Montag, 29. Oktober 2018

Bei uns ist das so üblich

Sie sind an der Burjatischen Staatlichen Universität immatrikuliert, und jetzt beginnt Ihr neues, studentisches Leben. Täglich werden Sie viel Zeit in den Gebäuden der Universität verbringen, in den Lehrräumen und Räumen der Verwaltung. Wie in jeder Organisation haben sich auch in unserer Universität bestimmte Verhaltensnormen herausgebildet, Regeln des Umgangs miteinander, die jeder beachten sollte.

Einlasskontrolle. Um die allgemeine Ordnung aufrechtzuerhalten und Straftaten zu verhindern, gibt es an der Universität eine strenge Einlasskontrolle. Die Wache kontrolliert alle Gebäude und das Territorium der Universität. Jeder Eintretende muss sein Eintrittsdokument vorweisen – in Ihrem Falle ist das die elektronische Spezialkarte der Sparkasse.

Begrüßung. Im Unterschied zur Schule werden Sie an der Universität als erwachsene Leute wahrgenommen, welche allgemein anerkannte Umgangsregeln beherrschen. Wenn sich am Eingang oder an Fahrstühlen Schlangen bilden, müssen Studenten die Lehrkräfte und Männer die Frauen vorlassen. Gut erzogene Leute grüßen, wenn sie sich begegnen. Studenten grüßen zuerst: den Rektor, die Universitätsmitarbeiter und alle Lehrer, unabhängig davon, ob sie bei ihnen Unterricht haben.

Kleidung. An der Universität gibt es eine Reihe unbedingter Anforderungen an die Kleidung. Beim Betreten des Gebäudes müssen Männer die Kopfbedeckung abnehmen, egal ob Pelzmützen oder Baseball-Caps. Die Oberbekleidung ist an der Garderobe zu lassen. Manchmal zwingt uns die Kälte, von dieser Regel Abstand zu nehmen – auf keinen Fall jedoch dürfen Verwaltungsräume in Jacken oder Mänteln betreten werden. Den Studenten wird geraten, zum Unterricht ordentlich gekleidet und frisiert zu erscheinen, vorzugsweise in einem Business-Stil: Jackett und Hose bzw. Röcke bei Frauen. Wenn Sie nach dem Unterricht noch in die Disco oder zum Sport wollen, denken Sie lieber rechtzeitig darüber nach, wo Sie sich umkleiden.

Sprachregelungen. Sprechen Sie einen älteren oder unbekannten Menschen mit „Sie“ an.
Erlauben Sie sich keinen familiären Ton den Lehrkräften und Mitarbeitern gegenüber.
Vermeiden Sie Jargon-Ausdrücke und Füllwörter.
Verwenden Sie niemals Flüche, das ist eine Beleidigung für alle in der Umgebung und in den Wänden der Universität streng verboten.

Essen und Hygiene. Die Esseneinnahme hat an den dafür vorgesehenen Orten zu erfolgen und nicht in den Lehrräumen oder im Gehen. Müll auf den Tischen zu hinterlassen, spucken und überall den Kaugummi zurückzulassen ist unzulässig.

Gesunde Lebensweise. Das Trinken von Alkohol einschließlich Bier und der Aufenthalt in betrunkenem Zustand an der Universität ist streng verboten und hat die Exmatrikulation zur Folge. Das Rauchen in den Gebäuden und auf dem Gelände der Universität ist verboten auf Grundlage des Gesetzes vom 23.02.2013 „Über den Gesundheitsschutz der Bürger“.

Und noch zum Benehmen: Leider gibt es in den Korridoren der Universität keine Sitzmöglichkeiten, auch wenn Sie mitunter ein großes Bedürfnis zum Hinsetzen haben. Gehen Sie in diesem Falle in die Mensa, in die Bibliothek oder finden Sie einen leeren Raum, aber knien Sie sich niemals entlang der Wände oder sitzen Sie nicht auf den Treppen – das ist sehr unschön.

Sie sind alle junge, gesunde und schöne Menschen. Bald werden sich bei Ihnen die ersten romantischen Sympathien entwickeln, darunter auch ernste. Denken Sie daran, dass das demonstrative Zeigen intimer Verhältnisse in der Öffentlichkeit (Umarmen, langes Küssen usw.) von tiefer Nichtachtung nicht nur den Mitmenschen, sondern auch sich selbst gegenüber zeugt.

Aus einer Broschüre für Erstsemestler, Herbst 2018

Freitag, 19. Oktober 2018

Heiraten in Russland


Am siebzehnten Oktober haben meine Freundin Niso und ich geheiratet, genau zwei Jahre und sieben Monate, nachdem wir zusammengekommen sind. Am Abend vor der Heirat blättern wir in der  Hochglanzbroschüre zum Thema „Hochzeit“, die uns vor einem Monat ausgehändigt wurde, als wir den Termin beim Standesamt vereinbart hatten, und lesen auf der ersten Doppelseite zwei Grußworte, verfasst von Vertretern der beiden größten Religionen in Burjatien.
„Grundlage eines langen Eheglücks ist die Weisheit“, schreibt der Lama, der in leuchtend roten und orangen Kleidern von seinem Porträtfoto blickt. „Ist die Grundlage der Ehe von geistiger Natur, dann wird die Beziehung eine ewige werden, ähnlich der Lotosblume, welcher der Schmutz der materiellen Welt nichts anhaben kann.“
„Die orthodoxe Kirche schlägt das Modell einer christlichen Familie vor“, lesen wir bei dem in düsteres Schwarz gekleideten Metropoliten Saawatij. „Frauen, folgt euren Männern nach wie dem Herrn, denn der Mann ist das Haupt der Familie, wie Christus das Haupt der Kirche ist; wie die Kirche sich Christus unterordnet, so auch die Frau dem Manne in allem.“
Würden wir mit einer religiösen Institution heiraten, dann wohl lieber mit den Buddhisten, stellen Niso und ich fest und müssen lachen.
Das Standesamt Ulan-Ude befindet sich – wahrscheinlich vorläufig, während das eigentliche Gebäude renoviert wird – im Erdgeschoss eines tristen Plattenbaus. Um neun Uhr morgens sind wir zur Stelle. Nachdem festgestellt wurde, dass kein Übersetzer nötig ist, bittet uns die Standesbeamte in den repräsentativen Raum mit dem doppelköpfigen russischen Adler an der Wand, hält eine kurze Ansprache und erklärt uns zu Mann und Frau.
„Ihnen als Oberhaupt der Familie überreiche ich die Heiratsurkunde“, sagt sie und händigt mir das Dokument aus, auf der einen Seite in Russisch und auf der Rückseite auf Burjatisch abgefasst, das allerdings weder meine Frau noch ich verstehen.
„Und der Ehefrau als Hüterin der häuslichen Heimstätte gebe ich den Pass mit Stempel zurück“, bekommt Niso zu hören und nimmt ihren Inlands-Pass in Empfang, in dem sich nun auf der Seite „Familienstand“ ein Stempel über die Registrierung der Eheschließung befindet. Der nun folgende Teil einer typisch russischen Hochzeit, das Durch-die-Stadt-Ziehen mit lärmendem, trinkendem Gefolge, Fotografiertwerden vor dem Hintergrund von Opernhaus und Leninkopf und abendlichem Versacken an übervoll gedeckten Restauranttafeln, ist nichts für uns; wir heiraten ohne große Party ähnlich meinem Freund Robert, auf dem Kühlschrank in dessen Berliner WG ich eines schönen Tages die standesamtliche Urkunde erblickte. Still und unspektakulär fahren Niso und ich nach Hause und dann in die Musikschule, wo Maja einen kleinen Auftritt mit dem Kinderchor hat und die „Musikanten-Weihe“ bekommt.
Die mit einer russisch-deutschen Heirat verbundene Bürokratie ist etwa gleich aufwändig, ob man nun in Russland oder in Deutschland heiratet. Russische Standesämter verlangen ein Ehefähigkeitszeugnis des ausländischen Partners, in Deutschland müsste man eine Befreiung von der Vorlage des Ehefähigkeitszeugnisses für den russischen Partner beantragen. Deutlich einfacher soll es in Drittländern wie zum Beispiel Dänemark sein. Die Kombination „Frau aus Russland und deutscher Mann“ ist wohl wesentlich häufiger als umgekehrt. Bei youtube gibt es stundenlange Lehrvideos für die russischsprachige Damenwelt -  „Heiraten nach Europa mit Olga Schröder“ und so ähnlich – in denen erklärt wird, was zu tun ist, um das Eheglück in Westeuropa zu finden; rein statistisch kommen in Russland auf sechs Frauen nur fünf Männer.
In Russland wird der Ehering an der rechten Hand getragen. Ich finde das ungewöhnlich – die rechte ist doch die Arbeitshand, die Hand des Alltags. Wir tragen ihn an der linken.



Mittwoch, 10. Oktober 2018

Keine Lust und kein Flug


Der Montagmorgen beginnt für mich jede Woche mit Bauchschmerzen: meine erste Unterrichtsstunde habe ich in einer Gruppe von lustlosen Journalistik-Studenten. Sie sind entweder nicht anwesend, oder, wenn sie anwesend sind, dann wollen sie nichts und können nichts. Von den sechs Frauen sitzen zwei vor mir, und zwar jedes Mal zwei andere. Mit so einer Gruppe zu arbeiten ist für einen Pädagogen eine Strafe, denke ich frustriert und bin ratlos, was ich wohl neunzig Minuten lang anstellen soll. Mir etwas Interessantes auszudenken ist jedenfalls unmöglich.
„Wollen Sie nach dem Studium bei einer Zeitung arbeiten oder beim Fernsehen“, hatte ich sie einmal gefragt.
„Wir wollen überhaupt keine Journalisten werden“, hatten sie geantwortet, „der Unterricht der journalistischen Fächer hier an der Uni ist so schlecht, dass uns die Lust vergangen ist.“
Weil der Unterricht schlecht ist, sind Sie unmotiviert, und weil Sie unmotiviert sind, ist der Unterricht schlecht, hatte ich darauf gedacht, aber nicht gesagt.

Am Abend vor dem Tag der Deutschen Einheit stehe ich am Bahnsteig in Ulan-Ude, in der Hand ein Zugticket nach Irkutsk, auf dem wie auf allen russischen Zugfahrkarten neuerdings die Ortszeiten angegeben sind – was das umständliche Umrechnen von Moskauer Zeit erspart – und schaue dem Zug, in dem ich sitzen sollte, beim Abfahren zu. Die Zugbegleiter an den Türen jedes Wagens steigen nach oben und klappen die Treppchen ein; während sie noch in der Öffnung stehen und ihr kleines grünes Fähnchen heraushalten, setzt sich das stählerne Ungetüm langsam in Bewegung. Von Irkutsk wollte ich nach Novosibirsk fliegen, wo das deutsche Konsulat zu einem feierlichen Empfang eingeladen hatte. We hope you are doing great today!, hatte ich eine Email von der amerikanischen Flugbuchungs-Seite gelesen, während der Zug einfuhr. We do apologize to inform you that your flight has been canceled by the airline. Flug ohne Angabe von Gründen gestrichen! Ich mache mich enttäuscht auf den Heimweg. Die Zugfahrt nach Novosibirsk würde anderthalb Tage dauern. Bis dahin wäre der Tag der Deutschen Einheit schon wieder vorbei.

Mit Niso und Maja besteige ich einen markanten Hügel in der Steppe bei Ivolginsk, auf dem mit weißen Steinen das buddhistische Gebet Om Ma Ne Bad Me Hum geschrieben steht. Ich lege mich auf die Steine und genieße einen der letzten richtig sonnigen Tage. Maja bereitet mir ein weiches Bett aus Steppenroller-Pflanzen. Etwas weiter an einer Felswand zelebrieren zwei murmelnde und räuchernde Gestalten ein schamanistisches Ritual. An einem anderen freien Tag fahren wir die Klosterrunde: vorbei am Troizko-Selenginski-Kloster an der Selenga, in dessen Innenhof Maja den ersten dicken, pappenden Schnee zu einer großen Kugel rollt, und weiter zum Spaso-Preobrazhenski-Kloster in Posolsk, vor dessen Mauern der aufgewühlte, unruhige Baikal hohe braune Wellen schlägt. In der kleinen Kapelle, vor der eine kleine Gedenktafel für den im Jahre 1650 an dieser Stelle von Mongolen ermordeten russischen Botschafter angebracht ist, zu dessen Ehren das Kloster gegründet wurde, ist außer uns kein Mensch – ich singe Dona nobis pacem und genieße die Akustik. In einem Wäldchen mit Blick auf den See entzünden wir ein Lagerfeuer.



Freitag, 28. September 2018

(Ba)rock



Ein kleines Konzert für Violoncello solo in der Katholischen Kirche Ulan-Udes, nicht lang, vierzig Minuten etwa, im Anschluss an die Heilige Messe: satt und saftig dringen die barocken Klänge durch den Raum, tropfen gleichsam von Wänden und Decke und durchdringen die gebannt lauschenden etwa fünfunddreißig Zuhörer. In den ersten fünf Minuten ist der Solist noch ein wenig nervös, dann hat er sich freigespielt und musiziert unbeschwert, als sei er der einzige Anwesende: zwei Ricercare von Dominico Gabrielli, die erste Suite von Bach und die beiden Gigues aus der Sechsten Suite. Die Sechste Suite von Bach ist schwer, zu schwer für unseren Solisten, deshalb spielt er die beiden Stücke aus einer um eine Quinte tiefer transponierten Fassung. In Sibirien ist es erlaubt, beim heiligen klassischen deutschen Erbe etwas zu mogeln. Der Cellist bittet das Publikum, zwischen den Stücken nicht zu klatschen und lieber ein paar Sekunden Schweigen auszuhalten, um die Atmosphäre im Kirchenraum besser zu empfinden.
Im Publikum sitzt die siebzigjährige Galina Sergejewna, die am Fremdspracheninstitut Französisch lehrt und den Kollegen immer wieder interessante Dinge aus fernen Sowjetzeiten erzählt, als die Menschen mit Vornamen noch Wladlen – von Wladimir-Lenin, Mels – von Marks-Engels-Lenin-Stalin – oder einfach Stalina hießen, davon, dass die Stalinherrschaft sicher ihre Nachteile hatte, aber insgesamt die Menschen dank Industrialisierung besser zu leben begannen als das verarmte Bauernvolk in der Zarenzeit. Beim letzten Auftritt vor einem knappen Jahr am Institut hatte sie vor lauter Begeisterung versucht, während des Konzertes mit dem Musiker ins Gespräch zu kommen. Heute hält sie sich zurück, tritt erst nach vorn, als der letzte Ton verklungen ist und hält eine Lobrede auf den Solisten.

Seit über einer Woche rauchen die Schlote des Heizkraftwerkes wieder: die kalte Jahreszeit hat begonnen und mit ihr die Fernheizsaison. Ich suche das gegenüber des Kraftwerks gelegene Hautgebäude der Verkehrspolizei auf, um die Registrierung meines Autos zu verlängern. Um halb Neun öffnen die Schalter. Ich bin um sechs Uhr vor Ort und finde eine Liste an der Tür mit vierzehn Namen; Menschen sind nirgendwo zu sehen. Ich trage mich als fünfzehnter ein und will mich gerade wieder ins Auto setzen, als mich ein junger Mann zu sich in seinen Toyota winkt, um eine Runde zu plaudern. Er sei Nummer zwölf, seit vier Uhr morgens hier. Aus Deutschland? Dima, sehr angenehm! Er liebe es, sich mit Leuten aus anderen Ländern zu unterhalten, dabei erfahre man doch immer etwas Neues; anschließend erzählt er allerdings von sich, seiner Arbeit bei einem Baumarkt und seinen Sorgen und stellt mir kaum eine Frage.
Im letzten Gefecht um Stalingrad bist du gefallen unbekannter Soldat…
„Die deutsche Sprache klingt einfach toll, ich liebe deutsche Musik! Wie alt bist du? Achtunddreißig? Verdammt, warum sehr ihr Deutsche eigentlich immer so jung aus?“ Dima könnte dem Äußeren nach mein Altersgenosse sein, ist aber tatsächlich zehn Jahre jünger.
Wochenlang marschiert durch Schnee und Eis um die Freiheit zu kämpfen für jeden Preis…
„Ein halbes Jahr lang habe ich bei der Polizei im Fernen Osten gearbeitet, vor der Reform, als sie noch Milizia hieß und es jeden Monat lächerliche fünfzehntausend Rubel gab. Ein unter Drogen stehender Fahrer hat versucht, mich umzufahren, da habe ich ein ganzes Magazin auf seine Karre abgefeuert und seitdem die Schnauze voll von diesem Job!“
Ob ich Lust hätte, fragt mich Dima weiter, mal Briefe aus dem Gefängnis zu lesen? In Ust-Brjan, wo er wohnt, gäbe es ein kleines inoffizielles Knastmuseum, ich sei herzlich eingeladen.
Wir danken dir für deinen Mut in jeder Stunde, jeder Sekunde…
Ob ihm eigentlich klar wäre, was er da höre, frage ich und schaue auf sein Smartphone: Sleipnir. Dima lacht und sagt nichts. Auf diese Weise mache ich erste Bekanntschaft mit Nazi-Rock. Ausgerechnet in Russland, wer hätte das gedacht?

Sonntag, 16. September 2018

Auf ins vierte Jahr

Gestern legte Maja ihren zehnminütigen Schulweg zum ersten Mal ganz allein zurück. Seit dem ersten September geht sie in die zweite Klasse. Der Unterricht findet in der „zweiten Schicht“ statt: die Schule beginnt mittags und endet am späten Nachmittag. Vormittags besucht Maja an drei Tagen in der Woche die Musikschule. Ich finde diese Reihenfolge gar nicht schlecht: so ist die morgendliche Frische und Aufmerksamkeit der musikalischen Ausbildung vorbehalten. Im ersten Lehrjahr gibt es die Fächer Chor, Musiktheorie, Musikalische Literatur und das eigentliche Hauptfach, in Majas Fall Klavier.
Die Musikschule Nummer Eins in Ulan-Ude ist stolz auf ihre 70jährige Tradition. „Alle Kultur in Burjatien hat mit uns begonnen“, erfahren die beim Elternabend versammelten Väter und Mütter. Zwei ältere Pädagogen, geformt in sowjetischer Strenge und Ordnung, erläutern, was sie von den Schülern erwarten: unbedingte Anwesenheit, eine Entschuldigung von den Eltern bei Fehlen. Die achtjährige kostenlose Ausbildung gilt als berufsvorbereitend, gelehrt wird nach einem straffen staatlichen Programm, das keine Abweichungen zulässt, mit halbjährlichen Prüfungs- und Konzertterminen. Das war mir so nicht klar: Ich hatte den entspannten Hobby-Charakter einer deutschen Musikschule im Hinterkopf. Am Ende unterzeichnen die Eltern noch eine Vereinbarung über einen freiwilligen Monatsbeitrag von fünfhundert Rubeln: damit wenigstens Geld für Klopapier, Einweg-Trinkbecher und Strom da sei.

Der Burjate Maxim, ehemaliger Bass-Sänger am Ulan-Ude’er Operntheater, dem ich geholfen hatte, in Deutschland einen Studienplatz zu finden, ist für eine Weile wieder hier in seiner Heimat. Wir machen einen Ausflug an den Baikal, vorbei an zwei Klöstern und durch die Dörfer im Mündungsgebiet der Selenga. Ich gebe ihm ein Exemplar der Zeitung Prawda – etwa das russische Äquivalent zum Neuen Deutschland; ich weiß, dass er bei den letzten Wahlen zum burjatischen Parlament, dem Narodnyj Chural, für die Kommunisten gestimmt hat.
Ob ich wisse, wer den Zweiten Weltkrieg gewonnen hat, fragt mich Maxim.
Die vier alliierten Siegermächte, es sei doch wohl nicht nötig, sie aufzuzählen, antworte ich verwundert.
Eigentlich habe die Sowjetunion den Zweiten Weltkrieg gewonnen, sagt Maxim. Eine Tatsache, die die westliche Propaganda heute verschweige.
Die Sowjetunion hatte unzweifelhaft die meisten Opfer, aber war könne doch wohl kaum als alleiniger Sieger bezeichnet werden?
Die Westfront sei erst 1944 eröffnet worden, davor habe die Sowjetunion praktisch allein gekämpft gegen Hitler, unter ihrem großen Führer Stalin.
Wenn es nach Stalins Willen gegangen wäre, der erbarmungslos Geistliche erschießen ließ, würde jetzt dort, wo wir jetzt gleich ein Kloster sehen werden, ein kahles Feld sein!
Ohne Opfer gehe es eben nicht, dafür habe Zucht und Ordnung geherrscht unter den Kommunisten; Stalin sei ein einfacher, armer Mann gewesen, hingebungsvoll seinem Volke dienend, nicht so korrupt wie die heutigen Politiker, und überhaupt wären die Menschen gleich gewesen, kein Vergleich mit der heutigen Ungerechtigkeit. Er lese gerade Stalins Werke, sagt Maxim, und ob ich ihm nicht helfen könne, die zweiundfünfzigbändige Lenin-Gesamtausgabe irgendwo aufzutreiben?

Die kleine Maja möchte jeden Tag stundenlang auf dem großen Spielplatz vor dem Haus spielen. Wenn sie aus der Schule kommt, müssen erst die Hausaufgaben gemacht werden, bevor es ins Freie geht. Niso oder ich sitzen dabei auf einer Bank am Rande und beobachten das Geschehen. Neulich kam ich neben der zweiundachtzigjährigen Großmutter einer von Majas Spielplatz-Freundinnen zu sitzen, eine ganz wache, kultivierte, sich in Würde haltende Frau. Sie erzählte von Kriegszeiten, als sie mangels Schuhen durch den Schnee barfuß in die Schule gehen musste, und vom guten Staatsmann Brezhnev, unter dem es für die einfachen Leute immer Rabatte gab, der dann aber leider krank wurde und starb.
Und Stalin, frage ich. Erinnern Sie sich, als er starb? War die Erleichterung im Volk groß?
Wovon ich sprechen würde, ruft die alte Dame und sieht mich an, als die Meldung über das Ableben des großen Führers im Radio bekanntgegeben wurde, haben die Menschen geweint, egal, wo sie gerade saßen oder standen! Eine große Trauer habe das sowjetische Volk ergriffen!
Und von Repressionen haben Sie nichts mitbekommen?
Wie denn das, nichts mitbekommen! Ihr Vater sei erschossen worden, als sie elf Monate alt war. Er hatte beim Telegrafenamt gearbeitet, und jemand habe ihn denunziert. Wofür, warum? Niemand weiß es. Aber dafür kann doch Stalin nichts, fügt sie nach einer Pause hinzu, er sei ein ganz einfacher Mann gewesen, nicht mal ein eigenes Auto habe er gehabt. Die Repressionen, keiner weiß es warum, vielleicht seien das die Leute vom KGB gewesen.

Niso und ich waren im SAGS – Zapis aktov grazhdanskovo sostojania, dem Gegenstück zum deutschen Standesamt, um unsere geplante Eheschließung anzumelden. In dem kleinen Raum sitzen oder stehen etwa zwölf Leute, so etwas wie Privatsphäre oder Diskretion ist unbekannt. Wir treten an den Schalter und sagen „Einmal Heiraten, bitte“. Unsere Dokumente werde kurz geprüft, die beglaubigte Übersetzung meines Passes und das im Potsdamer Standesamt eingeholte Ehefähigkeitszeugnis, dann bekommen wir ein kleines Zettelchen mit den Daten des Kontos, auf welches wir eine Gebühr zu überweisen haben, je nach Bedarf für den gewünschten Vorgang: Eheschließung 350 Rubel, Scheidung 650 Rubel, Namensänderung 1400 Rubel.

Mit dem Cello auf dem Rücken betrete ich die Katholische Kirche, ein innen und außen in leuchtendem Weiß glänzendes, neues Gebäude. Schwester Erika, eine polnische Nonne in schwarz-weißer Tracht, grüßt und erlaubt mir gern, ein wenig zu spielen. Ich baue mich vor dem Altar auf und spiele aus Gabriellis Sieben Ricercare für Violoncello solo, meine neueste Entdeckung, eine Art Vorläufer der berühmten Bach-Suiten. Fantastische Akustik, die barocken Töne schweben in großartiger Erhabenheit durch den Raum. Pater Adam, der Priester, erscheint auf der Orgelempore, winkt mir zu und zeigt den nach oben gerichteten Daumen. Ich hätte offensichtlich eine Menge Noten, sagt er mit seinem unverkennbar polnischen Akzent, auf den Papierhaufen unter meinem Stuhl deutend, ob ich nicht Lust hätte, zur Erbauung der Gemeinde und sonstiger Gäste in Bälde ein Konzert zu geben? Aber doch gern! Pater Adam bittet zum Tee und nebenbei noch darum, für ihn in Köln anzurufen und eine wichtige Sache zu klären, es gehe um die Abrechnung der vor drei Jahren einem deutschen Bistum geförderten Renovierung der Kirche; leider sei dort niemand des Polnischen oder Russischen mächtig, ein Übersetzer komme gerade wie gerufen.

Nach dreimonatiger Pause hat der Arbeitsalltag an der Universität begonnen. Kollegin Svetlana fragt mich, ob ich nicht Lust hätte, im ersten Semester zu unterrichten, eine Gruppe von zwölf Studenten. Ich sage zu und bereue es nicht: die jungen Leute sind noch frisch und motiviert, erhoffen sich etwas vom Studium und erwarten einen interessanten Unialltag – ermüdet und desillusioniert von haufenweise unnützen, langweiligen Nebenfächern, die mit ihrem Hauptfach Deutsch nichts zu tun haben, werden sie erst in zwei oder drei Jahren sein.

Ausflüge in die herbstliche Natur mit Maxim, Niso, Maja und Nisos Freundin Lena

Kühe beim Durchqueren eines Wasserarmes am Baikalsee (oben). Tomaten werden grün geerntet und reifen zuhause nach (unten)