecher dorthin, um mir die Meinung der Gegenseite anzuhören, kann ich leider von der Krim aus nicht machen. Vielleicht würde man mich festnehmen. In den Augen der ukrainischen Behörden befinde ich mich auf "vorläufig besetztem Gebiet", das ich ohne ihre Sondererlaubnis gar nicht betreten hätte dürfen.
Die Moschee in Pervomajskoje
Mauern aus Muschelstein
Denkmal an die Gefallenen des 2. Weltkrieges (oben) und  an die Deportation der Krim-Tataren unter Stalin (unten)
Politisches Statement: die Krim in den Farben der russischen Flagge an einer Hauswand (oben), Firdavis und Waldemar (unten)

Sonntag, 15. Januar 2017

Der Krim-Krimi

Die Krim ist in Russland sehr präsent. Das Reisen dorthin wird fleißig beworben, in den Medien ist oft von sportlichen oder kulturellen Ereignissen auf der Halbinsel die Rede, Schülergruppen werden zu Ferienlagern entsendet. Als ich mir in St. Petersburg eine Landkarte der Krim besorgte, staunte ich nicht schlecht über anderthalb Meter Regallänge mit Bildbänden, Reiseführern und Karten über die Region. Man könnte den Eindruck haben, dass viel dafür getan wird, damit die Bürger Russlands den neuen Landesteil in ihr Bewusstsein holen.
Als meine Großeltern im Jahre 1961 eine Schwarzmeer-Kreuzfahrt unternahmen (ursprünglich war das Mittelmeer geplant, aber aus politischen Gründen – kurz nach dem Mauerbau – wurde das Reiseziel in sicherere Gefilde verlegt) und in Jalta an Land gingen, war die Krim ukrainisch. Staatschef Chruschtschov hatte sie 1954 der Ukraine „geschenkt“. Eigentlich aber war es sowjetisches Gebiet, und im Rahmen der großen Sowjetunion spielte die Republikzugehörigkeit kaum eine Rolle. Der Vater meines Großvaters hatte seinen Fuß auch auf die Halbinsel gesetzt – als Wehrmachtssoldat. Nach einer Verletzung gelangte er an Bord eines der letzten Flugzeuge, die Verwundete evakuierten, kurz bevor die Sowjets sie zurückeroberten.
Die aktuelle Russlandkrise und die Verstimmungen zwischen Russland und dem Westen, von denen allerorten die Rede ist, haben viel mit der Krim zu tun. Nachdem sich im Frühjahr 2014 ein Machtwechsel in der ukrainischen Hauptstadt Kiew und ein pro-europäischer Kurswechsel in der Politik vollzogen hatte, kam die Schwarzmeerhalbinsel zu Russland. Die Bewertung der vorgefallenen Ereignisse ist denkbar unterschiedlich. Die westlichen Staaten sprechen von einer Revolution auf dem Kiewer Maidan-Platz und von einer Annexion der Krim durch Russland. Russland spricht von einem gewaltsamen Putsch und von einer daraufhin folgenden Angliederung der Krim. In der Ostukraine begann ein Bürgerkrieg. Eine gemeinsame Sprache zu finden scheint unmöglich, der Westen verhängte Sanktionen, Russland antwortete mit Gegensanktionen, beide sind bis heute in Kraft.
Vor Beginn meiner Tätigkeit in Ulan-Ude arbeitete ich in einem in Berlin ansässigen Verein, der Austauschprogramme mit russischen und ukrainischen Partnern durchführt. Unter meinen Kollegen im Büro herrschte weitgehende Einigkeit, dass Russland in dem aktuellen Konflikt der Hauptaggressor ist. Da ich vor allem in Russland unterwegs war und mich dem Land sehr viel stärker verbunden fühle als der Ukraine, versuchte ich hin und wieder einmal vorsichtig, den russischen Standpunkt zu verteidigen. Warum ist das gewaltsame Vertreiben des gewählten ukrainischen Präsidenten statthaft, nicht aber der Einsatz russischer Streitkräfte, um einen Staatenwechsel der Krim zu ermöglichen? Mag ersteres dem Kiewer Volkswillen entsprechen – das zweite ist wohl der Wunsch der Krimbewohner. Ich merkte schnell, dass ich mir mit dieser Argumentation unter meinen Kollegen keine Freunde mache und ließ das Thema dann lieber außen vor.
Wenn man bei Youtube den Suchbegriff „Krim“ eingibt, erscheint als einer der ersten Treffer ein über zweistündiger Film des russischen Fernsehens: „Krim – der Weg in die Heimat“ (russisch, mit deutschen Untertiteln). „Rekonstruktionen“ der wichtigsten Ereignisse des Polit-Krimis um die Krim sind zu sehen im Wechsel mit einem ausführlichen Interview mit Wladimir Putin. „Die Krim wird im Bewusstsein des russischen Menschen mit den heroischen Kapitel in unserer Geschichte assoziiert“, erfährt man. „Nach dem Staatsstreich von Kiew verwandelten sich alle Einwohner von Sewastopol in eine Volkswehr.“ Dem sich überall auf der Krim konstituierenden „Volksheer“ kamen die ohnehin auf dort stationierten russischen Streitkräfte zu Hilfe. „Wir mussten um jeden Preis ein Blutvergießen verhindern und den Menschen die Möglichkeit geben, ihre Meinung zu äußern.“ Ein Referendum wurde anberaumt, in dem nach offiziellen Angaben über 95% aller Teilnehmer für eine Loslösung von der Ukraine stimmten.
Ziemlich unglaubwürdig finde ich den nun folgenden Teil des Filmes. „Das Referendum endete mit einem großen Fest auf der ganzen Krim. Eines aber blieb unklar: Ist Russland bereit, die Krim aufzunehmen?“ Berichtet wird nun über eine Umfrage in Russland, bei der 91% dem Beitritt der Krim zu Russland befürworteten. Ja, dann blieb Putin ja keine Wahl… wenn es denn der Volkswille ist! - Ein nach allen Regeln der Kunst gemachter russischer Propagandafilm, der vorgaukelt, die Aufnahme der Krim sei mit dem Einsatz russischer Streitkräfte zuvor nicht schon beabsichtigt gewesen.
„Von Reisen auf die Halbinsel Krim wird dringend abgeraten“, liest man auf der Internetseite des deutschen Auswärtigen Amtes. „Die Krim gehört völkerrechtlich weiterhin zur Ukraine, wird aber derzeit faktisch von Russland kontrolliert.“ Über das Völkerrecht gehen die Meinungen zwischen Russland und dem Westen in diesem Punkt auseinander, und das derzeit kann man sicher streichen: mit gigantischem Aufwand ist der Bau einer 19 Kilometer langen Brücke über die Meerenge von Kertsch im Gange, die die Krim „für immer“ mit dem russischen Festland verbinden soll, da die Ukraine die Versorgungswege über Land blockiert. Die deutsche Reisewarnung hat nichts mit der Sicherheitslage zu tun, sondern ist rein politisch motiviert.
Fast drei Jahre lang ist die Krim nun Teil Russlands. In Couchsurfing und in der deutschen Wikipedia wird die neue Realität nicht akzeptiert, Jalta, Sewastopol und Simferopol werden als „Stadt in der Ukraine“ gelistet. Stöhnen die Menschen unter den russischen Besatzern? Jubeln sie über Putin als ihren Befreier? Oder ist ihnen egal, unter welcher Flagge sie leben, solange Strom und Gas erschwinglich bleiben und das Einkommen noch für das Essen reicht? Wer sind die Übeltäter, ukrainische Nationalisten oder russische Okkupanten? Übermorgen fliege ich mit Aeroflot von Moskau nach Simferopol und werde mich ein wenig umhören. Vorhang auf für den Krim-Krimi!



Samstag, 31. Dezember 2016

Sankt Petersburg

In Sankt Petersburg wohnen wir in einem kleinen, ausgesprochen gemütlichen Hostel namens „Podushka“ (deutsch „Kopfkissen“). Zu Zarenzeiten gehörten die Räume bestimmt zu einer großen Wohnung. In der Ecke unseres 4-Bett-Zimmers steht ein großer, weißer, nicht mehr genutzter Kamin. Es herrscht angenehme Ruhe, in den Gängen stehen Sofas mit Kissen, zum Frühstück gibt es ein kleines Buffet, Tee ist immer kostenlos. Vor dem Frühstück ordern wir leckeren frischen Kaffee für je 50 Rubel, und meine Mutter und Niso zeichnen auf ein Blatt Papier ihr Haus bzw. das Haus ihrer Eltern mit jeweils allem, was dazugehört: Hund, Katze, Fahrrad, Gemüsegarten, ein hoher Bretterzaun in dem einen, ein kleines transparentes Zäunchen in dem anderen Fall. Ich übersetze und erkläre und die beiden lernen sich ein wenig besser kennen – was im Alltag gar nicht so einfach ist mangels gemeinsamer Sprache.

Sankt Petersburg, das sind lange, breite, schnurgerade Straßen mit beeindruckenden hohen Fassaden von Wohnhäusern aus dem vorvorigen Jahrhundert. Um die U-Bahn zu benutzen, kauft man für 35 Rubel eine Metallmarke, die man in einen Schlitz wirft, um durchs Drehkreuz zu gelangen. Das Gedränge in der Petersburger Metro ist genauso verrückt wie in Moskau, die Bahntunnel noch deutlich tiefer, über 2 Minuten steht man an manchen Stationen auf der Rolltreppe. An einigen Stationen ist der Bahnsteig zu den Gleisen hin abgeschlossen; nach dem Halt des Zuges öffnen sich Türen, die sich genau auf Höhe der Metrotüren befinden – so wird garantiert niemand aufs Gleis geschubst.

Das Winterpalais, die Peter-und-Pauls-Festung, eine riesige Moschee, die Auferstehungskirche an der Stelle, wo Alexander II. im Jahre 1881 einem Anschlag zum Opfer fiel – für meine drei Begleiterinnen war es der erste Besuch in Russlands zweiter Hauptstadt. Niso flog einen Tag vor uns ab, um rechtzeitig zur Neujahresfeier wieder in Ulan-Ude zu sein. Während ich sie zum Flughafen begleitete, besuchten Mutter und Schwester die Bilderausstellung des Russischen Museums. Wie auch in der Tretjakov-Galerie ist die „Diskriminierung von Ausländern“ beim Eintritt inzwischen abgeschafft; es gilt ein einheitlicher Preis, für Russen allerdings mit Ermäßigungsmöglichkeiten.

Bei der gemeinsamen Hinfahrt ins Museum mit dem Taxi zahlten wir 205 Rubel. Ich instruierte  Mutter, für den Rückweg etwa dreihundert einzuplanen. Wie sie mir dann erzählte, wollte der Taxifahrer sich beim Einsteigen auf keinen Preis festlegen – und verlangte dann nach Ende der Fahrt zweitausenddreihundert.
Fünfhundert, sagte meine Mutter.
Tausend, meinte der Taxifahrer.
Fünfhundert. Mutter blieb hart.
Dann hole ich die Polizei, meinte der Taxifahrer.
Bitteschön, sagte meine Mutter unbeirrt.
Der Taxifahrer nahm den angebotenen 500-Rubel-Schein und warf die beiden Touristen, die sich so gar nicht übers Ohr hauen lassen wollten, fluchend aus seinem Auto.

Ein geschlossener Bahnsteig in der Petersburger U-Bahn (oben). Dachrinnen enden in Petersburg (wie auch in Moskau) einfach oberhalb des Bürgersteiges (unten)
Die Auferstehungskirche (oben). An der vereisten Neva vor der Ermitage (unten)

Donnerstag, 29. Dezember 2016

Moskau





27. Dezember: Staatstrauer in Russland, die Flaggen sind auf Halbmast gehängt. Über dem Schwarzen Meer ist ein Flugzeug abgestürzt mit fast hundert Menschen an Bord, Mitglieder des wichtigsten russischen Armee-Musikensembles. Meine Mutter und Schwester kommen erst am Abend in Moskau an, mit einem Tag Verspätung. Die Annullierung des Aeroflot-Fluges Dresden-Sheremetjevo am Vortag könnte mit der Katastrophe in einem Zusammenhang stehen. Niso und ich treffen in Moskau Mascha, die den Dirigenten des Ensembles kannte und bei ihm ein Probespiel hatte. Wir begleiten sie zum Blumenablegen vor dem Probensaal. Ein Meer von roten Rosen und Nelken, eine betroffene, schweigende Menschenmenge, das Fernsehen.

Mit Niso, die aus dem Staunen nicht mehr herauskommt, spaziere ich um den Kreml. Vor dem Aleksandrowskij-Garten ist ein neues, gigantisches Denkmal aufgetaucht: der bronzene Fürst Wladimir mit einem riesigen Kreuz in der Hand erinnert an die Annahme des Christentums in der Kiewer Rus im Jahre 998. Wie üblich studiere ich fasziniert den neuen Metro-Plan. Eine neue (freilich oberirdische) Ringlinie ist fertiggestellt, weit außerhalb der bisherigen Ringlinie verlaufend. Die Stationen werden auch auf Englisch angesagt. Einige U-Bahn-Züge sind bunt beklebt mit Gesichtern von Leuten, die an der Aktion „Aktiver Bürger“ teilgenommen haben. Es gibt AIDS-Aufklärungsplakate, Lautsprecheransagen fordern dazu auf, Leuten zu helfen, denen „die Benutzung der Metro Schwierigkeiten bereitet“. Offiziell zugelassene Musiker in der Station Kurskaja, die auf einem roten Teppich spielen. Touristeninformationsstände. Kostenloses W-LAN in der U-Bahn. Der Aeroport Zhukovo, ein vierter Flughafen, wurde eröffnet. Das Modernisierungstempo ist atemberaubend, es ist ein anderes Moskau als das, das ich auf meiner ersten Russlandreise vor über 10 Jahren kennenlernte.

Schneematsch liegt auf den Straßen, die Temperaturen sind um die null Grad. Mutter und Schwester fragen sich, wozu sie ihre wärmste Kleidung mitgebracht haben, die einzupacken ich ihnen geraten hatte. Zu viert fahren wir zur Christus-Erlöser-Kirche, dem zentralen orthodoxen Sakralbau mit einer riesigen goldenen Kuppel, und laufen von dort zur Tretjakov-Galerie, wo wir fünf Stunden verbringen und doch nur weniger als die Hälfte aller Bilder besichtigen: Kramskojs Unbekannte und Christus in der Wüste, Shiskins fotografisch genaue Naturbilder (allen voran das mit den vier Bären), Lewitans lichtdurchflutete Flusslandschaften, Vereshagins Schlachtenbilder aus der orientalischen Wüste, Aiwasovskijs Meeresgemälde, Iwan der Schreckliche mit seinem von ihm erschlagenen Sohn von Repin, das weltberühmte Dostojewskij-Porträt von Perow.

Am nächsten Tag besteigen wir den Sapsan, der uns von Moskau nach Sankt Petersburg bringt. Der Sapsan, benannt nach der am schnellsten fliegenden Falkenart, ist der russische ICE: gebaut von Siemens, Höchstgeschwindigkeit 250 km/h. Im Unterschied zur Deutschen Bahn werden die auf den Namen ausgestellten Zugtickets und die Pässe vor dem Einsteigen kontrolliert, wie bei russischen Fernzügen immer üblich. Die Strecke zwischen den beiden größten russischen Städten kostet 2000 Rubel (30 Euro) und wird in 4 Stunden zurückgelegt, mit zwei Zwischenhalten von einer Minute Dauer, vor denen die Passagiere aufgefordert werden, nicht auszusteigen, wenn sie noch nicht am Ziel sind.




Montag, 26. Dezember 2016

Auf nach Westen

23. Dezember: Als ein Großteil der russischen Bevölkerung vor dem Fernseher die jährliche große Pressekonferenz verfolgt, auf der Präsident Putin mehrere Stunden lang die Fragen von Journalisten aus aller Welt beantwortet, gebe ich mit Pianistin Nina ein Konzert bei uns am Institut. Fauré, Schubert und Grieg, vierzig Minuten lang, man darf die Leute nicht mit zu viel klassischer Life-Musik überfordern. Artiger Applaus der etwa 20 anwesenden Studenten und Dozenten.

24. Dezember: Deutschland steht auf und bereitet sich auf den wichtigsten Abend des Jahres vor. In Ulan-Ude ist es schon Nachmittag, Nina und ich wiederholen unser Konzertprogramm, diesmal in der Wohnung von Tatjana Stepanovna, einer aristokratischen alten Dame, welterfahren (in diesem Jahr ist sie zum Tangotanzen nach Argentinien geflogen) und vornehm; sie versieht jedes unserer Stücke mit einer kleinen musikhistorischen Einleitung und erinnert das Publikum an die Tradition der Petersburger Musikalischen Salons. Ein paar gute Freunde sind eingeladen, nach einer Teepause werden wir gebeten, den ersten Satz der Grieg-Sonate zu wiederholen. 

25. Dezember: Die Geschenke sind ausgepackt, die Weihnachtsgans verdaut. Mitternacht im weihnachtlichen Deutschland heißt Morgendämmerung in Sibirien – Niso und ich stehen an der Registrierungsschlange am Flughafen. Flug S7-116 wird uns in sechseinhalb Stunden nach Moskau bringen, für meine Freundin der erste Besuch in der russischen Hauptstadt und die erste Flugreise seit ihrer Kindheit überhaupt. -

In der russischen Presse stehen viele Merkwürdigkeiten über Deutschland. „Die Idee, die DDR wieder zurückzuholen, gewinnt an Bedeutung“, war vor einiger Zeit in der Argumenty nedely zu lesen, als ob man so etwas tatsächlich diskutieren würde. Nicht weniger Seltsames schreiben deutsche Zeitungen über Russland. Beim Aufräumen fiel mir ein Stapel von Artikeln aus der ZEIT in die Hände, die ich in diesem Jahr gelesen und aufgehoben hatte. Mögliche Wahlfälschungen bei den Dumawahlen werden beschrieben, die dann am Wahltag überhaupt nicht stattfinden; ein erfolgloser oppositioneller Abgeordneter wird auf der Suche nach Wählerstimmen begleitet ( „Hinter Putins Fassaden“, 15.9.). Die Moskauer Korrespondentin sucht „authentische Oppositionelle“ und ist traurig darüber, dass die „Opposition nicht opponiert“. Es kann doch nicht sein, dass eine überwiegende Mehrheit im Volk eine Partei und einen starken Präsidenten unterstützt! („Warum wird Putin so geliebt?“, 1.9.) Man bemitleidet ein Meinungsforschungsinstitut, das aufgrund einer neuen Gesetzgebung nun dazu gezwungen ist, öffentlich anzuzeigen, dass es mit ausländischen Geldern arbeitet ( „Der ausländische Agent“, 27.10.). In einem dreiseitigen Dossier werden mit Bewunderung und offensichtlicher Anteilnahme die Aktionen eines Geistesgestörten geschildert, der sich mit seinen Hoden (!) an den Roten Platz nagelt, um gegen vermeintlichen „Staatsterror“ zu protestieren  („Dieser Mann will ins Gefängnis“, 9.6.), was mich an die Diskussion um Pussy Riot erinnert: Leute, die im öffentlichen Raum Schwachsinn veranstalten und dafür zur Verantwortung gezogen werden, feiert die deutsche Presse und erhebt sie geradezu zu Helden gegen das autoritäre „System Putin“. Warum? Es gibt viel spannendere Dinge, die man über das größte Land der Erde schreiben könnte, als dort immer nur die eigenen westlichen Werte zu suchen und sie nicht zu finden.  

Auftritt mit Pianistin Nina an meinem Institut (oben) und in einer Prvatwohnung in der Art eines "Musikalischen Salons" (unten)
Eisblumen vor meinem Bürofenster, auf der andern Straßenseite die Hauptpost, die ich in der letzten Zeit öfters traurig mit leeren Händen verließ, vergeblich nach Mutters Paket aus Deutschland fragend