Sonntag, 15. Oktober 2017

Der Geruch des Ostens

Bei meinem vorletzten Deutschlandbesuch im letzten Winter habe ich mir einen Internationalen Führerschein ausstellen lassen. Damit kann ich mich auch in Russland ganz offiziell ans Steuer setzen. Mein Arbeitskollege Mischa ist bereit, mir gelegentlich seinen Lada für den einen oder anderen Tagesausflug auszuleihen und ließ mich dafür sogar als Zweitfahrer in seine Haftpflichtversicherung eintragen. Im Gegenzug habe ich ihm mein zweites Violoncello geliehen, damit er mit seinem Sohn Seva zuhause üben kann, der seit einiger Zeit auch Cello lernt.

Die Erinnerungen an meine 10 Jahre währende DDR-Kindheit sind mit verschiedenen Automodellen verbunden. Die Eltern hatten einen Trabant und meine Großeltern einen Wartburg. Außerdem gab es vier Marken vom großen Bruder Sowjetunion: Lada, Moskwitsch, seltener der breite Wolga und der kleine Saporosch. Der Lada war wohl schon so etwas wie ein Elite-Auto, für das einfache Volk nicht zu haben. Aus den befreundeten sozialistischen Staaten CSSR und Rumänien kamen Skoda und Dacia. Damit endete die PKW-Vielfalt im Osten. Zweimal jährlich, wenn in meiner Heimatstadt Leipzig die Messe stattfand, tauchten auf den Straßen plötzlich Westmarken auf, und ich bestaunte fasziniert jeden Volkswagen, Opel oder gar Mercedes. Als meine Eltern sich dann nach der Wende einen Ford Escort anschafften, konnte ich vor Aufregung in der Nacht vor dem Kauf kaum schlafen.
Mischas Lada 1600 heißt auf dem russischen Markt eigentlich Zhiguli WAS-2106 (WAS steht für Wolgaer Automobilfabrik) und ist 15 Jahre alt; das Modell ist eines der am meisten verbreiteten und wurde von 1976 bis sage und schreibe 2006 produziert. Im heutigen Russland überwiegen japanische und deutsche PKWs, trotzdem scheinen die alten Ladas unverwüstlich zu sein und sind kein seltener Anblick. Erinnerungen an frühe Jahre werden plötzlich Gegenwart: Beim Start kann mit einem Choke genannten Hebel das Benzin-Luft-Verhältnis im Vergaser manuell reguliert werden, der Ölstand wird mit einem langen dünnen Stab im Motor gemessen. Parkplatzsuche in der Stadt ist mangels Servolenkung für mich fast ein Ding der Unmöglichkeit. Im Fahrgastraum duftet es dezent nach Benzin – vielleicht ist das der Grund, warum ich mich am Steuer unbewusst heimisch fühle, wie überhaupt in diesem Land: es riecht ein wenig wie in meiner Ost-Kindheit.
An der Tankstelle gehe ich zur Kasse, sage „voller Tank“, die Zapfsäulennummer und hinterlasse eine bestimmte Geldsumme als Pfand, erst dann wird das Benzin freigegeben. Nachdem der Tank mit verbleitem 92er vollgelaufen ist, hole ich Wechselgeld und Rechnung ab. Ein Liter hat 37 Rubel gekostet, etwa 60 Cent.

Niso, Maja und ich unternehmen in frischem, sonnigen Herbstwetter einen Ausflug in die Ortschaft Atsagát, wo am Hang eines Hügels in der graubraunen Steppe ein buddhistischer Tempel liegt. In einem kleinen Holzhaus daneben ist ein Museum untergebracht, wo wie in einem Wachsfigurenkabinett die Gestalten des dreizehnten und vierzehnten Dalai Lama in Lebensgröße zu bewundern sind. Eine andere Fahrt führt uns nach Novoselenginsk, malerisch am Fluss Selenga gelegen, eine der ältesten Siedlungen Burjatiens. Im vorletzten Jahrhundert zog das Dorf vom rechten an das linke, weniger überschwemmungsgefährdete Flussufer um. Vom alten Standort zeugt einzig und allein die bis heute stehengebliebene Kirchenruine, ein romantischer Anblick und geheimnisvolles Zeugnis der Vergänglichkeit inmitten karger, weiter Landschaft.

Mischas Lada ist mit Spikereifen ausgerüstet, im bevorstehenden russischen Winter mit monatelangem Eis und Schnee eine Notwendigkeit, in Deutschland ganzjährig verboten, da die Metallstifte den Asphalt kaputtmachen. Geschwindigkeitsbegrenzungen werden vor allem in der Stadt durchaus ernstgenommen und auch kontrolliert. Es gelten 60 km/h innerorts, 90 auf Überlandstraßen und auf richtigen Autobahnen mit Mittelstreifen 110, von denen es allerdings in Sibirien keine und auch in Westrussland nur wenige gibt.
Eine spätabendliche Rückfahrt im Dunkeln bleibt mir in unangenehmer Erinnerung, da mich der Gegenverkehr blendet und ich streckenweise fast nichts sehe. Die Lichtkegel vieler Autos sind auf die Fahrbahnmitte statt auf den Rand hin ausgerichtet, da sie das Steuer rechts haben und eigentlich für den japanischen Markt mit Linksverkehr produziert wurden. Leitpfosten mit Reflektoren am Straßenrand gibt es keine. Nicht selten wird einfach mit Fernlicht gefahren, und Überholvorgänge kalkuliert man mit einem für meine Begriffe sehr knappen Sicherheitsabstand.

Wachsfiguren im Museum am buddhistischen Tempel in Azagat. Links der amtierende XIV. Dalai Lama
Von der alten Ortschaft Selenginsk vor dem Umzug ans andere Flussufer zeugt einzig die Kirchenruine (oben)

Montag, 2. Oktober 2017

Russland, China und der Amur

Ein russischer Angler vor der chinesischen Skyline




















Die Stadt Blagowéschtschensk im russischen Fernen Osten ist ein besonderer Ort. Wohl nirgends sonst ist die Landesgrenze so zum Greifen nahe, ohne dass es eine Sicherheitszone gäbe, für denen Betreten Nicht-Anwohner eine besonderen Genehmigung beantragen müssen. An einem lauwarmen, freundlichen Herbsttag spazieren die Einwohner zu Hunderten auf der herrlichen Uferpromenade, essen Eis und genießen Freiluftkonzerte. Majestätisch und ruhig fließt mit einer Breite von zwei Kilometern der Amur am Geschehen vorbei, ein Fischer steht mit Gummihosen im Wasser und angelt, es wird sogar gebadet. Nichts deutet darauf hin, dass in der Mitte des Flusses die Staatsgrenze verläuft. Die moderne Skyline auf der anderen Uferseite mit Wolkenkratzern in verschiedenen Formen und Farben gehört bereits zu China; die schnell wachsende Stadt Heihé lässt keine Zweifel daran zu, welches der beiden Länder das wirtschaftlich stärkere ist. Es gibt einen regen kleinen Grenzverkehr, Russen können Heihe ohne Visum besuchen, und die Blagoweschtschensker Hotels sind voll von chinesischen Touristen. Jetzt im Herbst fahren noch Schiffe, in ein paar Monaten überqueren Schneemobile auf Luftkissen den gefrorenen Fluss, und 2019 soll endlich eine Brücke fertig sein, das erste Bauwerk über den Amur, das die beiden Riesenreiche verbindet.

Farbig unterlegt sind die von China an Russland abgetretenen Gebiete


Wäre der 1689 geschlossene Vertrag von Nertschinsk bis heute in Kraft, würde die Grenze einige hundert Kilometer nördlich des Flusses verlaufen. Doch die Russen waren mit der tatsächlichen Erschließung des Gebietes schneller. Das linke Amurufer habe keine wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen zum übrigen China, wurde nach der 1855 beendeten wissenschaftlichen Amur-Expedition festgestellt, womit der Weg frei war für die ersten Kosakenfestungen am Fluss. Im Vertrag von Aigun 1858 wurde festgelegt, dass der Amur bis zur Mündung die Grenze zwischen Russland und China bildet. Zwei Jahre später korrigierte man ihn ein wenig; das im Opiumkrieg mit den Westmächten unterlegene China musste sich die russischen Bedingungen gefallen lassen: Grenze wurde nun ab Chabarowsk der vom Süden kommende Fluss Ussuri. Jetzt bekam die Landkarte Russlands im Osten ihr heutiges Aussehen mit der nach unten abknickenden Nase am rechten Rand, dort, wo die Transsib-Touristen in Wladiwostok aussteigen, nach einwöchiger Fahrt endlich am Ziel.

1969 hätten Schießereien an der Damanski-Insel, bekannt geworden als „Zwischenfall am Ussuri“, fast zu einem großen Krieg zwischen den sich damals feindlich gegenüberstehenden Großmächten geführt. Noch nach dem Ende der Sowjetunion wechselten einige kleine Flussinseln den Besitzer, erst seit 2008 gilt der Grenzverlauf als endgültig geklärt. China hat heute keine Gebietsansprüche mehr an Russland; in die chinesische Geschichtsschreibung sind das Abkommen von Aigun zusammen mit anderen Verträgen aber als „Ungleiche Verträge“ eingegangen, dem Land aufgezwungen in einer   Phase politischer und militärischer Schwäche. 


„Nimm Deinen Hektar!“, fordern Plakate am Flughafen Blagoweschtschensk und am Leninplatz in Chabarowsk die Bürger auf. Um den russischen Ferne Osten zu bevölkern, hat sich die Regierung ein ganz besonderes Programm einfallen lassen. Seit diesem Jahr können alle Russen einen Hektar Land im Fernen Osten kostenlos pachten; wer ihn tatsächlich nutzt, bekommt das Land nach fünf Jahren als Eigentum überschrieben – eine Maßnahme gegen die Stadtflucht und den Trend, in den europäischen Teil jenseits des Ural umzuziehen. Gern würde ich mir einen Hektar holen, vielleicht neben den Vulkanen Kamtschatkas oder im fruchtbaren Primorskij kraj unweit der nordkoreanischen Grenze, doch leider habe ich keinen russischen Pass.

Aus dem Aufsatz einer Deutschstudentin

An der Pädagogischen Universität Blagoweschtschensk organisierte ich zusammen mit einem Kollegen eine Deutsch-Olympiade; in Chabarowsk erklärte ich den Deutschstudenten die deutsche Frakturschrift und lud sie dazu ein, ihren Namen doch einmal in Kurrent zu schreiben und eine alte Postkarte von der Ostfront zu entziffern. Mit nostalgischen Gefühlen lief ich durch die Straßen der Innenstadt - 2010/11 hatte ich ein ganzes Jahr in Chabarowsk gelebt und war seitdem nicht wieder hier. In meiner mehrjährigen Abwesenheit wurde der fernöstlichen Metropole vom russischen Präsidenten der Titel „Stadt des Kriegsruhmes“ verliehen, für den Heroismus und Mut der Chabarowsker während folgender Ereignisse, erklärt eine Schautafel an einem neuen Denkmalkomplex unweit des Amur; aufgelistet sind neun kriegerische Auseinandersetzungen im 20. und 21. Jahrhundert, angefangen vom Russisch-Japanischen Krieg 1905 bis hin zur Bekämpfung des Terrorismus bei der Verteidigung der Souveränität der Länder des nördlichen Kaukasus.

Vor meinem Rückflug nach Ulan-Ude besuchte ich Oleg in Bytschicha. Der kleine Ort befindet sich auf der Übersichtskarte „Umgebung von Chabarowsk“ links unten, etwa einen Zentimeter von der Zeichenerklärung entfernt, welche zufällig oder auch weniger zufällig so gelegt wurde, dass sie die Grenze zum Nachbarstaat vollständig verdeckt – beim Blick auf die Landkarte soll vielleicht nicht so auffallen, dass man in unmittelbarer Nähe zu einer Milliarde Chinesen lebt. Kurz vor meiner Abreise aus der Gegend vor sechs Jahren hatten Oleg und ich die Gegend einmal etwas näher erkunden wollen, was mit einem mehrstündigen Verhör beim FSB wegen unbefugtem Eindringens in die Sicherheitszone endete, ein höfliches, konsequent geführtes Verhör, an dessen Ende ich versichern musste, niemandem zu erzählen, was ich erlebt und gesehen hatte: Stacheldraht und einen Militärhafen, einen Turm auf der chinesischen Seite.


Diesmal gingen wir in die andere Richtung, in die große Taiga, deren Bäume gerade jetzt in bunter herbstlicher Pracht stehen, Birken, Pappeln, Erlen zwischen Kiefern und Tannen, mittendurch ein schmaler, kaum sichtbarer Pfad, vorbei an einem umgeknickten Nationalpark-Betreten-Verboten-Schild. Nach etwa zwei Stunden erreichten wir an eine Überwinterungshütte für die Forstarbeiter, vor der wir es uns an einem Feuer Tee schlürfend gemütlich machten. Oleg war Armee-Musiker, spielt Saxophon und Trompete und erzählte vom Auftrag seines Stabschefs, aus einfachen Soldaten ein Orchester zu formen. Hier hast du acht Leute, zwei Monate Zeit, dann muss die Kapelle stehen! Es gelang ihm tatsächlich. Nach 25 Dienstjahren bekommt der 53jährige nun eine nicht schlechte Rente von 18000 Rubeln und kann sich seinen Bauprojekten widmen, seit meinem letzten Besuch sind Hühnerstall und Banja auf dem Grundstück dazugekommen, natürlich ohne Außenverkleidung, aber warum Dinge zu Ende bringen, wenn es auch so geht; am Abend darf ich mich persönlich davon überzeugen, dass die Banja funktioniert und der kleine Holzofen den Raum mit höllischer Hitze ausfüllt.


Oleg geht in eine Gemeinde der Pfingstbewegung und liest jeden Morgen in der Bibel – und nur in dieser; jede andere Literatur sei für ihn völlig überflüssig. Wir kommen auf die Zeugen Jehovas zu sprechen, die seit letztem Jahr in Russland verboten sind, eine richtige Entscheidung, wie mein Gegenüber findet, der die Sekte für den Teil einer amerikanischen Kampagne hält, Russland von innen zu zersetzen. Zum Abschied am nächsten Tag trinken wir Kaffee mit tadschikischem Kardamon, Wodka gibt es keinen, da Oleg ebenso wie ich keinen Alkohol trinkt – fast keinen. Ob ich denn die Bibel nicht gut kennen würde? Er wolle mich ja nicht überreden, aber ob ich nicht selbst bitte schauen könne, meint er und schlägt sofort die richtige Seite auf, 1.Timotheus 5.23: „Trinke nicht mehr bloß Wasser, sondern nimm etwas Wein um deines Magens willen und deiner häufigen Krankheiten.“


Freitag, 22. September 2017

Heimat

Heimat und Vaterland – welch tiefen Sinn tragen diese Worte!

Unser Land heißt Russland. Das ist das größte Land der Erde. Das ist unsere Heimat.

Die Hauptstadt Russlands ist die wundervolle Stadt Moskau.

Welch verschiedene Völker bewohnen Russland! Ihre Vertreter haben unterschiedliche Gesichtszüge, nationale Trachten, Volksfeste und Religionen.  Russen, Tataren, Juden, Komi, Baschkiren, Karelen, Udmurten, Burjaten, Tschuktschen, Jakuten und andere. Aber alle Völker Russlands sind vereint in der großen Familie der gemeinsamen Heimat Russland, in gegenseitiger Achtung und Freundschaft.

Mit diesen Worten beginnt Majas Lehrbuch im Fach Sachkunde. Von morgens um 8 Uhr an hat sie täglich drei Stunden, meistens Lesen, Schreiben und Mathematik. Maja geht mit 31 anderen Schülern in die Klasse 1 B (der Buchstabe wird W ausgesprochen und steht im russischen Alphabet an dritter Stelle) in Schule Nummer 1 (in Russland haben Schulen Nummern, keine Namen). Wir stehen morgens um 6 Uhr auf; als der leidenschaftlichste aller Morgenmenschen bin natürlich ich für Wecken und Frühstück zubereiten zuständig. Letzteres bedeutet immer etwas kochen: Kartoffelpüree aus frischen Kartoffeln, Mannaja kascha (Grießbrei), Pschonka (Hirsebrei) oder Gretschka (Buchweizengrütze), manchmal wird auch der Borschtsch vom Vortag aufgewärmt.
Nach dem Unterricht werden für die Schüler verschiedene AGs angeboten wie Tanzen und Singen, Maja geht, bester russischer Tradition folgend, zweimal wöchentlich zum Schachunterricht. In einer Reihe Moskauer Schulen wurde das Spiel sogar als Pflichtfach in den unteren Klassen eingeführt, statt dritter Sportstunde. Weitere zwei Male pro Woche steht eine Klavierstunde in einer privaten Musikschule auf dem Programm; in der staatlichen, wo es sogar kostenlose Plätze gibt – wohl noch ein Überbleibsel aus Sowjetzeiten – war leider nichts mehr frei.
An meinem Lehrstuhl im Institut für Philologie und Massenkommunikation ist es im neuen Studienjahr ruhiger geworden. Erstsemestler, die Deutsch als erste Fremdsprache studieren, gibt es diesmal überhaupt keine, entsprechend haben die Dozenten wenig zu tun und arbeiten mit halben und dreiviertel Stellen; einige haben gekündigt. Der Studentenschwund wird meist im Zusammenhang gesehen mit dem Geburtenrückgang im chaotischen Russland der späten 90er Jahre. Ab 2000 kam Putin, dann ging es aufwärts mit dem Land und den Neugeburten – und die Kollegen an der Uni hoffen, dass dieser Trend sich nun bald, 18 Jahre später, auch in den Studentenzahlen zeigt. Erstmals unterrichte ich zwei Studienjahre in einer zusammengelegten Gruppe, weil mir die Stunde mit acht Studenten mehr Freude macht als mit, sagen wir, dreien. Oft gilt: je weniger Teilnehmer im Kurs, desto schläfriger die Gesamtstimmung.
Jede Woche schreibe ich eine Rund-SMS und erinnere an die dienstägliche Probe meines Chores. Möglicherweise fährt der Chor zu einem Gastspiel nach Deutschland, lautete der Text in dieser Woche, es kommen alle mit, die regelmäßig zu den Proben erscheinen! Ganz leer ist die Versprechung nicht, zunächst aber erhoffe ich mir davon ein zahlreicheres Auftauchen der oft unzuverlässigen und vergesslichen jungen Leute, um sie mit europäischer und russischer A-capella-Klassik zu begeistern: der „Ackerwinde“-Kanon von Rimski-Korsakoff, das mittelalterliche französische „Je ne l’ose dire“, passend zur Jahreszeit „Bunt sind schon die Wälder“.

Mitunter ertappe ich mich dabei, wie ich im Gespräch mit Deutschen „bei uns“ sage und damit die Baikalregion meine. Im dritten Jahr ist Burjatien schon zu einem Stück Heimat geworden.  
Was wissen wir über die Völker Russlands? Das Sachkundebuch für die Schüler der 1. Klasse erklärt die russische Heimat

Freitag, 15. September 2017

Im buddhistischen Kloster Ivolginsk

Eine halbe Fahrtstunde von Ulan-Ude entfernt, in der Steppe am Fuße der Ausläufer des Hamar-Daban-Gebirges, liegt das buddhistische Kloster Ivolginsk. 1945 erlaubte Josef Stalin seine Gründung, vielleicht deshalb, weil die Lamas während des Krieges fleißig Geld für die Front gesammelt hatten. Hier hat heute der XXIV. Pandito Chamba Lama seine Residenz, das Oberhaupt der Buddhisten Russlands. Bekannt ist das Kloster Ivolginsk für den angeblich nicht verwesenden Körper des inzwischen 165 Jahre alten Lamas Etigelow, der zu besonderen Anlässen besichtigt und angebetet werden kann. Herr Baron Nikolaus von Gayling-Westphal, Stadtrat Freiburgs und an einer Städtepartnerschaft interessiert, ist zu einem Gespräch beim Pandito Chamba Lama eingeladen. Als begleitender Übersetzer bereitete ich mich sprachlich und inhaltlich auf den Termin vor, auf ein Gespräch über interreligiösen Dialog und Meditation, über die Wichtigkeit des Glaubens in der heutigen stürmischen Zeit, über die Hoffnung auf eine Zukunft in Frieden und über die Möglichkeiten der Überwindung menschlichen Leidens. 

Zunächst führt man uns in ein Haus im angrenzenden Dorf. Ein etwas buckeliger, ganz offensichtlich blinder Jugendlicher öffnet uns, im mit buddhistischen Schreinen, Statuen, Tüchern und sonstigen Utensilien angefüllten Wohnzimmer erwartet uns ein älterer Mönch in der typischen roten und orangenen Tracht. Beim Platznehmen auf dem Sofa staune ich über den modernen, neuen Konzertflügel, der die Mitte des Raumes ausfüllt.
Der buckelige junge Mann begrüßt uns noch einmal auf Englisch und verkündet, er möchte uns jetzt etwas vorspielen. Während wir eine Mozart-Klaviersonate hören und anschließend den „Hummelflug“ von Rimski-Korsakoff, fällt es mir wie Schuppen von den Augen: natürlich, ihn hatte ich schon einmal erlebt, letztes Jahr im Philharmonischen Saal der Stadt, damals war das weltberühte Glinka-Streichquartett zu Gast gewesen und hatte als Zugabe ein von ihm komponiertes Werk gespielt, wonach man ihn auf die Bühne geholt hatte. Ludub Otschirov, das blinde burjatische Wunderkind!
Der buddhistische Mönch, wie sich herausstellt, sein Großvater, erzählte uns vom Aufenthalt seines Enkels in einer Münchener Augenklinik. Dort sei er gut empfangen worden, und aus Dankbarkeit möchte er uns Deutschen gern etwas zurückgeben. Es folgt ein Lied aus einer Wagner-Oper, deren Text Ludub auf Deutsch parallel zum Spiel mitsingt. Anschließend erhebt er sich und schenkt dem Herrn Baron eine Partitur seines eben fertiggestellten zweiten Klavierkonzertes. Möge ein Freiburger Orchester es aufführen!
Wir staunen ungläubig. Wie ein Blinder denn Noten schreibe?
Man bittet uns in den Nachbarraum. Dort stehen ein E-Piano mit Bildschirm und Computer dahinter. Unsere Anwesenheit habe seinen Enkel zu einer Komposition inspiriert, sagt der Mönch. Lugub schaltet den Computer an und spielt ein schönes, lyrisches Klavierstück. Das Programm würde die Musik sofort in Noten umwandeln, erklärt man uns. Das Lieblingsinstrument des Herrn Baron sei Geige? Während das soeben eingespielte Klavierstück noch einmal wiedergegeben wird, erfindet Ludub, das Wunderkind, mit einem Finger auf der Klaviatur eine Geigenstimme dazu. In fünfzehn Minuten könne Herr von Gayling die Noten in seinem E-Mail-Postfach haben. Wir bedanken uns für die wundervollen Klänge und finden vor Staunen gar keine Worte.

Auf dem Gelände des Klosters Ivolginsk befinden sich etwa ein Dutzend große und kleine Tempel mit den charakteristischen asiatischen Pagodendächern, ein in einem verglasten Haus wachsender heiliger Baum aus Indien, ein Ableger genau des Gewächses, unter dem Buddha die Erleuchtung empfing… dazwischen weiße, quaderförmige Stupas und die typischen Gebetsrollen mit tibetischen Schriftzeichen, die die Gläubigen beim Vorbeigehen drehen. In den über das Gelände verteilten Holzhäusern wohnen die Mönche, die hier arbeiten und an der Buddhistischen Universität studieren. Eines von ihnen ist die Residenz des XXIV. Pandito Chambo Lama, in die man uns nun hineinführt. Die Begegnung verlief für mich sehr anders als erwartet.

„Wer ist hier der Baron? Dann setzten Sie sich mal da hin“, sagte der Lama und wies auf einem Platz am Tisch ihm gegenüber. „Und der Übersetzer? Hier daneben!“ Eine kernige, leicht untersetzte Gestalt, die uns durchdringend mustert.
„Baron, ist das ein Titel oder Amt?“
Ein Titel sei es, meinte Herr von Gayling, von den Adelsrechten und –pflichten sei seit dem ersten Weltkrieg nichts mehr übrig.
„Haben Sie ein Schloss?“
Nun, das Schloss Ebnet in Freiburg…
„Und jagen tun Sie auch?“
Nicht er, sondern andere, es gäbe im Wald ein Jagdgrundstück…
„Wie viele Jahre können Sie ihr Adelsgeschlecht zurückverfolgen?“
Etwa tausend. In der Stimme des Gastes schwingt leichter Stolz mit.
„Das ist nichts gegen unseren Etigelov. Der erinnert sich an die letzten dreitausend Jahre. Elf Wiedergeburten! Sind Sie eigentlich Katholik oder Protestant? Und was macht einer mit Adelstitel so den ganzen Tag? Weshalb sind Sie jetzt hier?“ In diesem Stil ging es eine ganze Weile weiter, mitunter muss ich ein Lachen unterdrücken. Uns wird Tee mit Milch gereicht, eine Suppe, dann Reis und Fleisch.
„Zum ersten Mal, dass ich einem echten Baron gegenübersitze“, meinte der oberste Lama schließlich, offensichtlich von dem Titel schwer beeindruckt. „Und jetzt gehen Sie, sprechen Sie mit Etigelov!“
Jetzt wolle er aber auch einmal etwas fragen, meinte Herr von Gayling, und zwar zum Dalai Lama, dem sich ja alle Strömungen des tibetischen Buddhismus unterordnen…
„Wir ordnen uns dem Dalai Lama überhaupt nicht unter“, kommt die energische Antwort, „sondern höchstens Katharina der Großen! Sie hat mit ihrem Erlass 1764 den Buddhismus in Russland eingeführt. Das wissen Sie schon? Gehen Sie, dann trinken wir weiter Tee! Etigelov wartet!“ 

Man führt uns in den schönsten, buntesten und mit den aufwändigsten Schnitzereien verzierten Tempel auf dem Gelände, dessen Türen nur acht Mal jährlich geöffnet werden oder für besondere Gäste. Gegenüber des Eingangs, dort wo normalerweise die große Statue Buddhas oder einer sonstigen Gottheit sitzt, thront in Meditationspose eine Art Mumie, ein einbalsamierter Körper, der den Betrachter aus blinden Augenhöhlen merkwürdig anblickt.
„Haben Sie mit ihm gesprochen?“, will der Pandito Chamba Lama wissen, als wir an den Tisch in seinem Haus zurückgekehrt sind, „Haben Sie etwas gefragt? Jeden Tag gibt er eine Lehrstunde, und wir veröffentlichen diese auf Facebook.“ Zwei weitere Gäste sind inzwischen dazugekommen, den einen erkenne ich von einem Foto im Wahllokal wieder, der Kandidat der kommunistischen Partei, der am Sonntag aber leider nur fünf Prozent der Stimmen bekam. „Wir konnten die Macht nicht friedlich bekommen, also müssen wir eine Revolution machen!“, sagt der Kommunist, und mir ist unklar, inwieweit es ernst gemeint ist und ob ich es dolmetschen soll. „Übersetzen Sie nicht, was er sagt, der hat doch einen Vogel“, ruft der Lama und tippt sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. Die Stimmung ist ausgelassen, man kennt sich offensichtlich gut.

Herr von Gayling übergibt ein paar Souvenirs aus Freiburg, man plaudert über Geschichte; Anfang der zwanziger Jahre war schon einmal ein deutschstämmiger Baron in der Baikalregion, Ungern von Sternberg, der vergeblich gegen die Bolschewiken kämpfte. Ich verlasse die Residenz des XXIV. Pandito Chambo Lama mit dem Gefühl, einen selbstbewussten und bodenständigen Menschen erlebt zu haben, eher ein unterhaltsamer Politiker als ein spirituelles Oberhaupt. Nach einem Stündchen Spaziergang über das Gelände fährt der Herr Baron Nikolaus von Gayling-Westphal zusammen mit  seinem Dolmetscher zurück nach Ulan-Ude.

Der 15jährige blinde Ludub, Pianist und Komponist
Der XXIV. Pandito Chamba Lama ist das Oberhaupt der russischen Buddhisten (Mitte); links daneben Herr Baron Nikolaus von Gayling-Westphal aus Freiburg
In diesem Tempel sitzt der 165-jährige Lama Etigelov


Montag, 11. September 2017

Auf ins dritte Jahr

Mein drittes Jahr in Ulan-Ude beginne ich als Familienmensch. Zusammen mit mir wohnen meine Freundin Niso und ihre kleine Tochter Maja, die seit dem 1. September in die Schule geht. Jeden Morgen um halb acht zieht sie ihre schicke Schuluniform an und wird von Niso in Schule Nummer eins gebracht. Drei Unterrichtsstunden gibt es in der 1. Klasse jeden Tag, danach stehen zweimal pro Woche wahlweise Schach-, Tanz- oder Gesangs-AG auf dem Plan; wir entschieden uns, Maja zur Schach-AG zu schicken. Nach dem Abendessen basteln wir aus Papier Wasserbomben, Knalltüten oder Frösche, abends vor dem Einschlafen lese ich ein Märchen aus einem illustrierten Sammelband vor – kein Grimm`sches, sondern eines von Puschkin oder Tolstoj.

Die Macht des Dolmetschers

Am letzten Freitag ist Herr Baron Nikolaus von Gayling-Westphal, Stadtrat von Freiburg und Forstwirt, in der Stadt Ulan-Ude zu einem einwöchigen Besuch eingetroffen. Herr Baron Nikolaus von Gayling-Westphal wohnt in Schloss Ebnet in Freiburg, besitzt verschiedene Ländereien in ganz Deutschland und möchte sich für partnerschaftliche Beziehungen zwischen Ulan-Ude und seiner Stadt stark machen – vielleicht kann eine Städtepartnerschaft zwischen Freiburg und der burjatischen Hauptstadt entstehen? Aus psychologischen Gründen hielt man es für angebracht, ihm während seiner Visite keinen Russen, sondern einen Deutschen als Übersetzer an die Seite zu stellen, weshalb die Wahl auf mich fiel.
Zufällig war an diesem Wochenende zugleich das 351. Jubiläum der Stadt Ulan-Ude. Egal wie krumm das Datum ist, in Russland wird der „Tag der Stadt“ jährlich gefeiert, und der Herr Baron Nikolaus von Gayling-Westphal – trotz des umständlichen Adelstitels und des anstrengenden doppelten Familiennamens ein verträglicher, ja fast gemütlicher Mensch, der sogar von mir geduzt werden wollte – war zusammen mit anderen Ehrendelegationen ins Rathaus eingeladen, um dem Bürgermeister seine Glückwünsche darzubringen. Und so fand ich mich in einem Saal mit vielen Mongolen und Chinesen wieder, Vertreter der bereits existierenden Partnerstädte Ulan-Udes, wobei die meisten wohl nur auf dem Papier existieren dürften, sozusagen mehr Stadtverwaltungspartnerschaften sind. Alexander Michailowitsch Golkov, der Bürgermeister, hielt eine kurze Ansprache, in der er die Bedeutung Ulan-Udes als blühendes Kultur-, Industrie und Touristenzentrum hervorhob; vor allem der zweite Punkt ist rätselhaft für den, der die Lage hier kennt und kann höchstens ironisch gemeint sein. Dann waren die Delegationen mit ihren kurzen, formalisierten Glückwunschansprachen an der Reihe, in die wir uns auch einreihten.
„In Freiburg haben wir das größte Weinanbaugebiet Deutschlands“, sagte Herr von Gayling und ließ eine Pause, damit ich Zeit fürs Übersetzen habe, „wir haben das älteste Restaurant Deutschlands, eine große traditionsreiche forstwirtschaftliche Fakultät und eine tolle Bundesliga-Mannschaft, den SC Freiburg! Unsere Stadt ist bereits 900 Jahre alt!“
„Wir wünschen Ihnen von ganzem Herzen alles Gute zum Jubiläum der Stadt Ulan-Ude“, übersetzte ich nach einer kurzen Sekunde der Verwirrung, „Erfolg und weiteres Aufblühen in den nächsten Jahren“ – jetzt hatte ich meine Souveränität als Dolmetscher endgültig gefunden – „und wir möchten uns ganz herzlich dafür bedanken, dass Sie uns eingeladen haben und wir heute hier dabeisein können!“ Kurzer, ehrlicher Applaus, befriedigtes Nicken auf allen Seiten, der Herr Baron nahm Platz, zufrieden über die gute Wirkung seiner Worte.
Am Nachmittag waren wir ins Opernhaus eingeladen, wo Orchester, Sänger und Balletttänzer eine halbstündige Sonderaufführung zu Ehren des hohen Besuches aus Deutschland gaben. Anschließend stand ein Kaffeetrinken mit der Direktorin des Opernhauses und dem jungen Kulturminister der Republik Burjatien auf dem Plan, eine ungezwungene, nette Plauderei über Kunst und Kultur in Freiburg und Burjatien, das Hin- und Herübersetzen machte mir durchaus Freude, auch wenn ich als einziger in der Runde nicht zum Kuchenessen kam.

Gläserne Kandidaten

Gestern habe ich meinen Bekannten Maxim ins Wahllokal begleitet zur Abstimmung über das künftige Oberhaupt der Republik Burjatien. Drei Kandidaten standen zur Auswahl; ein Plakat vor dem Wahlraum informierte über ihre Biografie, Parteizugehörigkeit und ihre persönlichen finanziellen und Eigentumsverhältnisse. So konnten die Wähler lesen, dass Aleksej Tsidenov, Kandidat von Putins führender Partei „Einiges Russland“, eine 121-Quadratmeter-Wohnung in Moskau besitzt und auf seinen acht verschiedenen Konten insgesamt 807505 Rubel liegen; es folgten ähnliche Angaben zu seiner Gattin. Der kommunistische Kandidat Batodalaj Bagdajev kommt nur auf 61 Quadratmeter und 45000 Rubel; außerdem erfuhren wir sein Transportmittel, einen koreanischen Minibus, Baujahr 1997. Wie auch schon bei der landesweiten Parlamentswahl im letzten Herbst wurden die ausgefüllten Wahlzettel sofort elektronisch ausgewertet. Die Wahlbeteiligung lag bei 41 Prozent, erfuhren wir am nächsten Tag – höher als beim letzten Mal, heißt es, ein gutes Zeichen für die Republik.

Unser neuer Mitbewohner

Seit kurzem haben wir einen neuen Mitbewohner in der Wohnung. Er heißt Primorje, kommt aus der Stadt Artjom in der Nähe von Wladiwostok und wurde 1980 geboren, genauer gesagt: gebaut, denn es handelt sich um ein Klavier. Zu Sowjetzeiten waren Klaviere ein Massenartikel und es gab sie wohl  in mindestens der gleichen Anzahl wie Fernseher, weshalb es nicht schwer war, über einen Klavierstimmer eines aufzutreiben – für umgerechnet 100 Euro inclusive Anlieferung und einmal Stimmen nach dem Aufstellen. Wir möchten gern, dass Maja an der Musikschule Klavier lernt.