Sonntag, 18. Februar 2018

Misstrauen und Hilfsbereitschaft

Unser Treppenhaus ist ein Ort des Misstrauens und der Anonymität. Schnell und meistens grußlos geht man aneinander vorbei, es riecht muffig, manchmal nach Köterpisse, Zigarettenqualm oder Alkohol; undefinierbare Kabelgewirre hängen an den Wänden, die Metallabdeckungen, hinter denen sich die Stromzähler verbergen, sind halb aufgerissen und verbogen; aus den schon längst nicht mehr verschließbaren Briefkästen quillt Werbemüll auf den Boden. Hier ist Niemandsland, denn die gestaltenden und pflegenden Kräfte der Bewohner enden an der eigenen Wohnungstür. Pro Etage gibt es vier Wohnungen, verborgen hinter schweren, banktresorähnlichen Stahltüren; an manchen Stellen sind die zwei sich auf einer Seite befindlichen Wohnungen durch eine zusätzliche, vorgelagerte Stahltür vor der Außenwelt geschützt.

Im dritten Jahr meines Lebens in Ulan-Ude beginnt die Treppenhaus-Anonymität endlich ein wenig aufzutauen. Links von uns wohnt Robert, geboren in Jakutien, Santechnik von Beruf, an den ich mich wenden kann, wenn es eine Steckdose auszutauschen oder die Klospülung zu reparieren gilt. Sergej Iwanowitsch links von uns, der sich alle zwei Wochen betrank und laut singend durch Haus und Hof lief – also ein fröhlicher, kein aggressiver Alkoholiker - ist umgezogen und vermietet unter; durch meine Vermittlung ist nun Aurelia dort eingezogen, Studentin aus Frankreich an der Burjatischen Staatlichen Universität. Zwei ältere Damen eine Etage weiter oben freuen sich, wenn ich kurz innehalte, um mit ihnen zu plauschen:  die ehemalige Deutschlehrerin Svetlana und Friseurin Ljudmila, die ihre mit einem Deutschen verheiratete Tochter in Berlin regelmäßig besucht. Neulich war ich mit der kleinen Maja bei ihr auf Besuch. Guten Tag, wir möchten gerne Ihren Pudel streicheln! Ljudmila ließ uns gerne herein.

Für einen Westeuropäer ist die russische Öffentlichkeit nicht unbedingt ein Raum kultivierter Höflichkeit. Im Zuge meiner fortschreitenden Russifizierung beginne ich inzwischen selbst, kurz, schroff, unwirsch und wortkarg aufzutreten, wenn ich etwas gefragt werde oder etwas will. Mir scheint, die Menschen verlassen sich auf ihr Netz von Verwandten und Bekannten, für die sie die grenzenlose Güte und überbordende Fülle ihrer russischen Seele aufsparen. Zur Inanspruchnahme von Dienstleistungen vertraut man Menschen, die man kennt. Mit meinem WAZ 2115 fahre ich nicht etwa in irgendeine Lada-Vertragswerkstatt, sondern gemeinsam mit Mischa zu seinem Mechaniker. Ein wortkarger, ölverschmierter Typ empfängt uns in einer kleinen Garage irgendwo in einer buckeligen Nebenstraße, fährt das Auto mit einer Hebevorrichtung anderthalb Meter nach oben und betrachtet fachmännisch alles von unten; später lässt er den Motor an und lauscht dem Tuckern der Kolben wie ein Musiker, aha, die Ventile müssen reguliert werden. Der Spezialist für Lada-Motoren, Getriebe und Radaufhängung, sagt Micha. Auf ihn kannst du dich zu hundert Prozent verlassen, und er macht Dir einen fairen Preis. 

Etwas außerhalb von Ulan-Ude thronen auf einem Felsen oberhalb des Flusses Selenga zwei goldfarbene Rentiere, den Blick auf die große Brücke, über die winterliche Steppe und die weißen Berge gerichtet, ein beliebtes Ausflugsziel von Hochzeitsgesellschaften. Als ich mit Florian, Urs und Aurelia dort ankomme, läuft der Fahrer eines im Schnee feststeckenden Toyotas auf uns zu und bittet darum, beim Herausziehen seines Fahrzeuges behilflich zu sein. Abschleppseil einhängen und los geht’s – nachdem es geschafft ist, stecken allerdings nun wir fest, die Vorderräder tief ins Eis gegraben; nach einer kurzen Weile qualmt es aus dem Motor, der Temperaturzeiger schnellt auf hundertzwanzig, und eine blaue Pfütze bildet sich auf dem Boden. Ich lerne: nun auf keinen Fall den Motor ausschalten, damit sich die verbleibende Kühlflüssigkeit verteilen kann, und die Heißluftventilation voll aufdrehen, damit Warmluft abgeführt wird. Dank gemeinsamen Anschiebens kommt der Samara frei; so haben wir uns nun also gegenseitig geholfen. Florian, Urs, Aurelia und ich ziehen los, um den Blick über das Land zu genießen, vier Ausländer aus vier verschiedenen europäischen Ländern, auch für meine an Berge gewöhnten Kollegen aus Österreich und der Schweiz ist die burjatische Weite ein Erlebnis.
Wieder zurück, sehen wir mit Entsetzen, dass unser Fahrzeug einen Satz nach vorne in eine Schneewehe gemacht hat und dort mit laufendem Motor und durchdrehenden Vorderrädern steckt. Die Auto-Start-Funktion der Alarmanlage, ein Schutz gegen das Einfrieren, hat den Motor trotz eingelegtem ersten Gang angelassen. Nun sind wir es, die Hilfe brauchen. Ich stelle mich an die Fernstraße und gebe Handzeichen. Gleich der zweite Pkw hält. Wir stecken fest und bräuchten jemanden, der uns aus dem Schnee zieht. - Ausländer oder was? Pojechali!

In manchen Situationen halte ich das übliche Misstrauen für unangebracht, hervorgerufen durch eine gewisse Engstirnigkeit und Unwissenheit. Wie oft habe ich mir schon anhören müssen, wie gefährlich es sei, allein zu wandern oder zu trampen, vor allem natürlich von Leuten, die das noch nie gemacht haben. Mein Lada steht jedenfalls jetzt nicht mehr auf dem bewachten Bezahlparkplatz, dem Ratschlag meines Nachbarn Robert zum Trotz, sondern ganz normal auf der Straße. Ich kann ihn vom Fenster aus sehen, und er ist schließlich nicht der einzige. In nur hundert Metern Entfernung gibt es außerdem ein Polizeirevier. Unser Ausflug zu den zwei Rentieren hat mich sehr beeindruckt: In bestimmten Situationen ist es in Russland völlig selbstverständlich, einem Fremden ohne große Worte und langes Verhandeln zu helfen. Zum Beispiel, wenn es darum geht, sich gegenseitig das Auto aus dem Schnee zu ziehen.

Urs, Florian und Aurelia vor den Zwei Rentieren

Dienstag, 13. Februar 2018

WWP-2018

In etwas mehr als einem Monat, am 18. März, stehen in Russland die Präsidentschaftswahlen an. Wer möchte, kann sich einen Monatskalender mit dem zu wählenden Präsidenten aufhängen. An den Zeitungskiosken stehen zur Auswahl: „WWP 2018“ (Wladimir Wladimirowitsch Putin in verschiedenen Rednerposen, elegant mit Schlips und Anzug), „Angeln mit dem Präsidenten Russlands“ (Putin in Armee- oder Outdoorkleidung in der Natur, mit Fernglas, riesigen Fischen oder der Angel in der Hand), „Das ganze Jahr mit dem Präsidenten Russlands – durch die Weiten unserer Heimat“ (Putin auf Besuch in verschiedenen Regionen des Landes mit jeweils einem Zitat dazu: trauernd in Wolgograd, volkstanzend in Kazan, eishockeyspielend in Sotschi, einem betäubten Amurtiger ein Halsband umlegend im Fernen Osten usw.) oder "Das Jahr des Hundes mit dem Präsidenten Russlands" (Putin balgend oder kuschelnd mit Hunden, das nach dem östlichen Kalender zu 2018 gehörende Tier). Auf den Flughäfen in Moskau gibt es Putin-T-Shirt-Verkaufsstände (im Gegensatz zu den Kalendern leider sehr teuer, sonst hätte ich längst zugeschlagen), und in allen Souvenirshops sind Kühlschrankmagneten mit Putin erhältlich. Die Boulevardzeitschrift Tainy zwjosd (Geheimnisse der Stars) zeigt in seiner neuesten Ausgabe Putin mit entblößtem Oberkörper beim Eisbaden und titelt. „Von welchen Sünden hat Gott ihn gereinigt?“ Der Sprung ins eiskalte Wasser eines Flusses oder Sees am 19. Januar anlässlich des Kreschtschenie-Festes (Taufe des Herrn) ist eine orthodoxe Tradition zur Reinigung von Körper und Seele. Der Journalist erläutert dem Leser die nach dem Verständnis der Kirche sieben Todsünden. „Manchmal fluche ich über mich selbst, bin unzufrieden mit mir“, beantwortet Wladimir Wladimirowitsch die im Titel gestellte Frage. Man könne das dem Zorn zurechnen, ist zu lesen; der Präsident Russlands sei ein seit langem gläubiger Mensch, das um seiner Brust hängende Kreuzes habe als einziges einen Hausbrand überstanden hat und ihn so zum Glauben geführt.


Sonntag, 11. Februar 2018

Die unsichtbare Schlange

In der Morgendämmerung zeichnen sich zwei gigantische, in der oberen Hälfte rot-weiß gestreifte Schlote ab, aus denen schleimige, zähe, dicke, weißlichgraue Rauchwolken emporwabern. Ein durchdringendes helles Rauschen liegt in der Luft. Das Polizeigebäude hinter mir ist noch geschlossen; ich stehe mit dem Rücken zur Tür und lasse mir sanft zur Erde segelnde Schneeflocken ins Gesicht treiben. Das Fernheizkraftwerk TEZ-1 – TEZ steht für Teploelektrozentral - versorgt zwei Drittel aller Gebäude Ulan-Udes mit Wärme. Eine Stunde noch warten! Einige Minuten wiege ich mich in der Illusion, der erste in der Schlange zu sein, bis ein Mann aus einem Auto steigt und mir einen Zettel mit sechs Namen reicht. Auch Auto anmelden? Hier müssen sie sich einschreiben. Während ich meinen vor Kälte erstarrten Kuli warmhauche, ist er schon wieder verschwunden. Ich trage mich in die Liste als Nummer sieben ein – die Schlange existiert also längst, sie ist nur unsichtbar, ein typisch russisches Phänomen. Die Leute gehen weiteren Erledigungen nach oder sitzen irgendwo im Warmen, nachdem sie sich einen Platz reserviert haben. Wenig später reiche ich das Papier an einen nach mir eintreffenden Burjaten weiter.
Ist ja ein Lärm wie auf dem Flughafen hier!
Offensichtlich arbeitet das TEZ nicht mit voller Kraft, meint mein als einziger physisch anwesender Schlangennachbar, sonst würde die Rauchsäule erstmal fünfzig Meter steil nach oben steigen und erst dann abknicken. Ist ja auch nicht kalt heute!
Die im halbstündigen Fußmarsch von zuhause angeregte Körperwärme reicht gerade so, um bei minus fünfzehn eine Stunde im Freien zu warten, ohne zu frieren. Um halb neun hat sich die Schlange dann plötzlich materialisiert, zwanzig Leute drängen sich vor der Tür, jeder kennt seinen Platz nach der Liste. In der Halle mit den Schaltern warten zwei uniformierte Beamte, von denen einer die Dokumente der Bürger vorkontrolliert und der zweite auf den Bildschirm des Wartemarken-Automaten drückt, welcher den Talon ausspuckt, gemäß dem dann die Aufrufe erfolgen. Moderne Technik ist also vorhanden, staune ich – nur führt sie weder zur Personaleinsparung noch zu einem Plus an Komfort für die Wartenden.
Wahrscheinlich brauchen wir von Ihrem Pass eine Übersetzung, grummelt der Polizist am Tisch.
Ich bin vorbereitet und reiche sie ihm, notariell beglaubigt, unanfechtbar.
Und ihre Haftpflichtversicherung?
Die OSAGO gibt es noch nicht in Papierform. Aber hier ist der Nummer der Police, mir wurde gesagt, das reicht, um ein Auto anzumelden.
Nicken. Ich bekomme eine Wartemarke, werde aufgerufen, gehe an den Schalter, reiche mein Dokumentenpaket durch das Fenster. Erneut wird geprüft. Ich scheine dem Ziel, meinen WAZ-2115 endlich auf meinen Namen registrieren zu lassen, so nah wie nie zu vor. Während mein offensichtlich etwas länger dauernder Fall bearbeitet wird – ein ausländischer Pass kommt nicht jeden Tag auf den Tisch – habe ich Zeit, nachzuschauen, wofür die Abkürzung eigentlich steht. Wolzhskij Avtozavod, Produktion in Toljatti an der Wolga; der Samara war das erste Modell des Herstellers mit Frontantrieb und wurde bis 2004 auch nach Deutschland geliefert, beruhte nicht mehr wie die vorangegangenen Zhigulis auf einer Fiat-Lizenz, Produktionsstopp 2013. AvtoWAZ ist der größte russische PkW-Hersteller, über die Hälfte der Aktien gehören inzwischen Renault-Nissan.
Ohne ihre ausgedruckte OSAGO-Police kann ich den Vorgang leider nicht beenden und speichern, meint der Beamte, nachdem er eine halbe Stunde lang meine Daten eingegeben hat und gibt mir Pass und die anderen Papiere zurück. Kommen Sie das nächste Mal wieder.
Alles klar, denke ich und überlege, ob ich jetzt frustriert oder amüsiert sein sollte. Im Unterschied zur deutschen scheint die russische Bürokratie unberechenbarer, willkürlicher und intransparenter zu sein, die eine Stelle weiß nicht, was die andere für Papiere fordert, und nirgendwo ist der Gesamtvorgang verbindlich in schriftlicher Form erläutert. Ich rufe den Versicherungsmenschen an, fordere die Zusendung meiner Police und bemühe mich dabei, wütend zu klingen.

Ein Tag später: diesmal komme ich mit dem Auto, und zwar schon um sieben Uhr. Draußen ist es noch stockfinster. Mit gemütlich tuckerndem Motor verbringe ich anderthalb Stunden in meinem warmen Lada bei anregender Lektüre. Ich klebe einen Zettel mit meinem Namen an den Eingang in der irrtümlichen Annahme, so den Anfang einer sich unsichtbar begründenden Schlange gelegt zu haben: an diesem  Tag werden nur Kunden nach vorheriger elektronischer Einschreibung empfangen. Aber der Beamte vom Vortag erinnert sich an mich, hat Mitleid und bearbeitet meinen Fall trotzdem. Mit einem einlaminierten Kärtchen in der Hand verlasse ich das GIBDD-Gebäude, STS, Swidetelstwo o registrazii transportnowo sredstwo, auf Deutsch wohl: Zulassungsbescheinigung Teil zwei. Draußen ist es inzwischen hell. Ich werfe einen Blick auf die Infotafeln vor dem rußiggrauen Qualm spuckenden Kraftwerk, auf denen mit Stolz dessen 80jährige Geschichte erzählt wird.
 
Beim vierten Versuch hat es geklappt, werde ich am Abend Urs erzählen, unserem Praktikanten aus der Schweiz. Um zu wissen, wie man in Ulan-Ude ein Auto registriert, muss man es einmal gemacht haben!
Urs lacht. Ob ich übrigens wüsse, dass unnötiges Laufenlassen des Motors in der Schweiz 250 Franken Strafe kostet?

Mittwoch, 7. Februar 2018

WAZ 2115 (Lada Samara)

Ich habe den Entschluss gefasst, mir ein Auto zu kaufen. Mein Kollege Mischa, Leiter des Theologie-Lehrstuhles, den ich beim Kauf eines Cellos für seinen Sohn Seva unterstützt hatte, ist bereit, mir dabei zu helfen. Also gehen wir über den Avtorynok, den Automarkt, lenken unsere Schritte zielstrebig vorbei an hundert Toyotas und anderen japanischen Fabrikaten, die meisten mit Rechtslenkung, dorthin, wo die russischen Modelle stehen. Für mich steht fest: ein Auto aus einheimischer Produktion soll es sein, vielleicht ein nostalgischer Moskwitsch, ein breiter Wolga, ein lustiger kleiner Saporozhez, ein Lada Niva-Geländewagen oder auch ein gewöhnlicher Lada. Mischa hatte vergeblich versucht, mich von meiner Wahl abzubringen. Einen zuverlässigen Japaner solle ich doch wählen, die seien weniger störanfällig, schlucken nicht so viel und sind im Winter innen wärmer. Vielleicht sollte mich nachdenklich machen, dass nicht mal zehn, ach was, nicht fünf Prozent aller PKWs in Ulan-Ude russische Marken sind? Aber mein Entschluss steht fest: das Auto soll zum Land passen. Das erste eigene Fahrzeug in meinem Leben, es wird ein Russe.

Am hinteren Ende des Avtorynok stehen einige Ladas der achten Generation, Typ Wozmjorka, die aussehen wie quadratische Schachteln, und ein Wolga. Mischa zieht mich sofort weiter. Ich sei wahrscheinlich kein Bastler, großgeworden mit dem Schraubenschlüssel in der Hand? Na also. Ich betrachte neugierig einen Niva mit Irkutsker Kennzeichen, Baujahr 1999, geländegängig, für die katastrophalen burjatischen Schotterpisten bestimmt bestens geeignet. Mischa schüttelt den Kopf. Im Gebiet Irkutsk wird mit Salz gestreut, da rostet der Unterboden dreimal schneller. Schließlich bleiben wir bei einem WAZ 2115 stehen, auch als Lada Samara vermarktet. Sein Verkäufer – die Wagen gehören nicht einem einzigen Autohändler, sondern verschiedenen Leuten, die den Platz auf dem Automarkt als Verkaufsfläche gemietet haben – lobt ihn sofort in den höchsten Tönen. Baujahr zweitausendacht, nur achzigtausend Kilometer, unfallfrei, bisher im Besitz einer einzigen Familie. Mischa ruft seinen befreundeten Automechaniker dazu, der einen kurzen Blick auf die entscheidenden Stellen an Motor und Karosserie wirft, für mich als Laien nicht nachvollziehbar. Ein schicker Wagen, silbergrau, mit schwarzem Kunststoff verstärkte Türgriffe, sogar ein Spoiler auf dem Kofferraum. Ich bitte um eine kleine Probefahrt. Zu meiner Verwunderung setzt sich der Verkäufer selbst ans Steuer und ich mich auf den Beifahrersitz – mein Wunsch scheint nicht selbstverständlich zu sein. Ein wenig später lässt er mich aber doch hinters Lenkrad.
Wieder zuhause, gibt Mischa die abfotografierte Fahrzeug-Identifizierungsnummer in eine Internet-Datenbank ein. Wir erfahren die Anzahl der Vorbesitzer, lesen, dass keine Strafen bei der Polizei registriert sind und sehen, dass der Kilometerstand auf dem Tacho stimmt. Ich rufe den Verkäufer an und nehme den Wagen. In einer kleinen Bude auf dem Automarkt wird der Kaufvertrag unterschrieben, in der Gegenwart zweier Juristen, die dafür eine Gebühr nehmen und sich über meinen deutschen Pass wundern. Barzahlung, Schlüsselübergabe, ich bekomme den PTS, Pasport transportnovo sredstwo, so etwas wie die Zulassungsbescheinigung. Nachdem wir schon losgefahren sind, fällt Mischa ein, dass wir vergessen haben, uns vom Verkäufer den Erhalt des Geldes quittieren zu lassen. Wir kehren um und holen das Versäumte nach: ein schneller, bei minus fünfzehn Grad auf der Motorhaube handgeschriebener Zettel.

Nun wird es erst richtig spannnend: ich habe noch nie in meinem Leben ein Auto besessen; interkulturelle Vergleiche, die ich so mag, kann ich deshalb nur bedingt anstellen. Zum Beispiel glaube ich mich zu erinnern, dass der TÜV in Deutschland eine ernstzunehmende Sache ist, ein älteres Fahrzeug kann ihn bestehen oder möglicherweise auch durchfallen; am Nummernschild ist eine Plakette, an der das Datum der letzten Untersuchung ersichtlich ist. Das russische Äquivalent zum TÜV heißt Techosmotr, technische Durchsicht. Um eine Haftpflichtversicherung, OSAGO genannt, abschließen zu können, muss man eine Bescheinigung über die bestandene Durchsicht vorweisen können. Wo ich den Techosmotr abnehmen lassen könne? Nun, das nötige Papier sei bereits im Preis inbegriffen, sagt mir der junge Versicherungsvertreter, morgen schicke er mir die Police per Email. Anders formuliert: es gibt in Russland eigentlich keinen TÜV.
Mischa fragt mich, wo ich denn das Auto abzustellen gedenke, ob ich vielleicht eine warme Garage hätte. Nein? Wie ich mir denn überhaupt vorstelle, dass bei minus fünfundzwanzig der Motor anspringt? Es gäbe die Möglichkeit, einen elektrischen Heizer einzubauen mit einem Kabel, dass in die Steckdose kommt – ganz einfach in der Wohnung mit einem sehr langen Verlängerungskabel, gut, dass wir in der 1. Etage wohnen – oder eine Alarmanlage mit einer Automatik, die den Motor alle zwei oder drei Stunden für zehn Minuten anwirft, damit er nicht einfriert. Wenn ich losfahre, solle ich auf jeden Fall immer fünf Minuten warten, bis der Temperaturzeiger des Motors, dessen Skala bei fünfzig Grad beginnt, sich anfängt nach oben zu bewegen.

Russland ist das Land der im Stand laufenden Motoren. Das hat nichts mit Gleichgültigkeit der Umwelt gegenüber zu tun, sondern ist im Winter schlichte, klimabedingte Notwendigkeit. Nun ist mir auch klar, warum ich öfters an Wagen mit laufendem Motor vorbeikomme, obwohl niemand darinsitzt. Die Elektronik ist so eingestellt, dass sie immer mal von selbst anspringen, damit ihre Besitzer am nächsten Morgen auch bei minus fünfunddreißig zur Arbeit fahren können. Gleich am zweiten Tag lasse ich mir eine solche Alarmanlage einbauen, am Autoschlüssel baumelt jetzt ein Chip mit digitalem Display, wenn jemand am Auto wackelt oder die Handbremse löst, piept es ziemlich laut. Auf keinen Fall darf ich die Maschine mit eingelegtem ersten Gang zurücklassen – dann macht sie beim programmierten ersten Anlassen drei Stunden später einen Satz nach vorn und geht wieder aus.
Mein Hausnachbar Robert gratuliert mir zur neuen Anschaffung. Nachdem ich wieder einmal begründen musste, warum ich mich nicht für einen Toyota entschieden habe, fragt er, wo denn meine Garage sei. Aber es stehen doch hundert andere Autos auch auf der Straße, einfach so…? Eben gerade die russischen Modelle seien besonders einfach zu knacken! Gleich eben um die Ecke gebe es einen bewachten Parkplatz, ich solle doch mal überlegen.

Für einen kleinen täglichen Betrag steht mein Lada Samara nun auf einer zu bezahlenden Stellfläche ein paar hundert Meter von meiner Wohnung, neben einem Reifen- und Metallhaufen und zwei,drei anderen Fahrzeugen, bewacht von zwei kläffenden Hunden und einem Opa oder – je nach Schicht – einer Oma in einem Schuppen, die die Bilder einiger Überwachungskameras vor sich immer fest im Blick behalten. Ich kümmere mich unterdessen um die Formalitäten: zuerst ist die polizeiliche Anmeldung angesagt, das Umschreiben auf meinen Namen. Vor dem Hauptgebäude des GIBDD, Gosudarstwennaja inspekzia po besonasnosti dorozhnovo dwizhenja, wie die Verkehrspolizei in voller Länge heißt, steht eine Schlange von etwa 20 Leuten und tritt bei minus zwölf Grad von einem Fuß auf den anderen. Öffnungszeiten waren im Internet nicht auszumachen, telefonisch nahm nach einer barschen Weiterleitung niemand ab, also versuche ich es auf gut Glück. Ein Französisch-Student aus meinem Institut begrüßt mich neugierig, was mich hierher führe? Und er selbst? Naja, mit seinem Zhiguli wäre er erwischt worden, angetrunken auf dem Weg zum Lebensmittelgeschäft, Pech, Führerschein für anderthalb Jahre weg, deshalb stehe er hier, Nummer drei in der Warteschlange, da er schon vor einer Stunde gekommen sei. Die Erfindung des beheizten Wartesaals hat Sibirien noch nicht überall erreicht, denke ich grimmig – aber hier ist diesmal zum Glück nicht mein Platz. Ich gehöre nicht in die Schlange derjenigen, die etwas ausgefressen haben, sondern bin wegen der Registrierung hier, anderer Eingang. Heute leider geschlossen.

Am nächsten Tag komme ich nicht zu Fuß, sondern mit dem Auto. Meine Intuition trügt nicht: für das Anmelden erweist sich das Vorhandenseins des Fahrzeugs vor Ort als erforderlich. Nebeneinander aufgereiht und mit laufenden Motoren stehen einige Dutzend Wagen im Hof der Verkehrspolizei, Motorhauben werden geöffnet, Fahrer sitzen geduldig sich hinter dem Steuer wärmend. Einige in dicke blaue Uniformen mit der Aufschrift Polizia eingehüllte Beamte – die Zeiten, in der die Polizei in Russland Milizia hieß, sind bekanntlich vorbei – betrachten nacheinander die Autos, stellen den Fahrern ein paar Fragen und teilen dann kleine Zettel aus: Inspektion bestanden. Wohin ich als nächstes gehen solle? Die Registrierungsgebühr entrichten, erster Eingang links, dann würde man mich dort schon weiterschicken. Ihren Pass bitte, sagt die Kassendame. Gibt’s das auch irgendwo auf Russisch, meint sie und zeigt ratlos auf meinen Namen. Ich blättere ihr die Seite mit dem Visum auf, wo Thomas Ranft auf kyrillisch steht. Ich bekomme wieder ein kleines Zettelchen und werde in einen neuen Gebäudeteil verwiesen. Ja, die Anmeldeschlange ist für heute schon geschlossen. Übermorgen wieder. Es ist 10 Uhr morgens. Ich fahre nachhause, tanke unterwegs noch 92er Benzin, etwa ein Drittel so teuer wie Benzin in Deutschland, und kaufe  Feuerlöscher, Erste-Hilfe-Kasten und Scheibenreiniger. Na, wenig Erfahrung, was?, meint der Ochrannik, der Parkplatzwächter und hilft mir mit Handzeichen beim Einparken an einer Stelle, an der sich kein zusammengeschobener Schnee einen halben Meter hoch türmt. Warum ich denn eigentlich keinen Toyota… Mischa ruft an und erkundigt sich hilfsbereit, ob mit der Registrierung alles klar geht, die Zehn-Tage-Frist für das Umschreiben sei ja fast vorbei? Alles in Arbeit, beruhige ich ihn und bin fast ein wenig stolz, mit meinem silbergrauen, original russischen Schmuckstück WAZ 2115 nun Teil der mobilisierten Welt zu sein.