Mittwoch, 27. März 2019

Über die Bedeutung des Essens


Je öfter ich mit guten Freunden oder lieben Verwandten unterwegs bin, desto mehr wird mir die herausragende Funktion des Essens klar. Früher, noch romantisch und verträumt in die Welt schauend, dachte ich, das Reiseglück wäre für alle vollkommen, wenn die Natur erhaben, die Kultur lehrreich und die Gesprächsthemen tiefgründig seien; Banalitäten wir die Nahrungsaufnahme würden sich schon immer irgendwie von selbst regeln. Inzwischen bin ich mir der zentralen, gruppenzusammenhaltenden und stimmungsrettenden Bedeutung bewusst, die das richtige Essen zur richtigen Zeit einnimmt.
Die sonnabendliche Fahrt mit Frau, Kind, Schwester und Schwesters Freund in mein geliebtes Bargusin-Tal steht zunächst unter keinem guten Stern. Die Hälfte der Passagiere schlafen, die andere Hälfte schweigt angestrengt. Der Fahrer trauert in Gedanken seiner Digitalkamera nach, den seine Gattin am Vortag versehentlich in den schwefligen Schlamm der Heilquelle fallen ließ. Graue Wolken hängen am Himmel. Zwischen Maximicha und Ust-Bargusin kippt er stinkendes Benzin aus dem Reservekanister in den Tank und sich dabei die Hälfte über die Hand und auf die Straße, da ein geeigneter Trichter fehlt. Beim nächsten Tankstopp am Ortseingang von Ust-Bargusin, direkt neben einer übelriechenden, rauchenden Müllkippe, deren Plastikabfälle vom Wind in alle Himmelsrichtungen verteilt werden, öffnet Christiane die Autotür und kotzt eine Runde auf die schlammige Straße – vielleicht eine Folge des gestrigen Abends, als unsere freundlichen Gastgeber auf der Datsche in Gorjatschinsk ihre Gäste in die Traditionen der russischen Gastfreundschaft einführten und uns sehr höflich und sehr bestimmt zum Trinken nötigten: jedes Glas auf Ex, und natürlich darf die Wodkaflasche nicht angebrochen stehenbleiben. Als wenig später der Asphalt endet und die Holperpiste nach Bargusin beginnt, schaue ich verstohlen in das Gesicht meiner Frau: ob sie am untypischen Röhren des Motors und den seitlich hervorquellenden Abgasen gemerkt hat, dass unser Auspuffrohr ein Loch hat und jeden Moment abfallen könnte? Ihr sonnenbrillenbedecktes Gesicht verrät keine Emotionen. Bei Bargusin gibt es kurzzeitig Asphalt, dann folgt gewellter Sandboden, über dessen Riffel der Wagen wie über ein Waschbrett rattert. Ich verkneife mir meinen Vortrag über die örtlichen Sehenswürdigkeiten, den wegen des Lärmpegels ohnehin niemand verstehen würde, und erinnere mich an Mückenterror und das Auto rammende Kühe auf der verschimmelten Bauernhofruine meines Bekannten Sergej, die jetzt irgendwo links in der Steppe hinter uns zurückbleibt.
Am Fuße der „Sächsisches Schloss“ genannten Felsformation, am Rande einer Weidefläche vor Beginn der Holzhäuser des Dorfes Suvo, parke ich den Wagen und fordere zum Aussteigen auf. Die Sonne ist hervorgekommen. Zögerlich schälen sich meine Mitreisenden aus dem Auto und hocken sich neben die Decke, die ich flugs daneben ausgebreitet habe. Thermoskannen, Obst und Nüsse stehen bereit, mit kochendem Wasser werden Doshirak-Nudeln aufgebrüht, süßes Halwa macht die Runde. Nach wenigen Minuten mischen sich Laute zufriedenen Schmatzens und genüsslichen Schlürfens in das friedliche Geräusch des über die karge Steppe pfeifenden Frühlingswindes. Ein heiteres Gespräch kommt in Gang. Der Tag ist gerettet. Mit gefüllte Mägen und geschmeichelten Gaumen begeben wir uns den Hang hinauf in das elbsandsteingebirgeähnliche Felsenparadies, Jonathan und Christiane geben sich einen Kuss, Niso breitet die Arme im Wind aus und Maja spielt mit mir Fangen. 


Freitag, 22. März 2019

Janzhimá, Kutschigér und Kurbulík

Der Familienausflug ins Bargusin-Tal beginnt mit einer festgefrorenen Handbremse. Erst nachdem beide Hinterräder, eins nach dem anderen, abgenommen und die Bremstrommeln mit heißem Wasser übergossen wurden, können wir die Fahrt antreten. Wahrscheinlich war es nicht so intelligent, überlege ich mir, während wir uns die gewundene Straße zum Baikal über den Pychta-Pass hinaufwinden, am Tag zuvor die Autowäsche aufzusuchen. Bei den derzeitigen Temperaturen in der Stadt um die null Grad ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass etwas einfriert, die Türschlösser zum Beispiel oder eben die Handbremse.
Zweihundert Kilometer weiter nördlich am populären kamen‘ tscherepacha, dem „Schildkrötenstein“, gibt es einen Zwischenstopp am See, dessen Eis mit der ganzen Palette seiner winterlichen Phänomene auf uns wartet. Um überhaupt hinauszukommen in das weiße Paradies, müssen zunächst einige bis zu drei Metern hohe, sanft gerundete Eis- und Schneeberge überwunden werden (sokuj), die sich jedes Jahr zu Anfang des Winters bilden, wenn die Wellen immer wieder an das erste Eis am Ufer schlagen und es damit höher und höher wachsen lassen. Dahinter dann ziehe ich die kleine Maja auf einem Plastikschlitten am Auto-Abschleppseil über geheimnisvoll schillernde spiegelglatte Flächen mit feinen weißen Lufteinschlüssen, anhand derer wir ihre Dicke von über einem Meter erkennen. Hundert Meter weiter ein langer Streifen zu Schollen aufgeworfenen Eisbruchs (torosy), einige dessen zehn- oder zwanzig Zentimeter dicken Eisplatten eine auffällig schimmernde bläuliche Farbe haben (goluboj ljod). Durch die weite, überwiegend weiße Fläche ziehen sich kilometerlange handbreite Linien grauer oder bläulicher Farbe: Spalten, die sich mit Donnergrollen einmal geöffnet hatten, durch die das Wasser gluckernd von unten heraufgequollen war und die wenige Minuten später schon wieder vereisten. Am Ufer, auf der seezugewandten Seite der runden Hügel schließlich noch grottenartige Höhlen mit von unten und oben gewachsenen armdicken Eiszapfen
Wir packen Thermoskannen und Butterbrote aus und veranstalten unter strahlender Wintersonne und blauem Himmel ein Picknick auf dem See. Die von uns gewählte Stelle erfreut sich einiger Beliebtheit: vor unseren Blicken fahren Leute Schlittschuh, chinesische Touristen zücken ihre Selfie-Sticks und weiter draußen fahren Jeeps parallel zur Küste entlang. Von dem populären Felsen in Gestalt einer Schildkröte ist nichts zu sehen. Er verbirgt sich unter einem der Schnee- und Eisberge, unter welchem, weiß keiner so genau.
Eine Fahrtstunde weiter nördlich, durch den Wald und immer an der Küste entlang erreichen wir Ust-Bargusin, wo die Straße das Ufer verlässt und ins Bargusin-Tal hinein abbiegt. Bis auf ein paar Kilometer Schotterpiste bei Maximicha, die gefühlt schon seit Jahren gebaut und niemals fertig gebaut wird, ist die Strecke hervorragend asphaltiert, so hervorragend, dass es mir nicht gelingt, die vorgeschriebenen neunzig Stundenkilometer nicht zu überschreiten. Ein paar Tage später werde ich eine SMS auf mein Handy erhalten, dass 290 Rubel von meinem Konto abgebucht wurden, die Strafe für Geschwindigkeitsüberschreitungen von 20 bis 40 Stundenkilometern einschließlich fünfzig Prozent Rabatt für schnelles Bezahlen.
Ulan-Ude liegt vierhundert Kilometer hinter uns, vor uns in der Abendsonne der farbenfrohe buddhistische Tempel Janzhima, hinter dem die Gipfel des Bargusin-Bergrückens in die Höhe ragen. Es wird kalt. Wir quartieren uns in eines der auf der anderen Straßenseiten liegenden Gästehäuser ein, Maja streichelt drei süße Wolfshund-Welpen (wolkodav), deren burjatischer Besitzer uns anbietet, einen kostenlos mitzunehmen, worauf die Kleine mir verspricht, fortan immer doppelt so lange Klavier zu üben, wenn ein Hündchen ab jetzt bei uns wohnen dürfe. Am Morgen begeben wir uns auf dem mit Holzdielen ausgelegten Weg hinter dem Tempel in den Wald hinein bis hin zu einem überdachten Felsen, um den herum zehntausende farbige Tücher in die Bäume geknotet und verschiedene Schreine zum Opfern von Münzen, Konfekt und Gebäck aufgestellt sind. Hier, in Gestalt einer Zeichnung an diesem Stein, ist im Jahre 2005 die Fruchtbarkeitsgöttin Janzhima zutage getreten; der Tempel ist seitdem Wallfahrtsort für Gläubige, vor allem solche mit Kinderwunsch.
Am nächsten Tag holpern wir über die sandige Straße am westlichen Talrand weiter nach Norden, dort, wo die Strecke von weißem Asphalt, sprich Schnee bedeckt ist, reist es sich angenehm ruhig, wo nicht, hören wir kleine und große Steine von unten gegen das Auto schlagen und ich bedauere, keinen Geländewagen zu haben. Maja liest Nimmerklug im Knirpsenland, ein sowjetischer Kinderbuchklassiker, den es auch in der DDR in deutscher Übersetzung gab, und möchte zwischendurch Kopfrechenaufgaben gestellt bekommen, um sich nicht zu langweilen, Addition und Subtraktion im zweistelligen Bereich. Am frühen Nachmittag erreichen wir das Dorf Kutschiger und finden Unterkunft an der dortigen heißen Heilquelle.
Am Fuße eines locker mit Fichten bewachsenen Berghanges stehen drei schäbige Holzhütten, aus deren angelehnten Türen Wasserdampf quillt. Unter ihnen fließen die Arme eines sich verzweigenden und trotz des Schnees ringsum nicht gefrierenden Bächleins hindurch. Schwefelgeruch liegt in der Luft. Bei meinem letzten Besuch im Sommer vor zweieinhalb Jahren drängten sich hier die heilungsbedürftigen Kurgäste, jetzt sind wir hier die einzigen. In jeder der Hütten gibt es einen Vorraum zum Umkleiden und den eigentlichen Baderaum mit dem viereckig eingefassten heißen Wasserbecken. Da sich im Winter niemand darum kümmert, die Türen geschlossen zu halten, dringt von außen immer wieder kalte Luft ins Innere, wo die durch das Wasser transportierte Erdwärme aufsteigt; der Wasserdampf kondensiert an Wänden, Bänken und Eingängen und erzeugt ein schier unglaubliches optisches Spektakel an den groteskesten nur denkbaren meterhohen Eiszapfen und Kristallgebilden. Ein Anblick wie auf einem anderen Planeten, auf dem andere physikalische Gesetze gelten. Ich zwänge mich durch die unbenennbaren Figuren der Eisstadt hindurch und steige in das Becken, dessen schwefelstinkendes Wasser gerade so warm ist, dass ich nicht friere – und trotzdem um mich herum der Eindruck, als bin ich im Inneren eines Tiefkühlfachs; ein zehnminütiges Bad im Schweigen einer sibirischen Heilquelle, das surrealste meines Lebens.

Ein Wochenende später sitzen meine Schwester und ihr Freund mit im Auto. Diesmal folgen wir hinter Ust-Bargusin nicht der Hauptstraße, sondern biegen nach links ab, hinein in den Sabaikalskij Nationalpark und auf die Halbinsel Heilige Nase. Da es den ganzen März über ungewöhnlich warm war, ist der Sandweg nicht gefroren und glatt, sondern eine einzige durchlöcherte Schlammwüste. Während ich angespannt und mit leicht verkniffenem Gesicht hinter dem Steuer sitze und versuche, die Kontrolle über den Wagen zu behalten, jauchzt Maja jedesmal vor Freude auf, wenn das Auto in einer fast reifentiefen Pfütze versinkt und eine Schlammfontäne gegen die Scheiben klatscht. Nach vierzig Kilometern dann endlich passieren wir die paar Häuser von Monachowo. Mit einem Schlag hört das Rütteln auf, die Straße wird glatt wie eine deutsche Autobahn. Ich setze die Sonnenbrille auf, um das gleißende Weiß um uns herum zu ertragen. Wir sind auf dem Eis.
Während ich entspannt durchatme, ist es nun meine Frau, in deren Gesicht sich besorgte Anspannung abzeichnet. Für Niso ist es immer mit der Überwindung von Angst verbunden, aufs Eis hinaus zu gehen oder zu fahren. Erst als klar wird, was für ein winterliches Leben hier in der Tschivirkuj-Bucht herrscht, weicht ihre Sorge der Faszination. Die Straße ist von Schnee geräumt, mit Verkehrszeichen und Wegweisern versehen; Lastwagen kommen uns entgegen, im Vergleich zu denen unser Lada Samara wohl ein Leichtgewicht ist, und irgendwo in der Mitte fernab des Ufers zeichnen sich Fischerhütten als kleine Punkte ab.
In einer Bucht an der waldbedeckten Steilküste sehen wir eine Häuserzeile mit unter Schnee begrabenen Booten davor und folgen der Straße wieder an Land. Während Maja die Dorfhunde streichelt, frage ich hier im Fischerdorf Kurbulik einen seinen Kopf aus dem Fenster steckenden Mann nach einer Unterkunft. Er führt uns zu seinem Nachbarn zwei Grundstücke weiter, der uns sein schon für Gäste zurechtgemachtes Wohnzimmer anbietet. Statt Zimmertür gibt es einen Vorhang, in der Mitte ein riesiger, untypischerweise gekachelter Ofen, an den Wänden Tapeten mit Blumenmuster, ein irgendwie sowjetischer Bücherschrank. Ich freue mich, dass meine Gäste aus Deutschland ganz unverstellt ein sibirisches Dorfhaus von innen erleben. Ob es in DDR-Wohnungen auch so ausgesehen hat, möchte Christiane wissen. Ich versuche mich zu erinnern, mir kommen eher Zweifel – gut, vielleicht das Tapetenmuster…? Abends bitte ich unseren Gastgeber Alexander, der im kleinen Zimmer nebenan schläft, das stromerzeugende Dieselaggregat nicht anzustellen: wir bräuchten nach Sonnenuntergang kein Licht, zur Not hätten wir eine Taschenlampe, und als des Lärmes überdrüssige Städter genießen wir gern einen ganz stillen Abend ohne Motorenrattern im Hof. Alexander schaut uns an wie ein paar seltsame Vögel, freut sich aber dann wohl, dass er an diesem Abend Diesel sparen kann: nur für sich selbst hätte er das Aggregat ohnehin nicht angeworfen.
Im Schein der letzten Sonnenstrahlen schippt Alexander Schnee von seinem Motorboot, das von den weißen Massen fast völlig begraben ist. Sein Nachbar, der uns zu ihm geführt hatte, schaut zu und raucht dabei. „Ja, euer Hitler hat wirklich ganz schöne Scheiße gebaut“, sagt er gutmütig zu mir, wie als sinniere er über ein kürzlich vergangenes Ereignis. Und dann erzählt er von seiner Zeit bei der russischen Armee im zweiten Tschetschenienkrieg. Siebzig Mann Verluste in seinem 1500 Mann starken Regiment, das sei ziemlich wenig. Einen Monat lang habe er dann gebraucht, um vom Kaukasus in seine Heimat an den Baikal zurückzufahren und dabei begriffen, dass Russland viel zu groß sei, als dass es jemals jemand erobern könne.
Nacht in Kurbulik. Mit Jonathan und Christiane gehe ich auf die Bucht heraus zum Betrachten des Sternenhimmels. Nur in drei, vier Häusern ist Licht, das entfernte Knattern der Dieselaggregate weht zu uns herüber. Kurbulik ist nicht an das Stromnetz der Zivilisation angeschlossen, man erzeugt Elektrizität aus Diesel oder mit Solarzellen. Nur drei Familien halten hier im Winter die Stellung und noch ein paar Einzelne wie er, hatte Alexander erzählt, die anderen gehen in größere Siedlungen wie Ust-Bargusin und kommen im Sommer wieder mit all ihren Kindern und Enkeln, die dann paradiesische Ferien in der Natur verbringen. Der Mond bescheint die weiße Wüste der Tschivirkuj-Bucht, Scheinwerfer blitzen im Dunkeln auf von Autos, die sogar nachts auf der Eisstraße fahren.
Am nächsten Tag baden wir in der heißen Quelle der Schlangenbucht: zwei in Holz eingefasste Wasserbecken im Freien zwanzig Fahrtminuten nördlich von Kurbulik, neu ausgebaut mit Holzstegen, damit Besucher nicht auf den geschützten Pflanzen herumtrampeln; Umkleidekabinen daneben und Toilettenhäuschen, davor auf dem Eis ein Metallcontainer mit zwei Nationalparkmitarbeitern, die von jedem Ankommenden 100 Rubel Eintritt nehmen. Wir sind früh da und fast die einzigen. Nach dem Bad dann ein fast schon traditionelles Picknick auf dem Kofferraum unseres Lada Samara mit Thermoskannentee, Nüssen, Äpfeln und Karob-Schokolade. Jonathan und Christiane ernähren sich vegan, was mit etwas Mühe auch in Russland kein Problem ist: die beiden haben in Ulan-Ude gleich nach ihrer Ankunft ein Spezialgeschäft ausfindig gemacht, wo es Reismilch und Tofu gibt.
Wieder auf der Eisautobahn, steuern wir einen kahlen felsigen Buckel in der Bucht an, die Insel Golyj, „die Nackte“, deren Nordende berühmt für seine gigantischen Eiszapfen und –grotten ist. Wind kommt auf. Wir legen die Köpfe in den Nacken und schauen die grauschwarzen Felsen hinauf, auf denen oben kahle Kiefernstämme mit großen verlassenen Vogelnestern stehen. Das Dorf liegt weit hinter uns, das Schweigen hier wirkt ein wenig gespenstisch. Meine Frau fühlt sich unwohl und möchte nicht länger an diesem Ort bleiben. Maja rutscht selbstvergessen auf dem Eis herum und bricht die Zapfen vor den Höhlen am Ufer ab; ich muss an das rote Hinweisschild denken, welches Besucher auffordert, die Naturschönheiten doch bitte für die Nachfolgenden zu erhalten, finde aber, dass Kinder auch das Recht zum Spielen haben sollten. Nach einigem Zögern kriecht Niso dann doch mit uns in eine metertiefe, mit Schneekristallen ausgekleidete Grotte hinein, und wir sitzen eine Weile fasziniert zwischen den Eiszapfen, von allen Seiten von gefrorenem Wasser umgeben. Ein vergleichbares Schauspiel kann es an den Ozeanen nicht geben, auch nicht am Nordpolarmeer, denn Salzwasser erstarrt nicht zu solchen prägnanten, verrückten Formen, und Süßwasser wird selten zu solchen Wellen aufgeworfen in Kombination mit derartigen Minusgraden, wie hier am Baikalsee.

Wolfshund-Welpen am Tempel Janzhima, wo an einem Felsen die gleichnamige Göttin zutage getreten ist (unten)
Die Heilquelle Kutschiger am Nordende des Bargusin-Tals
Die Heilquelle in der Schlangenbucht (oben); Eisgrotten an der Insel Golyj (unten)

Donnerstag, 14. März 2019

Eindrücke aus der Transsibirischen Eisenbahn

Meine 20-jährige Schwester Christiane und ihr Freund Joni haben ihre ersten Semesterferien dazu genutzt, um sich auf den Weg nach Ulan-Ude zu machen und sind heute Mittag mit dem Zug eingetroffen. Im Interview erzählen sie, warum die Reise für sie mehr Abenteuer als Romantik war und wie es sich im offenen Großraumwagen schläft.
Liebe Christiane, lieber Joni, ihr habt gerade vier Tage und vier Nächte Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn hinter euch von Moskau bis nach Ulan-Ude. Viele in Deutschland träumen von einer solchen Reise und verbinden sie mit Romantik und Abenteuer. Könnt ihr dieses Klischee bestätigen?

Christiane: Abenteuer ja, Romantik nicht so sehr, würde ich sagen. Es war auf jeden Fall aus mehreren Gründen eine spannende Erfahrung. Zuerst wäre zu nennen, dass wir vier Tage in einem Zug gelebt haben und unser Zuhause und Rückzugsort in dieser Zeit eine Liege im Großraumwaggon war. Wir hatten mit Hilfe des Reiseführers im Bewusstsein, wo wir uns gerade befanden – also die meiste Zeit inmitten sibirischer Wälder – und bekamen den Weg, den wir zurücklegten, in seiner Länge viel bewusster mit, als wenn wir beispielsweise geflogen wären. Gewürzt wird die Erfahrung dadurch, dass die Menschen, die uns umgaben, eine andere Sprache sprachen, aus einer anderen Kultur kamen und nicht als Touristen unterwegs waren, sondern als ganz normale Einheimische.
Joni: Das Abenteuer kann ich bestätigen, die Romantik fehlte jedoch. Höchstens im Hinblick auf die weitläufige Natur, aber im Zug an sich geht es eher rustikal zu. Wer Romantik will, muss sich wohl so ein schickes Touristenabteil für viel Geld reservieren, aber dann fehlt sicher das Abenteuer. 

Ihr wart in einem offenen Großraumwagen unterwegs, da gibt es nicht so viel Privatsphäre. Hat euch das manchmal gestört?

Christiane:  Tatsächlich hat es weniger gestört als vor der Reise befürchtet, man muss aber dazu sagen, dass wir durch unseren einjährigen Aufenthalt Neuseeland sicherlich schon ein wenig geübt sind. Wir waren uns schon dessen bewusst, dass uns die Mitreisenden beim Schlafen bobachten können und vor allem bei längeren nächtlichen Zwischenstopps wechselten sich die Bewohner der gegenüberliegenden Betten des Öfteren aus. Das hat die nächtliche Ruhe etwas gestört, denn wir wollten uns ja immer erstmal ein Bild von demjenigen verschaffen, der nun in einem Meter Abstand von einem entfernt sein Nachtlager errichtet, ehe wir in Ruhe weiterschlafen konnten.
Joni: Das hat schon gelegentlich gestört beim Schlafen, wenn einem die Leute an die Füße stoßen oder auffällig unauffällig in unsere Nische starren. Wenn man bedenkt, dass wir die einzigen Ausländer waren und quasi in der Öffentlichkeit geschlafen haben, war es doch ganz gut auszuhalten und natürlich eine spannende Erfahrung.

Mit den Englischkenntnissen vieler Russen ist es ja nicht zum Besten bestellt. Hattet ihr trotzdem interessante Begegnungen im Zug?

Christiane: Ja wir hatten meistens Glück: entweder wir wurden nicht weiter gestört, nachdem die Sprachbarriere klar geworden war und kein Interesse daran bestand, sich für gegenseitiges Verständnis mit Händen und Füßen einzusetzen. Oder das Gegenteil war der Fall und wir alle suchten emsig in unseren Sprachführern und Onlineübersetzern nach den Bedeutungen einfacher, banaler Sätze der jeweils fremden Sprache. Eine Frau, die dreißig Jahre lang eine große Schule geleitet hatte, sprach sogar noch recht gutes Deutsch, ein Überbleibsel aus dem Unterricht in ihrer Kindheit.
Joni: Die Dialoge beschränken sich natürlich auf das Wesentliche, aber interessant waren die Begegnungen trotzdem. Man bekommt den Charakter der Leute mit, wie gesprächsbereit oder interessiert sie sind und auch wo kulturelle Unterschiede zu sein scheinen.  

Macht das tagelange Betrachten der russischen Weiten aus dem Zugfenster nicht ein wenig melancholisch?

Christiane: Bis Krasnojarsk, also die gesamten ersten drei Tage lang, ist von russischen Weiten nicht viel zu spüren, denn hauptsächlich fährt der Zug durch Taigawälder. Westsibirien dagegen ist hügeliger und der Blick konnte weiter schweifen, aber ich denke, melancholisch sind wir nicht geworden. Das Aus-dem-Fenster-schauen hat sich als schöne Beschäftigung entpuppt, wenn sonst nicht viel zutun ist, man ein bisschen müde ist und zu unkonzentriert zum Lesen. Also nicht melancholisch, eher träumerisch. Und beim Anblick der halb verfallenen Häuser in kleinen, abgelegenen Dörfern, begraben unter dicken Schneedecken, hat sich der Zug gleich viel gemütlicher angefühlt.
Joni: Das kommt wohl auf den Charakter an. Ich persönlich bin dadurch eher ungewöhnlich ruhig geworden und habe (auch ungewöhnlich) viel gelesen oder beim Schauen aus dem Fenster einfach Musik gehört.

Gab es unerwartete oder unangenehme Vorkommnisse auf eurer Reise? Habt ihr euch sicher gefühlt an Bord des Zuges?

Christiane: Tatsächlich haben ich mich sehr sicher gefühlt, nicht zuletzt deswegen, weil gleich zu Beginn, als beim Einstieg unsere Pässe kontrolliert wurden, ein Sicherheitsmann uns gleich ein wenig in Obhut genommen hat und uns seine Hilfe während der gesamten Zugfahrt zusicherte. Er kam dann auch jeden Tag  mehrfach bei uns vorbei und wir wechselten jedes Mal ein paar nette Worte – fast als Einziger konnte er etwas Englisch.
Joni: Ja, Sicherheitsmann Alexej war in Punkto Sicherheit eine große Hilfe. Ansonsten gab es immer mal die ein oder andere Person, die einen mulmigen Eindruck bei uns hinterlassen hat, aber bestätigt hat sich das nie. Tatsächlich waren die Leute alles im allem sehr nett zu uns. Gestern Nacht setzte sich eine russische Wrestlingkämpferin – dritter Platz bei Olympia – an das Fußende meines Bettes, um mit ihrer Schwester zu quatschen und weckte mich damit auf. Das hat mich zunächst gestört, aber dann haben Chrissi und ich versucht, mit den beiden ein Gespräch zu führen und haben uns doch sehr gut mit Händen und Füßen verstanden. Unangenehm war allerdings die Toilette des Zuges, die uns gegen Ende immer dreckiger vorkam.

Nun seid ihr in der burjatischen Hauptstadt Ulan-Ude angekommen. Worauf freut ihr euch jetzt als nächstes?

Christiane: Ich freue mich auf Ausflüge zum Baikalsee mit schönen Wanderungen und Ausblicken, richtiges Essen und Spieleabende!
Joni: Nach der unmittelbaren Ankunft tatsächlich auf das Stillen der Grundbedürfnisse: Duschen und ordentliches Essen. Jetzt nach dem wir wieder sauber und satt sind, freu ich mich auf die winterliche Natur, die neue Kultur und auf das Beisammensein mit unseren lieben Gastgebern und auf kulinarische Entdeckungen.

Während in Russland der Hochschulbetrieb längst in vollem Gange ist, sind in Deutschland Semesterferien. Meine beiden Besucher registrierten sich nach ihrer Ankunft in Ulan-Ude erstmal für die Seminare für das Sommersemester in ihrer Studienstadt Magdeburg 

Mittwoch, 6. März 2019

Die Macht des Feuers und des Wassers


Ein Feuerwehrfahrzeug fährt langsam durch die Steppe und zieht an einem Seil einen brennenden Reifen hinter sich her. Pechschwarzer, bestialisch stinkender Rauch steigt auf.  In dem spärlichen, gelben Gras auf den Hügeln oberhalb des Flussufers bleibt eine verkohlte Schneise zurück. An den Stellen, wo die Halme höher und dichter sind, fangen sie Feuer. Vom Winde angefacht, lecken sich die Flämmchen vorwärts, nicht schnell, aber beständig, einen schwarzgrauen, sich immer weiter vergrößernden Flecken zurücklassend.
Der Rauch umhüllt die Ruine einer orthodoxen Kirche. Auf dem einen der beiden Haupttürme steht noch die zwiebelförmige Kuppel mit dem dreibalkigen Kreuz, von den vier kleineren Türmchen, die sie umgeben, ist einer übriggeblieben. Der andere große Turm ragt als abbröckelndes Ziegelrund in den sonnigen Winterhimmel. Innen spießen braune Stahlträger aus den Wänden, die einst Zwischendecken trugen, der Boden ist dicht von Kuhfladen bedeckt, an einigen Stellen sind die Wände beschmiert. Bis zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts war hier das Zentrum einer Siedlung, die dann auf Anweisung aus Moskau ans andere Flussufer verlegt wurde. Novoselenginsk, einst bedeutender als Ulan-Ude, ist heute ein weitgehend vergessenes Provinznest, bekannt nur durch das Grab zweier hierher verbannter Dekabristen und eines diesen gewidmeten Museums. Hauptereignis der letzten zwei Jahre waren die tagelangen Dreharbeiten an der Kirchenruine für einen Film über den Großen Vaterländischen Krieg unter Beteiligung von vier deutschen Schauspielern. Dafür gibt sie eine gute Kulisse ab, das Ergebnis von hundertfünfzig Jahren Verwitterung ist vergleichbar mit einem Bombeneinschlag.
Das Abbrennen der Steppe soll Bränden im Sommer vorbeugen. Wo nichts wächst, kann nichts entzündet werden durch unachtsam zurückgelassene Feuer oder Zigarettenkippen, Flammen, die dann auf den Wald übergehen könnten, der sich an den Hügeln in die Höhe zieht.

Im Eis der Selenga erstrecken sich im Abstand von zehn Schritten zueinander vier Gräben, hunderte Meter lang, fast einen Meter tief und ebenso breit. Mit schwerem Gerät müssen sie gefräst worden sein, und die herausgeraspelten Eissplitter liegen als kegelförmiger Wall daneben. Noch ein paar Wochen, der Schnee auf den Hängen weiter flussaufwärts beginnt zu tauen und füllt das Flussbett mit Wasser, das aber dann noch vereist sein wird. Es wird sich in die Gräben ergießen, die auf diese Weise sicherstellen sollen, dass die gefrorene Selenga nicht über die Ufer tritt und das Schmelzwasser die tieferliegenden Wohngegenden überschwemmt. An anderen Stellen werden zu diesem Zweck im zuendegehenden Winter sogar Sprengungen des Eises vorgenommen. Doch bis dahin ist noch etwas Zeit. Jetzt sitzen noch die Eisangler an ihren in das anderthalb Meter dicke Eis gebohrten Löchern unter dem sonnigen blauen Himmel; mit Autos sind sie auf die Flussmitte gefahren, von der anderen Uferseite aus, wo die Gräben nicht den Weg versperren.