Sonntag, 11. Februar 2018

Die unsichtbare Schlange

In der Morgendämmerung zeichnen sich zwei gigantische, in der oberen Hälfte rot-weiß gestreifte Schlote ab, aus denen schleimige, zähe, dicke, weißlichgraue Rauchwolken emporwabern. Ein durchdringendes helles Rauschen liegt in der Luft. Das Polizeigebäude hinter mir ist noch geschlossen; ich stehe mit dem Rücken zur Tür und lasse mir sanft zur Erde segelnde Schneeflocken ins Gesicht treiben. Das Fernheizkraftwerk TEZ-1 – TEZ steht für Teploelektrozentral - versorgt zwei Drittel aller Gebäude Ulan-Udes mit Wärme. Eine Stunde noch warten! Einige Minuten wiege ich mich in der Illusion, der erste in der Schlange zu sein, bis ein Mann aus einem Auto steigt und mir einen Zettel mit sechs Namen reicht. Auch Auto anmelden? Hier müssen sie sich einschreiben. Während ich meinen vor Kälte erstarrten Kuli warmhauche, ist er schon wieder verschwunden. Ich trage mich in die Liste als Nummer sieben ein – die Schlange existiert also längst, sie ist nur unsichtbar, ein typisch russisches Phänomen. Die Leute gehen weiteren Erledigungen nach oder sitzen irgendwo im Warmen, nachdem sie sich einen Platz reserviert haben. Wenig später reiche ich das Papier an einen nach mir eintreffenden Burjaten weiter.
Ist ja ein Lärm wie auf dem Flughafen hier!
Offensichtlich arbeitet das TEZ nicht mit voller Kraft, meint mein als einziger physisch anwesender Schlangennachbar, sonst würde die Rauchsäule erstmal fünfzig Meter steil nach oben steigen und erst dann abknicken. Ist ja auch nicht kalt heute!
Die im halbstündigen Fußmarsch von zuhause angeregte Körperwärme reicht gerade so, um bei minus fünfzehn eine Stunde im Freien zu warten, ohne zu frieren. Um halb neun hat sich die Schlange dann plötzlich materialisiert, zwanzig Leute drängen sich vor der Tür, jeder kennt seinen Platz nach der Liste. In der Halle mit den Schaltern warten zwei uniformierte Beamte, von denen einer die Dokumente der Bürger vorkontrolliert und der zweite auf den Bildschirm des Wartemarken-Automaten drückt, welcher den Talon ausspuckt, gemäß dem dann die Aufrufe erfolgen. Moderne Technik ist also vorhanden, staune ich – nur führt sie weder zur Personaleinsparung noch zu einem Plus an Komfort für die Wartenden.
Wahrscheinlich brauchen wir von Ihrem Pass eine Übersetzung, grummelt der Polizist am Tisch.
Ich bin vorbereitet und reiche sie ihm, notariell beglaubigt, unanfechtbar.
Und ihre Haftpflichtversicherung?
Die OSAGO gibt es noch nicht in Papierform. Aber hier ist der Nummer der Police, mir wurde gesagt, das reicht, um ein Auto anzumelden.
Nicken. Ich bekomme eine Wartemarke, werde aufgerufen, gehe an den Schalter, reiche mein Dokumentenpaket durch das Fenster. Erneut wird geprüft. Ich scheine dem Ziel, meinen WAZ-2115 endlich auf meinen Namen registrieren zu lassen, so nah wie nie zu vor. Während mein offensichtlich etwas länger dauernder Fall bearbeitet wird – ein ausländischer Pass kommt nicht jeden Tag auf den Tisch – habe ich Zeit, nachzuschauen, wofür die Abkürzung eigentlich steht. Wolzhskij Avtozavod, Produktion in Toljatti an der Wolga; der Samara war das erste Modell des Herstellers mit Frontantrieb und wurde bis 2004 auch nach Deutschland geliefert, beruhte nicht mehr wie die vorangegangenen Zhigulis auf einer Fiat-Lizenz, Produktionsstopp 2013. AvtoWAZ ist der größte russische PkW-Hersteller, über die Hälfte der Aktien gehören inzwischen Renault-Nissan.
Ohne ihre ausgedruckte OSAGO-Police kann ich den Vorgang leider nicht beenden und speichern, meint der Beamte, nachdem er eine halbe Stunde lang meine Daten eingegeben hat und gibt mir Pass und die anderen Papiere zurück. Kommen Sie das nächste Mal wieder.
Alles klar, denke ich und überlege, ob ich jetzt frustriert oder amüsiert sein sollte. Im Unterschied zur deutschen scheint die russische Bürokratie unberechenbarer, willkürlicher und intransparenter zu sein, die eine Stelle weiß nicht, was die andere für Papiere fordert, und nirgendwo ist der Gesamtvorgang verbindlich in schriftlicher Form erläutert. Ich rufe den Versicherungsmenschen an, fordere die Zusendung meiner Police und bemühe mich dabei, wütend zu klingen.

Ein Tag später: diesmal komme ich mit dem Auto, und zwar schon um sieben Uhr. Draußen ist es noch stockfinster. Mit gemütlich tuckerndem Motor verbringe ich anderthalb Stunden in meinem warmen Lada bei anregender Lektüre. Ich klebe einen Zettel mit meinem Namen an den Eingang in der irrtümlichen Annahme, so den Anfang einer sich unsichtbar begründenden Schlange gelegt zu haben: an diesem  Tag werden nur Kunden nach vorheriger elektronischer Einschreibung empfangen. Aber der Beamte vom Vortag erinnert sich an mich, hat Mitleid und bearbeitet meinen Fall trotzdem. Mit einem einlaminierten Kärtchen in der Hand verlasse ich das GIBDD-Gebäude, STS, Swidetelstwo o registrazii transportnowo sredstwo, auf Deutsch wohl: Zulassungsbescheinigung Teil zwei. Draußen ist es inzwischen hell. Ich werfe einen Blick auf die Infotafeln vor dem rußiggrauen Qualm spuckenden Kraftwerk, auf denen mit Stolz dessen 80jährige Geschichte erzählt wird.
 
Beim vierten Versuch hat es geklappt, werde ich am Abend Urs erzählen, unserem Praktikanten aus der Schweiz. Um zu wissen, wie man in Ulan-Ude ein Auto registriert, muss man es einmal gemacht haben!
Urs lacht. Ob ich übrigens wüsse, dass unnötiges Laufenlassen des Motors in der Schweiz 250 Franken Strafe kostet?

Mittwoch, 7. Februar 2018

WAZ 2115 (Lada Samara)

Ich habe den Entschluss gefasst, mir ein Auto zu kaufen. Mein Kollege Mischa, Leiter des Theologie-Lehrstuhles, den ich beim Kauf eines Cellos für seinen Sohn Seva unterstützt hatte, ist bereit, mir dabei zu helfen. Also gehen wir über den Avtorynok, den Automarkt, lenken unsere Schritte zielstrebig vorbei an hundert Toyotas und anderen japanischen Fabrikaten, die meisten mit Rechtslenkung, dorthin, wo die russischen Modelle stehen. Für mich steht fest: ein Auto aus einheimischer Produktion soll es sein, vielleicht ein nostalgischer Moskwitsch, ein breiter Wolga, ein lustiger kleiner Saporozhez, ein Lada Niva-Geländewagen oder auch ein gewöhnlicher Lada. Mischa hatte vergeblich versucht, mich von meiner Wahl abzubringen. Einen zuverlässigen Japaner solle ich doch wählen, die seien weniger störanfällig, schlucken nicht so viel und sind im Winter innen wärmer. Vielleicht sollte mich nachdenklich machen, dass nicht mal zehn, ach was, nicht fünf Prozent aller PKWs in Ulan-Ude russische Marken sind? Aber mein Entschluss steht fest: das Auto soll zum Land passen. Das erste eigene Fahrzeug in meinem Leben, es wird ein Russe.

Am hinteren Ende des Avtorynok stehen einige Ladas der achten Generation, Typ Wozmjorka, die aussehen wie quadratische Schachteln, und ein Wolga. Mischa zieht mich sofort weiter. Ich sei wahrscheinlich kein Bastler, großgeworden mit dem Schraubenschlüssel in der Hand? Na also. Ich betrachte neugierig einen Niva mit Irkutsker Kennzeichen, Baujahr 1999, geländegängig, für die katastrophalen burjatischen Schotterpisten bestimmt bestens geeignet. Mischa schüttelt den Kopf. Im Gebiet Irkutsk wird mit Salz gestreut, da rostet der Unterboden dreimal schneller. Schließlich bleiben wir bei einem WAZ 2115 stehen, auch als Lada Samara vermarktet. Sein Verkäufer – die Wagen gehören nicht einem einzigen Autohändler, sondern verschiedenen Leuten, die den Platz auf dem Automarkt als Verkaufsfläche gemietet haben – lobt ihn sofort in den höchsten Tönen. Baujahr zweitausendacht, nur achzigtausend Kilometer, unfallfrei, bisher im Besitz einer einzigen Familie. Mischa ruft seinen befreundeten Automechaniker dazu, der einen kurzen Blick auf die entscheidenden Stellen an Motor und Karosserie wirft, für mich als Laien nicht nachvollziehbar. Ein schicker Wagen, silbergrau, mit schwarzem Kunststoff verstärkte Türgriffe, sogar ein Spoiler auf dem Kofferraum. Ich bitte um eine kleine Probefahrt. Zu meiner Verwunderung setzt sich der Verkäufer selbst ans Steuer und ich mich auf den Beifahrersitz – mein Wunsch scheint nicht selbstverständlich zu sein. Ein wenig später lässt er mich aber doch hinters Lenkrad.
Wieder zuhause, gibt Mischa die abfotografierte Fahrzeug-Identifizierungsnummer in eine Internet-Datenbank ein. Wir erfahren die Anzahl der Vorbesitzer, lesen, dass keine Strafen bei der Polizei registriert sind und sehen, dass der Kilometerstand auf dem Tacho stimmt. Ich rufe den Verkäufer an und nehme den Wagen. In einer kleinen Bude auf dem Automarkt wird der Kaufvertrag unterschrieben, in der Gegenwart zweier Juristen, die dafür eine Gebühr nehmen und sich über meinen deutschen Pass wundern. Barzahlung, Schlüsselübergabe, ich bekomme den PTS, Pasport transportnovo sredstwo, so etwas wie die Zulassungsbescheinigung. Nachdem wir schon losgefahren sind, fällt Mischa ein, dass wir vergessen haben, uns vom Verkäufer den Erhalt des Geldes quittieren zu lassen. Wir kehren um und holen das Versäumte nach: ein schneller, bei minus fünfzehn Grad auf der Motorhaube handgeschriebener Zettel.

Nun wird es erst richtig spannnend: ich habe noch nie in meinem Leben ein Auto besessen; interkulturelle Vergleiche, die ich so mag, kann ich deshalb nur bedingt anstellen. Zum Beispiel glaube ich mich zu erinnern, dass der TÜV in Deutschland eine ernstzunehmende Sache ist, ein älteres Fahrzeug kann ihn bestehen oder möglicherweise auch durchfallen; am Nummernschild ist eine Plakette, an der das Datum der letzten Untersuchung ersichtlich ist. Das russische Äquivalent zum TÜV heißt Techosmotr, technische Durchsicht. Um eine Haftpflichtversicherung, OSAGO genannt, abschließen zu können, muss man eine Bescheinigung über die bestandene Durchsicht vorweisen können. Wo ich den Techosmotr abnehmen lassen könne? Nun, das nötige Papier sei bereits im Preis inbegriffen, sagt mir der junge Versicherungsvertreter, morgen schicke er mir die Police per Email. Anders formuliert: es gibt in Russland eigentlich keinen TÜV.
Mischa fragt mich, wo ich denn das Auto abzustellen gedenke, ob ich vielleicht eine warme Garage hätte. Nein? Wie ich mir denn überhaupt vorstelle, dass bei minus fünfundzwanzig der Motor anspringt? Es gäbe die Möglichkeit, einen elektrischen Heizer einzubauen mit einem Kabel, dass in die Steckdose kommt – ganz einfach in der Wohnung mit einem sehr langen Verlängerungskabel, gut, dass wir in der 1. Etage wohnen – oder eine Alarmanlage mit einer Automatik, die den Motor alle zwei oder drei Stunden für zehn Minuten anwirft, damit er nicht einfriert. Wenn ich losfahre, solle ich auf jeden Fall immer fünf Minuten warten, bis der Temperaturzeiger des Motors, dessen Skala bei fünfzig Grad beginnt, sich anfängt nach oben zu bewegen.

Russland ist das Land der im Stand laufenden Motoren. Das hat nichts mit Gleichgültigkeit der Umwelt gegenüber zu tun, sondern ist im Winter schlichte, klimabedingte Notwendigkeit. Nun ist mir auch klar, warum ich öfters an Wagen mit laufendem Motor vorbeikomme, obwohl niemand darinsitzt. Die Elektronik ist so eingestellt, dass sie immer mal von selbst anspringen, damit ihre Besitzer am nächsten Morgen auch bei minus fünfunddreißig zur Arbeit fahren können. Gleich am zweiten Tag lasse ich mir eine solche Alarmanlage einbauen, am Autoschlüssel baumelt jetzt ein Chip mit digitalem Display, wenn jemand am Auto wackelt oder die Handbremse löst, piept es ziemlich laut. Auf keinen Fall darf ich die Maschine mit eingelegtem ersten Gang zurücklassen – dann macht sie beim programmierten ersten Anlassen drei Stunden später einen Satz nach vorn und geht wieder aus.
Mein Hausnachbar Robert gratuliert mir zur neuen Anschaffung. Nachdem ich wieder einmal begründen musste, warum ich mich nicht für einen Toyota entschieden habe, fragt er, wo denn meine Garage sei. Aber es stehen doch hundert andere Autos auch auf der Straße, einfach so…? Eben gerade die russischen Modelle seien besonders einfach zu knacken! Gleich eben um die Ecke gebe es einen bewachten Parkplatz, ich solle doch mal überlegen.

Für einen kleinen täglichen Betrag steht mein Lada Samara nun auf einer zu bezahlenden Stellfläche ein paar hundert Meter von meiner Wohnung, neben einem Reifen- und Metallhaufen und zwei,drei anderen Fahrzeugen, bewacht von zwei kläffenden Hunden und einem Opa oder – je nach Schicht – einer Oma in einem Schuppen, die die Bilder einiger Überwachungskameras vor sich immer fest im Blick behalten. Ich kümmere mich unterdessen um die Formalitäten: zuerst ist die polizeiliche Anmeldung angesagt, das Umschreiben auf meinen Namen. Vor dem Hauptgebäude des GIBDD, Gosudarstwennaja inspekzia po besonasnosti dorozhnovo dwizhenja, wie die Verkehrspolizei in voller Länge heißt, steht eine Schlange von etwa 20 Leuten und tritt bei minus zwölf Grad von einem Fuß auf den anderen. Öffnungszeiten waren im Internet nicht auszumachen, telefonisch nahm nach einer barschen Weiterleitung niemand ab, also versuche ich es auf gut Glück. Ein Französisch-Student aus meinem Institut begrüßt mich neugierig, was mich hierher führe? Und er selbst? Naja, mit seinem Zhiguli wäre er erwischt worden, angetrunken auf dem Weg zum Lebensmittelgeschäft, Pech, Führerschein für anderthalb Jahre weg, deshalb stehe er hier, Nummer drei in der Warteschlange, da er schon vor einer Stunde gekommen sei. Die Erfindung des beheizten Wartesaals hat Sibirien noch nicht überall erreicht, denke ich grimmig – aber hier ist diesmal zum Glück nicht mein Platz. Ich gehöre nicht in die Schlange derjenigen, die etwas ausgefressen haben, sondern bin wegen der Registrierung hier, anderer Eingang. Heute leider geschlossen.

Am nächsten Tag komme ich nicht zu Fuß, sondern mit dem Auto. Meine Intuition trügt nicht: für das Anmelden erweist sich das Vorhandenseins des Fahrzeugs vor Ort als erforderlich. Nebeneinander aufgereiht und mit laufenden Motoren stehen einige Dutzend Wagen im Hof der Verkehrspolizei, Motorhauben werden geöffnet, Fahrer sitzen geduldig sich hinter dem Steuer wärmend. Einige in dicke blaue Uniformen mit der Aufschrift Polizia eingehüllte Beamte – die Zeiten, in der die Polizei in Russland Milizia hieß, sind bekanntlich vorbei – betrachten nacheinander die Autos, stellen den Fahrern ein paar Fragen und teilen dann kleine Zettel aus: Inspektion bestanden. Wohin ich als nächstes gehen solle? Die Registrierungsgebühr entrichten, erster Eingang links, dann würde man mich dort schon weiterschicken. Ihren Pass bitte, sagt die Kassendame. Gibt’s das auch irgendwo auf Russisch, meint sie und zeigt ratlos auf meinen Namen. Ich blättere ihr die Seite mit dem Visum auf, wo Thomas Ranft auf kyrillisch steht. Ich bekomme wieder ein kleines Zettelchen und werde in einen neuen Gebäudeteil verwiesen. Ja, die Anmeldeschlange ist für heute schon geschlossen. Übermorgen wieder. Es ist 10 Uhr morgens. Ich fahre nachhause, tanke unterwegs noch 92er Benzin, etwa ein Drittel so teuer wie Benzin in Deutschland, und kaufe  Feuerlöscher, Erste-Hilfe-Kasten und Scheibenreiniger. Na, wenig Erfahrung, was?, meint der Ochrannik, der Parkplatzwächter und hilft mir mit Handzeichen beim Einparken an einer Stelle, an der sich kein zusammengeschobener Schnee einen halben Meter hoch türmt. Warum ich denn eigentlich keinen Toyota… Mischa ruft an und erkundigt sich hilfsbereit, ob mit der Registrierung alles klar geht, die Zehn-Tage-Frist für das Umschreiben sei ja fast vorbei? Alles in Arbeit, beruhige ich ihn und bin fast ein wenig stolz, mit meinem silbergrauen, original russischen Schmuckstück WAZ 2115 nun Teil der mobilisierten Welt zu sein.




Mittwoch, 31. Januar 2018

"Warum ich ein Stipendium für Deutschland bekommen möchte"

Deutschland ist für Russen, die im Ausland studieren möchten, ungeachtet der politischen Krise ein beliebtes Ziel. In Moskau habe ich als Mitglied einer Kommission über die Vergabe von Stipendien mitentschieden. Beim Lesen der über hundert Motivationsschreiben musste ich einige Male herzlich lachen oder zumindest schmunzeln:

An der Universität nehme ich an Konferenzen, verschiedenen Wettbewerben und Sportveranstaltungen teil. Das heißt, ich bin vielseitig entwickelt, zielbewusst und kreativ. Mit solchen Begabungen kann ich die Autorität der deutschen Sprache in Massen bringen. Was gibt es da zu zweifeln?

In Russland haben wir einen Stereotyp, dass die deutsche Sprache nicht sehr schön klingt, aber ich glaube nicht an diesen Stereotyp und ich begann Deutsch gerade wegen seines Klanges zu lernen. […] Ich mag die gotische Architektur, denn die ist dunkel und majestätisch, und sie reflektiert meine innere Welt. Als ich das Lesen des Buches „Also sprach Zarathustra“ von Friedrich Nietzsche beendete, war ich von der Idee des Übermenschen inspiriert und ich versuche immer ein guter Mensch zu sein, aber es gelingt nicht immer.

Meine Philosophie als zukünftige Lehrerin – den Kindern den Glauben an sich selbst beibringen. Und damit das Kind an seine Kräfte glaubt, muss ich selbst an mich selbst glauben. Und dazu brauche ich meine Kenntnisse in der deutschen Sprache zu verbessern.

Ich mag Bücher auf Deutsch lesen. Ein Buch auf Russisch kann für mich nicht besonders interessant sein, aber dasselbe Buch auf Deutsch kann bei mir schon Neugier erwecken.

Wie ein österreichischer Philosoph, Ludwig Wittgenstein, gesagt hat: „Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.“ Das war der echte Grund für mich, warum ich eigentlich dieses Stipendium bekommen muss.

Ich möchte diese Sprachkurse besuchen, weil sie alle sehr massenattraktiv sind und in der passenden Zeit abgehalten werden.

Ich war zwar schon zweimal in Deutschland, aber das war noch während meiner Schulzeit, in der ich mich für dieses Land nicht interessiert habe.

Ich möchte sehr in Deutschland studieren. Das ist schon lange mein Traum. Während meiner ersten Reise nach Deutschland im Jahre 2008 ist mir schon am ersten Tag ein erschütterndes Ereignis passiert. Uns ist Angela Merkel auf einer Straße von Berlin begegnet! Ich war noch ein kleines Kind, aber diese Begegnung hat mich sehr stark beeindruckt. Heute betrachte ich dieses Ereignis als ein Beispiel der wahren Demokratie.

Schließlich habe ich einige Gründe, warum ich speziell in Berlin studieren möchte. Da mir viel an dem Wohl von Natur und Tieren liegt, habe ich vor einigen Jahren aufgehört, Fleisch zu essen. Berlin ist als vegane Hauptstadt in Europa bekannt. Ich würde gerne kommen, um mehr über diese Entwicklung zu erfahren.

Dienstag, 30. Januar 2018

Osh

Ein Reisebericht aus Kirgistan, Teil 3

Ich sitze auf einer Parkbank in Osh, unweit des Berges Suleiman-Too. Was für eine ungewöhnliche Stadt: ein Berg in der Mitte, mit zackigen Felsen, in deren Höhlen man herumkriechen kann, ein Netz von Trampelpfade über den Hängen und angeblich jahrtausende alte gemeißelte Felszeichnungen. Die markante Silhouette des Suleiman-Too-Berges diente Handelsreisenden auf der alten, durch das Ferghana-Tal verlaufenden Seidenstraße als Orientierungsmarke. Der biblische König Salomon könnte hier begraben sein, heißt es; heute ist der Ort Unesco-Weltkulturerbe, was bisher noch niemanden dazu veranlasst hat, die alten Petroglyphen vor neuen Schmierereien zu schützen, von denen sie manchmal kaum zu unterscheiden sind. 20 Som Eintritt kostet es an der Kasse; Kassiererin Gulmira hatte mich neugierig gefragt, ob die Mauer in Berlin noch steht und ob wir in Deutschland in der Schule auch über Adolf Hitler sprechen. Ich sitze nun also auf der Parkbank, als ein Mädchen sich neben mich setzt und auf Englisch fragt, ob sie nicht ein wenig mit mir reden dürfe? Sie bereite sich gerade auf eine Englisch-Olympiade vor und brauche noch ein bisschen Übung im Sprechen. Ich unterhalte mich eine halbe Stunde mit der Elftklässlerin Elisa; sie fragt, wie lange es dauert, um Deutsch zu lernen, weil ein Studium in Deutschland viel weniger kostet als zum Beispiel in den USA.
Dann taucht Bilal auf, ein Mitarbeiter des Osh Guest House, wo ich übernachte und mit dem ich eigentlich verabredet war. Wir brechen zum Stadtbummel auf.

Kirgistan ist ein sehr junges Land – überall große Mengen junger Leute, das Durchschnittsalter beträgt 26; die Menschen sind viel gesprächiger als beispielsweise die zurückhaltenden Burjaten, auch in der Stadt ist es nicht schwer, mit jemandem in Kontakt zu kommen. Als erstes führt mich Bilal in das mächtige sowjet-neoklassizistische Gebäude der Osher Staatlichen Universität: während ich die beeindruckende Säulenfassade fotografiere, berichtet er mir, wie viel die Prüfungen kosten und dass man schon ganz ordentlich ein paar Scheine hinlegen muss, um Bestnoten zu bekommen. Ich plaudere ein wenig mit Murubat Usmanova, der Direktorin des Zentrums für Deutsche Sprache; ein Deutsch-Muttersprachler unterrichtet auch hier, sozusagen ein Kollege von mir.

An allen Straßenecken wird frischer Popcorn verkauft. Bilal erklärt mir, woran man Kirgisen von Usbeken unterscheiden kann – zwischen beiden Volksgruppen war es 2010 in Osh zu blutigen Auseinandersetzungen gekommen. Hier im Ferghana-Tal, dem kulturellen Zentrum Mittelasiens, sorgen die künstlichen Grenzziehungen der unabhängig gewordenen Sowjetrepubliken nach dem Wegfall von Moskau als Ordnungsmacht immer wieder für Spannungen. Auf dem riesigen Basar probiere ich Kurut: weiße, sehr salzig schmeckende Bällchen aus einer Art getrocknetem Joghurt. Zigaretten werden zum Preis von 4 Som das Stück auch einzeln verkauft –ein Feuerzeug liegt bereit zum sofortigen Anzünden – und lakritzfarbene Stangen in kleinen Plastiktütchen entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Naswaj, Kautabak, dessen mäusekotgroße Kügelchen man sich zwischen Zunge und Zahnfleisch oder unter die Zunge klemmt (in Russland ist der Verkauf von Naswaj seit einigen Jahren verboten).

Beim Warten auf den Flug von Osh nach Moskau komme ich mit dem Usbeken Umar ins Gespräch, der zu seinem Arbeitsplatz, einer Schmelzkäseherstellungsfabrik, aufbricht. Was ich in Kirgistan mache? Urlaub? Urlaub heißt doch Strand, Sonne und Hotels mit guter Bedienung, so wie in der Türkei! Ach so, die Berge, ja, stimmt… Wer einen harten Alltag hat, sucht im Urlaub Komfort und Sicherheit; wer aus dem gesättigten und bequemen Deutschland kommt, möchte Abenteuer und freut sich über Unvorhergesehenes, so wie ich, der eigentlich nach Tadschikistan wollte und statt dessen nun etwas über Kirgistan erzählen kann - dank eines verpassten Anschlussfluges in Istanbul.

Der Suleiman-Too-Berg mitten in der Stadt Osh (oben); Kassiererin Gulmira setzt fürs Foto extra ihren Kalpak auf, die traditionelle kirgisische Kopfbedeckung (unten)
Jeder ist für den Erhalt des Weltkulturerbes selbst verantwortlich - oder eben auch nicht: Petroglyphen unter modernen Schmierereien (oben); Eliza bereitet sich auf eine Englisch-Olympiade vor (unten)
Zigaretten sind auf dem Markt auch einzeln erhältlich, die schwarzen Stangen sind Kautabak (oben); mit Murubat Usmanova und Bilal im Zentrum für Deutsche Sprache an der Universität Osh
Salzige Joghurtkügelchen (Kurut) auf dem Basar in Osh