Mittwoch, 8. Januar 2020

Mongolei IV



Ende Dezember bat mich eine Kollegin, auf einer Weihnachtsfeier für die Studenten etwas auf dem Cello vorzuspielen. So kam es zu meinem vorerst letzten cellistischen Auftritt in Russland. Ich spielte das Präludium aus der ersten Bach-Suite und den Tango La cumparsita. Nun ist das Instrument auf dem Weg nach Deutschland. Damit es zwischen hin- und hergeworfenen Koffern nicht in Kleinholz verwandelt wird, sitzt es im Flugzeug auf einem separaten Platz neben mir, für den ich ein Ticket wie für einen Passagier buchen musste. Vor vier Jahren hatte ich das Cello einer Musikerin des Opernorchesters in Ulan-Ude abgekauft, zusammen mit einem Instrumentenpass, der besagt, dass es nicht unter das „Gesetz über die Ausfuhr wertvoller Kulturgüter“ fällt und ohne Sondererlaubnis ausgeführt werden darf. Allerdings hat sich niemand für mich und die auffällige große schwarze Hülle interessiert: am Zollbereich im Flughafen Domodedovo war weit und breit kein Zöllner zu sehen.

Das letzte Thema mit meinen Studenten im Kommunikationskurs hieß „Reisen“. Zur Anschauung breitete ich die bunten Seiten des Kataloges eines Leipziger Reiseveranstalters auf den Tischen aus und versuchte, die schönen Bilder aus fernen Ländern als Gesprächsanlass zu nehmen. Im Kontrast zur Welt der Nachrichten, in der die Erde als hoffnungslose Anhäufung schier unlösbarer Konflikte erscheint, wirkt unser Planet im appetitweckenden Reiseprospekt wie ein märchenhafter Traum, ein Ort der Erfüllung aller Sehnsüchte, bevölkert von gastfreundlichen Menschen in wundersamen Landschaften.
Den Jahreswechsel verbrachte ich im Dorf Jelan mit Niso, Maja und den Schwiegereltern. Am letzten Nachmittag des alten Jahres bereitete mein Schwiegervater im Innenhof Plov zu, in einem großen Metalltopf auf offenem Feuer. Er schenkte mir seine riesenhaften Walenki, Filzstiefel, etwas unförmig zwar – rechts und links unterscheiden sich nicht – aber ideal in der sibirischen Kälte.

Um der Wahrheit über die Welt – so es sie denn gibt – ein Stück näher zu kommen, hilft vielleicht die eine oder andere Reise. Das neue Jahr ist gerade einmal einen Tag alt, die südburjatische Steppe von einer dünnen Schneeschicht bedeckt, die minus zwanzig Grad fühlen sich in der freundlichen Sonne am blauen Himmel nicht kalt an. Ich sitze am Steuer und rolle Richtung Mongolei. Allein würde ich diese Reise nicht machen. Ich würde sie auch gemeinsam mit nur meiner Frau nicht machen, schließlich waren wir vor Kurzem erst da. Aber diesmal sind noch Nisos beste Freundin Lena und Nastja mit im Auto; für beide ist es – hochspannend – die erste Auslandsreise im Leben. Nastja ist Nisos Schwester. Die schüchterne 21jährige beendet in diesem Jahr ihr Logopädie-Studium, hat aber noch keine Vorstellung von ihrer beruflichen Zukunft. Für alle Fälle besucht sie Englisch-Kurse an einer privaten Sprachschule. Man kann nie wissen, vielleicht liegt die Zukunft ja außerhalb Russlands.
Drei Stunden sind es bis Kjachta, drei Stunden dauern die Formalitäten an der Grenze auf russischer und mongolischer Seite. Nach zwei weiteren Stunden erreichen wir die Stadt Darchan. Da die Motortemperatur immer wieder in den roten Bereich steigt, so dass der Ventilator anspringt, entferne ich die Pappe vor dem Motor, so dass diesen der kühlende Fahrwind nun ungehindert erreicht. Man kann nicht sagen, dass die Straße, die von Darchan weiter nach Ulan-Bator führt, in schlechtem Zustand wäre. Sie existiert als solche nicht mehr. Kurze Asphaltfetzen wechseln ab mit scharfkantiger Schotterpiste oder Sand, der sich dort, wo ein quer verlaufendes Wasserrohr darunter verlegt wurde, zu einem meterhohen Haufen auftürmt. An einigen Stellen scheint der Asphalt von riesigen Würmern zernagt worden zu sein, deren Spuren denen von Holzwürmern ähneln, nur um ein Tausendfaches größer. Hier und da finden wir uns plötzlich in einem Netz von Wegen wieder mit Gegenverkehr auch auf der rechten Seite, entstanden durch Versuche, die rüttelärmste und fahrzeugschonendste Weise des Vorankommens zu finden. In den vor uns aufgewirbelten Staubwolken sinkt die Sicht immer wieder kurzzeitig auf Null. Zu allem Überfluss wird es abends auch noch dunkel: war zu erwarten, trotzdem gerade äußerst unpassend. Als mir der Einfall kommt, mit eingeschaltetem Warnblinklicht zu fahren, stelle ich fest, dass weder dieses noch der Blinker funktionieren.
Endlich – die Lichter der Millionenstadt Ulan-Bator, die Hälfte aller drei Millionen Mongolen wohnen hier. Entlang einer sich nun wieder manifestierenden schnurgeraden Straße spenden Laternen Licht, an einer Schranke sind tausend Tugrik – vierzig Cent – Maut zu entrichten. Obwohl es immer geradeaus geht, bin ich ohne Blinker verunsichert. Beim Spurwechsel nach rechts winkt Niso mit dem ausgestreckten Arm aus dem Beifahrerfenster. Wir erreichen unser Hotel. Dreizehn Stunden sind seit der Abfahrt vergangen.
Am nächsten Tag dann der Werkstattbesuch. Werkstatt und Autowäsche sind zusammengelegt in einer großen Garage; während neben uns mit dem Schlauch ein Toyota Prius abgespritzt wird, widmen sich fünf im Wasserdampf stehende junge Mongolen dem Warnblinklichtknopf meines Lada Niva, der offensichtlichen Ursache des Defektes. Da es in der Mongolei fast keine Ladas gibt, findet sich auch kein neuer Lada-Warnblinklichtknopf. Die Mechaniker schrauben den meinen auseinander, reinigen die Kontakte, popeln hier, biegen da und setzen ihn wieder ein, mit dem Ergebnis, dass, wenn auch nicht der Warnblinker, so doch wenigstens rechtes und linkes Blinklicht einzeln wieder funktionieren.
Lenas Schwester ist Schamanin und auch Lena selbst sehr an feinstofflichen, sich der groben, herkömmlichen Wissenschaft entziehenden Fragen interessiert. Unbedingt möchte sie das buddhistische Energiezentrum bei Sainshand besuchen. Unseren Plan, mit dem Auto weiter in die Wüste Gobi zu fahren, geben wir nach den Erfahrungen vom Vortag auf und steigen stattdessen in den Nachtzug. Einen Tag lang begleitet uns wieder Zhabchlan, unser Guide mit dem unaussprechlichen Namen, führt uns zu Kloster, Dinosaurierknochen und zum Berg der Wünsche. Auf der im November noch braungelben Wüstenlandschaft glänzt nun ein dünnes Schneedeckchen.
In der Mongolei sollte man die Landschaft erleben, den Viehhirten zuschauen, Kamele aus der Nähe fotografieren und in einer Jurte schlafen, aber nicht in irgendeiner Siedlung übernachten, von der Hauptstadt vielleicht abgesehen. Wir machen den Fehler und bleiben auf dem Rückweg in Darchan für eine Nacht in einem Hotel. Der gebotene Standard ist unterirdisch. Um nicht in kalter Zugluft zu sitzen, schließe ich die Löcher im Fensterrahmen mit Klebeband und verschraube die Ventilationsöffnung im Bad mit einer Pappe, um hereinströmenden Zigarettenrauch abzuhalten.
Die Überquerung einer Staatsgrenze ist immer ein wenig aufregend. Die zweiunddreißig Seiten meines vor fünf Jahren ausgestellten Passes sind angefüllt mit Stempeln und Visa-Aufklebern. Die Aufmerksamkeit, die mir beim Übertritt einer Grenze bisher zuteil wurde, reicht von keiner (innerhalb der EU) bis zu mehreren Stunden: vor knapp zwanzig Jahren wurde ich bei der Einreise nach Israel einem regelrechten Verhör unterzogen. Es war eine Zeit, in der ich sehr allein war; welch Balsam für die Seele, das längere ungeteilte Interesse einer Grenzbeamtin auf mir ruhen zu fühlen! Die Mongolen halten sich mit der Aufmerksamkeit zurück, es geht ein wenig chaotisch zu, wir stehen erst unschlüssig neben dem Auto herum, werden dann hierhin und dorthin geschickt, hier ein Zettelchen und da ein Stempelchen. Deutlich straffer organisiert geht es auf der russischen Seite zu. Während Drogenhunde unser Auto umschnüffeln und mit Spiegeln und Taschenlampen Kofferraum und Motor studiert werden, werde ich gefilmt, wie ich bestätige, keine verbotenen oder deklarierungspflichtigen Waren aus der Mongolei nach Russland einzuführen. Das heißt zum Beispiel: keine Fleisch- oder Milchprodukte. Gut, dass ich mich erst zuhause an das in den Tiefen des Rucksackes verborgene Päckchen leckeren traditionellen Trockenquarks erinnern werde.

Die große Erleuchtung darüber, was die Welt im Innersten zusammenhält, ist auch auf dieser Reise ausgeblieben. Noch gibt es Hoffnung. Für Ende Januar hat mich die Familie meines aserbaidschanischen Obsthändlers zu Gast nach Baku eingeladen. Im Frühling dann ein Treffen mit Kollegen im russischen Tjumen, dann vielleicht eine Fahrt mit Niso über den tadschikischen Pamir, anschließend der große Umzug nach Deutschland, Sesshaftigkeit, neuer Arbeitsalltag und Ende des Reiseberichte Verfassens. Mir ist schon ein wenig bange vor dem neuen Leben. Aber vielleicht liegen Seelenfrieden und die Lösung der Weltgeheimnisse ja gar nicht in der Ferne.

Mit mir kehrt auch das Cello in seine Heimat zurück: „Deutschland, Mitte 20. Jahrhundert“ steht im Pass. Morgen werde ich das geliebte Instrument meinem Potsdamer Geigenbauer zeigen, in der Annahme, er würde eine umfangreiche Reparatur vornehmen. Stattdessen wird Peter Volkmer in Anbetracht der vielen Spalten, Risse und laienhaft geflickten Stellen ein wenig herumdrucksen und dann sagen: „Totalschaden. Wenn ich hier mit der Reparatur anfange, sind wir schnell bei zehntausend Euro. Kauf dir lieber gleich ein neues Cello.“
Aber davon ahne ich jetzt noch nichts. Wir erreichen nun den Flughafen Berlin Tegel. Fünf Grad. Herbststimmung. Irgendwer hat wohl in meiner Abwesenheit den Winter abgeschafft in Deutschland.





Dienstag, 31. Dezember 2019

Schöne neue Welt. Eindrücke aus China, Teil 5


Im Zug von Ulan-Ude nach Irkutsk, von wo aus wir abflogen, hatten neben uns eine chinesische Studentin und ein russischer Berufssoldat gesessen. Der Soldat hatte die Studentin nach dem Woher und Wohin gefragt und diese ihm in einwandfreiem Russisch geantwortet, ohne vom Smartphone aufzuschauen, zwischendurch immer wieder einem zweiten, virtuellen Gesprächspartner etwas auf Chinesisch in ihre Kopfhörer erzählend.
Auf dieser Reise ist mir zum ersten Mal in aller Deutlichkeit klar geworden, dass das Smartphone für den modernen Menschen zu einer Art Verlängerung des eigenen Körpers geworden ist. Er legt es nicht mehr aus der Hand und befindet sich im Zustand einer Art Dauerkommunikation ohne Anfang und Ende mit einer unbestimmten Anzahl von Gesprächspartnern gleichzeitig im virtuellen Raum. Später, während der Zug von Peking nach Qingdao mit dreihundertfünfundvierzig Stundenkilometern dahinrast, wird mir auffallen, dass es auch abgesehen von der Sprachbarriere völlig aussichtslos wäre, mit jemandem ins Gespräch kommen zu wollen. Alle sind in der virtuellen Welt entschwunden. Alle bedeutet in diesem Falle tatsächlich: alle. Das Gesprächsmurmeln von den Bahnfahrten der Vorzeit ist ersetzt durch Musik- und Filmfetzen aus den Smartphones derer, die keine Kopfhörer haben. Ich meine mich zu erinnern, dass sich in Deutschland bahnfahrende Menschen mitunter noch real unterhalten – ein wenig hinkt die Entwicklung wohl hinterher.
Ich möchte meiner Frau den Tian’anmen zeigen, den Platz des Himmlischen Friedens, größter befestigter Platz der Welt und Zentrum der chinesischen Hauptstadt. Er ist von allen Seiten abgesperrt und nur nach Passieren einer der Sicherheitskontrollen zu betreten, bei der das Gepäck durchleuchtet und der Personalausweis aller Chinesen gescannt wird. Eine geschlagene Stunde stehen wir mit unseren schweren Rucksäcken in der Schlange, danach reichen unsere Kräfte nur noch für die nächsten zehn Schritte bis zu einem Imbiss, wo es löslichen Kaffee gleich eingeschweißt mitsamt Einwegbecher und aufbrühfertig verpackte Instant-Nudeln gibt. Obwohl wir nie irgendwo herumliegenden Müll sehen, scheinen alle Lebensmittel hinter Bergen von Plastik verborgen, sogar Äpfel kauft man in einer Plastikschale. Was wohl die Bemühungen von achtzig Millionen Deutschen nützen, wenn für anderthalb Milliarden Chinesen das Thema Müllvermeidung nicht existiert?
Am Tian’anmen-Platz muss ich vor allem der Toilette Bewunderung zollen. Auf einem großen digitalen Pissoir- und Klo-Plan am Eingang wird angezeigt, welche der erleichternden Orte belegt und welche frei sind. Vom Platz selbst sehen wir leider so gut wie nichts, da wir den Fehler machen und zuerst die Verbotene Stadt ansteuern: wer einmal unter dem Mao-Porträt hindurch in den ersten der mächtigen Innenhöfe geschritten ist, kommt nicht wieder auf den Platz zurück, ohne sich erneut in eine Kontrollschlange einzureihen, wozu unsere Nerven nicht reichen.
Im Qianmen-Viertel südlich des Platzes werden wir erschlagen. Erschlagen von herumwuselnden Menschen, Restaurants und Cafés mit hereinbittenden Ausrufern davor, detailverliebt gestalteten historischen Häuserfassaden mit roten Lampions, einem Ozean an kaufbaren Dingen: seidenhaft weiche Polyester-Schals, zu Bergen aufgeschüttete Taschenuhren mit kunstvollen Deckelgravuren, klappernde und blasbare Musikinstrumente, Silberschmuck, angefertigt von in Schaufenstern sitzenden und vor aller Augen arbeitenden Schmieden, Tigerbalsam-Cremes, normalgroßes und puppenhaft kleines Teegeschirr bis zur Decke, Berge von Plastik-Kinderspielzeug, mit einer Schnur verbundene Doppel-Armbänder für Mütter, die ihre Kinder nicht in der Menge verlieren wollen, Mehrweg-Streichhölzer mit Mao-Porträt, Teller mit Xi Jinping, dem derzeitigen Präsidenten, haldenweise Süßigkeiten undefinierbarer Farbe, Form und Konsistenz, wunderschön gestaltete, noch nicht von Warnhinweisen verunstaltete Zigarettenschachteln, Pinsel-Sets zum Kalligrafieren der chinesischen Schriftzeichen - eine Bombe an überfordernden Eindrücken für meine an sibirische Karg- und Klarheit gewöhnten Sinne. Tritt beim Kaufvorgang eine Kommunikationsschwierigkeit auf, zückt der Verkäufer sein Smartphone, zwitschert etwas auf Chinesisch hinein und hält mir die zeitgleich auf dem Bildschirm auftauchende englische Übersetzung vor die Nase; umgekehrt dann liest er meine gesprochene Antwort in seiner Muttersprache.
Nach fünf von etwa fünftausend Geschäften bestehe ich auf der Flucht. Niso folgt mir etwas unwillig. Etwas früher als nötig begeben wir uns zum Flughafen Beijing Capital und verbringen dort in der Halle, unter welcher ein ganzes deutsches Dorf Platz fände, die Nacht bis zum morgendlichen Abflug.
China ist zu viel für mich. Es ist in diesem Leben nicht mein Thema. Hier in Sibirien ist die Welt in Ordnung, klar und kalt, menschenleer und mit den unvermeidbaren Zeichen des Verfalls. Was wäre, wenn Russland die Gebiete östlich des Urals, mit deren Erschließung und Kultivierung Moskau offensichtlich überfordert ist, an den sich in atemberaubendem Tempo entwickelnden südlichen Nachbarn abtritt? Vielleicht würden die Chinesen einige hundert Millionen Landsleute in blitzschnell entstehende neue Großstädte umsiedeln und unter Glas am Baikalsee Südfrüchte kultivieren. Vielleicht würden die Pläne auch scheitern, weil die digitale Überwachungstechnik bei minus vierzig Grad einfriert. Man weiß es nicht und wird es nicht erfahren. Vorläufig jedenfalls nicht.




Dunst und Klarheit. Eindrücke aus China, Teil 4


Im EMU-Hochgeschwindigkeitszug von Peking nach Qingdao waren wir durch eine Dunstglocke gefahren, die sich stellenweise zu einem Smog-Vorhang mit einer Sichtweite von unter hundert Metern verdichtete. In der Provinz Shandong zieht fünfzig Kilometer lang ein Ozean an Gewächshäusern an uns vorüber  – nein, weniger wohl Gewächshäuser, vielmehr überdachte Ackerfläche mit zur Sonnenseite hin schräg abfallenden Glasflächen und oben auf dem Giebel eine dicke Rolle aus zusammengewickelter Folie. Zwei Tage später spazieren wir durch das Laoshan-Gebirge östlich von Qingdao und atmen klare, frische Meeresluft.
Drei Lehren sind es, welche die Grundlagen der jahrtausendealten chinesischen Hochkultur bilden. Der Konfuzianismus regelt das Zusammenleben der Menschen untereinander und stellt ein komplexes Regelwerk an Anstandsformen, Hierarchien und Ahnenverehrung auf. Der Daoismus erklärt das Verhältnis des Menschen zum Kosmos und lehrt, nichts zu unternehmen, das den Gesetzen der ewigen Harmonie widerspricht. Die historisch jüngste Lehre ist der uns aus Burjatien bekannte Buddhismus. Das Laoshan-Gebirge, dessen kahle, mit schütteren Kiefern bedeckten Felsen mich entfernt an das Elbsandsteingebirge erinnern, gilt als eine bedeutende Stätte des Daoismus, dessen Tempel inzwischen zu konservierten, eintrittspflichtigen Sehenswürdigkeiten für die Naherholungstouristen aus der benachbarten Neun-Millionen-Einwohner-Metropolregion umfunktioniert sind. Nachdenklich schreite ich zwischen den Pagodendächern umher, mir vorzustellen versuchend, wie die Mönche hier früher zu geistiger Einsicht und Klarheit gelangt sein  mögen. Auf den zweiten Blick werden Unterschiede zu buddhistischen Tempeln deutlich: das häufig auftretende Yin-Yan-Symbol, die Verwendung der schwarzen Farbe, kriegerische Monster anstelle der dickleibigen Buddha-Gottheiten. Eine gigantomanische Statue des Religionsgründers Lao Zi schaut aus den Bergen heraus aufs Meer.
Von Peking aus besuchen wir das der Hauptstadt am nächsten gelegene Stück der Großen Mauer bei Badaling. Wie ein unendlicher Drachenschwanz schlängelt sich das hier perfekt restaurierte Teilstück des größten Bauwerkes der Menschheit genau auf den Kämmen der in winterlicher Bräune liegenden Berge des Yan-Gebirges. Die rechte Ehrfurcht vor der baulichen Leistung will zunächst nicht aufkommen, da wir uns in Gesellschaft einiger tausend anderer Touristen befinden, welche die fünf Meter breite Mauerkrone entlanglaufen. Erst ganz am Ende der für die Besucherströme zugänglichen Strecke sind wir mit den Überwachungskameras ganz allein. Heute ist nicht mehr nachvollziehbar, was die Mauer einmal wovon getrennt haben soll: links von ihr die gleiche stille, klare Bergschönheit wie rechts, nur die Zinnen zeigen an, aus welcher Richtung die Gefahr kam. Dschinghis Khan im dreizehnten Jahrhundert konnte der steinerne Drachenschwanz jedenfalls nicht aufhalten, China zu erobern: seine Reiter bestachen wohl einfach die Wachen und passierten unbehelligt eines der Tore.

Lao Zi, der Begründer des Daoismus (oben), Eingang in einen daoistischen Tempel (unten)
Auf der Großen Mauer

Weihnachten ohne Weihnachten. Eindrücke aus China, Teil 3


Heiligabend feiern wir zusammen bei zwei Freunden von Thorsten und Galina. Volker, ein großer, drahtiger, blonder Hamburger, war Berufssoldat und studiert seit drei Jahren an der Universität in Qingdao die chinesische Sprache. Vor Kurzem hat er eine anspruchsvolle Sprachprüfung bestanden. Corinna heißt eigentlich nicht Corinna, hat sich aber, wie es viele Chinesen tun, für den Umgang mit Europäern einen anderen Namen gegeben, da wir ihren richtigen uns weder merken noch aussprechen könnten. Sie hat ein rundes Gesicht, weite Kleider und bäckt, als wir kommen, gerade Plätzchen nach deutschem Rezept. Es läuft deutsche Weihnachtsmusik, getrunken wird Tsintao-Bier, hergestellt nach deutscher Tradition in der Brauerei, die noch aus Zeiten existiert, als das Gebiet Kolonie unter Wilhelm II. war und die Deutschen das Fischerdorf Qingdao in die sechstgrößte chinesische Hafenstadt verwandelten, die aufgrund fortschrittlicher hygienischer und medizinischer Maßnahmen bald den Ruf bekam, die gesündeste und sauberste Stadt Ostasiens zu sein. Noch heute hätten die Deutschen hier einen guten Ruf, sagt Corinna, im Gegensatz zu den Japanern, die danach kamen und während ihrer Besatzungszeit mehr kaputtmachten als aufbauten.
Unsere Gastgeberin ist Chinesischlehrerin für Ausländer. Ich bitte sie darum, meinen Namen zu notieren, so, wie ihn Chinesen sprechen und schreiben würden.
Corinna malt drei Zeichen auf einen Zettel und dazu die Pinyin-Transkription: tuō mă sī.
Eine Schwierigkeit für ihre Schüler besteht darin, dass die meisten chinesischen Wörter einsilbig sind und es, kombiniert aus einem Konsonanten und einem Vokal, insgesamt nur etwa vierhundert verschiedene Silben gibt. Nimmt man die vier verschiedenen Töne dazu, kommt man auf tausendsechshundert Wörter – natürlich viel zu wenig für den Wortschatz einer Hochkultur, weshalb die meisten von ihnen viele verschiedene Bedeutungen haben können, die sich aus dem Zusammenhang ergeben. Mă, die zweite Silbe meines Namens, kann heißen: Pferd, Achat, Ziffer oder Ameise.
Warum er nach China gegangen sei, möchte ich von Volker wissen.
„Möchtest du die romantische Antwort oder die ehrliche?“
Die ehrliche sei immer die beste, sage ich.
„Weil ich glaube, dass dieses Land Zukunft hat und sich hier Geld verdienen lässt!“
Während die Frauen die Guppyzucht in den vielen kleinen Aquarien bewundern und Thorsten mit Volker das zweite Tsintao-Bier öffnen, habe ich das Klavier mit dem Notenstapel darauf entdeckt, Edition Peters auf Chinesisch, und klimpere ein paar Kuhlau-Sonatinen und den einfachsten aller Chopin-Walzer in a-moll. Klavierunterricht sei in China eine sehr populäre Beschäftigung, erklärt uns Corinna, aber nicht aus Liebe zur Musik: die Kinder würden an Wettbewerben teilnehmen, deren Gewinn Punkte für die Abiturnote brächten und somit die Chancen auf den gewünschten Studienplatz erhöhten.
Religiöse Betätigung wird in einem atheistischen Staat wie China mit Argwohn beobachtet. Der deutsche Weihnachtsmarkt, den mein Kollege an seinem Lehrstuhl organisierte, durfte so nicht heißen und musste Sternenmarkt genannt werden. Trotzdem fühle er sich hier wohl, meint Thorsten, er weiß, welche Studenten in der Partei sind und über ihn Bericht schreiben, aber es stört ihn nicht; im Unterricht wird schließlich die deutsche Politik und Geschichte besprochen und nicht die chinesische.
Wir überreichen unseren Gastgebern ein paar Souvenirs vom Baikalsee, uns schenkt Corinna einige mit Aktivkohle und Eisenpulver gefüllte Säckchen, die nach dem Abziehen der Schutzfolie und dem Kontakt mit Sauerstoff stundenlang Wärme abgeben. Diese Einweg-Wärmekissen sind hier überaus populär, werden aufs Handy geklebt, damit der Akku länger hält, und im Winter unter der Kleidung befestigt. Nun löst sich für mich das Rätsel, warum chinesischen Touristen im sibirischen Frost so leichtbekleidet herumlaufen.