Sonntag, 22. Januar 2017

Jalta

Obwohl eigentlich ein Liebhaber des Nordens, bin ich von Jalta auf den ersten Blick begeistert. Eine Uferpromenade mit Fächerpalmen, das majestätische Wellen schlagende Schwarze Meer, hinter den Häusern steil ansteigender Wald, oben die schneebedeckten Gipfelplateaus des Krimgebirges. Schon Tschechovs „Dame mit dem Hündchen“ ging hier spazieren. Während in Ulan-Ude mit minus 35 der sibirische Winter gerade voll zuschlägt, weht mir hier ein laues Lüftchen mit fünf Plusgraden um die Nase. Als ich gerade auf einer langen weißen Bank sitze und meine Beobachtungen im Tagebuch notiere, schreitet ein bärtiger älterer Mann mit langem schwarzem, etwas schmuddeligem Gewand vorüber, in der einen Hand einen langen Hirtenstab, in der anderen einen Plastikbecher mit klimpernden Münzen. Ich betrachte ihn interessiert, er lächelt mich gütig an und setzt sich neben mich. Eine Art Pilger oder Mönch ist er, erfahre ich, der Gottes Wort unter die Menschen bringt, im Sommer allein durch die Berge streift und dort übernachtet… Ob er zu einem orthodoxen Kloster gehört? Nein, er zähle sich zu keiner Kirche, die Spaltung in verschiedene Glaubensrichtungen müsse man überwinden. Der Mann ist mir sehr sympathisch, aus seinem Gesicht sprechen Weisheit und Menschenliebe. Sie erinnern mich ein wenig an Tolstoj, antworte ich, der ist ja auch aus der Kirche ausgetreten…
Wie hat sich Ihr Leben in den letzten drei Jahren hier… Noch während ich meine Standardfrage ausspreche, spüre ich, dass sie bei ihm nicht ganz angebracht ist. Mein Reich ist höher als euer Reich, antwortet er mit einem Bibelzitat. Schau mir in die Augen! Sein leuchtender Blick durchdringt mich. Ich – das ist in Wirklichkeit Er! Besudle deinen Körper nicht, denn dieser ist Gottes Tempel! Nur Gottes Wort soll Deine Speise sein! Der Pilger bemerkt meinen ungläubigen Blick. Ich esse fast nichts, hier und da eine Frucht, erklärt er, sich erhebend und mir zum Abschied zuwinkend. Ob das wohl einer ist, der den Weg zur legendären Lichtnahrung gefunden hat, frage ich mich und schaue seiner auf der Uferpromenade entschwindenden Gestalt hinterher, während das Tock-Tock seines Holzstabes und das Klimpern seines Münzbechers mit dem Wellenrauschen verschmelzen.

Zuerst bin ich zu Gast bei Tanja, die in einem gemütlichen kleinen Häuschen mit kleinem schmalem Gärtchen inmitten fünfgeschossiger Neubauten wohnt. In die Beete hat sie Plastikgabeln mit den Zinken nach oben gesteckt, um die Katzen abzuwehren. Tanja, eine lebhafte, rothaarige Frau etwa meinen Alters, bewirtet mich mit Suppe und Tee und erzählt mir in Kurzfassung ihre Lebensgeschichte: im letzten Jahr sind ihre Eltern gestorben, mit denen sie hier wohnte, einen Mann hat sie nicht gefunden, denn daran herrscht hier im Lande Mangel. Von 15 ihrer männlichen Klassenkameraden, mit denen sie die Schule beendet hat, führen fünf ein mehr oder weniger normales Leben, der Rest ist entweder schon tot oder in Drogen und Alkohol versumpft. Eigentlich arbeitet sie als Fremdenführerin, aber jetzt gibt es kaum noch Touristen – unter der Ukraine war es fröhlicher hier. Kreuzfahrtschiffe legen wegen der Sanktionen keine mehr an, und nur noch wenige Ukrainer fahren zum Urlaub nach Jalta. Russland versucht ja mit allen Kräften, den Tourismus hierher zu fördern, meine ich zu ihr, die Aeroflot-Tickets von Moskau nach Simferopol sind bestimmt staatlich subventioniert, nur 80 Euro hin und zurück… Tanja lacht ein wenig bitter, 80 Euro, das sei im Moment fast ihr halbes Monatsgehalt. Bevor ich gehe, zeigt sie mir Fotos von ihrem männlichen Idol, dem Schauspieler Kaspar Capparone, und bittet mich darum, sie mit einem westeuropäischen Mann bekannt zu machen, der so ähnlich aussieht.

Über Couchsurfing habe ich Lena gefunden, deren Schlafsofa ich für zwei Nächte beziehe. Die ältere, unkomplizierte Frau ist ebenfalls Fremdenführerin und gerade von einem Bergausflug zurückgekommen, allerdings nicht mit – im Moment nicht vorhandenen – Touristen, sondern mit Freunden. Wir bereiten zusammen den typisch russischen Salat Vinaigrette mit Kartoffeln und Roter Beete zu, und beim Abendbrot kann ich alle meine Fragen loswerden.

Hast Du an dem Referendum im März 2014 teilgenommen?
Na klar, ich habe für Russland gestimmt, gleich um 8 Uhr morgens, noch vor der Arbeit. Eigentlich bin ich total unpolitisch, aber da war ich zum ersten Mal bei einer Abstimmung. Vorher habe ich sogar an einer Demo teilgenommen! Irgendwelche Leute aus der Ukraine wollten uns erzählen, man müsse jetzt das Lenindenkmal wegräumen. Da haben wir uns versammelt und davorgestellt.
Denkst du, das offizielle Ergebnis von 97% Ja-Stimmen für Russland ist realistisch?
Ja, absolut.
Und niemand stand mit dem Gewehr neben der Wahlkabine und hat dir über die Schulter geschaut?
So ein Blödsinn. Am Abend, nachdem das Ergebnis bekannt war, gab es ein großes Feuerwerk, alle haben gelacht und gefeiert. Dazu hätte die Leute doch auch niemand mit der Waffe zwingen können.
Wie hat sich das Leben seitdem geändert?
Die Touristen sind weggeblieben... ansonsten eigentlich kaum.

Zwei Freundinnen von Lena haben auch für Russland abgestimmt.
War das Leben hier denn für euch so schlecht unter der Ukraine?
Ach, eigentlich war alles ganz normal, man kann nicht sagen, sie hätten uns unterdrückt. Aber dann, als die schrecklichen Ereignisse auf dem Maidan begannen und die Ukraine in die Hände der Amerikaner fiel, sind die Leute hier auf die Straße gegangen und haben sogar eine Volksbefreiungsbewegung gegründet. Alle vernünftigen Leute, die wir kennen, haben im Referendum für Russland gestimmt.

Plastikgabeln zur Katzenabwehr im Garten (oben), das Haus meiner Gastgeberin Lena (unten)


Die Uferpromenade in Jalta (oben), Lenin neben Palmen (unten)

Sevastopol

Sevastópol im äußersten Südwesten der Krim hat für Russland eine ganz besondere Bedeutung. Neben Moskau und Sankt Petersburg ist es eine Stadt „föderaler Bedeutung“, stellt also eine eigene Verwaltungseinheit dar. Eine Unmenge an Kriegs- und Marinedenkmälern erzählen von der blutigen Vergangenheit des Ortes, an dem so viel russisches Blut vergossen wurde, dass es in den Augen der Einwohner ein Unding wäre, ihn der Ukraine zu überlassen – zumal hier auch noch die russische Schwarzmeerflotte stationiert ist. Sergej zeigt mir das Kriegsschiff, auf dem er einige Jahre als Matrose war, und mit meinem Gastgeber Firdavis am Steuer fahren wir von einem Denkmal zum nächsten. Zwischendurch versuche ich immer wieder erfolglos, mit meiner deutschen Visakarte bei verschiedenen Banken Geld abzuheben – keine Chance, die westlichen Sanktionen zeigen ihre Wirkung.
Sevastopol war bis in die 90er Jahre eine geschlossene Stadt, die nur betreten durfte, wer dort wohnte oder eine Sondererlaubnis hatte. Bei der Anfahrt sieht man in den Felsen gehauene Eingänge zu unterirdischen Stollen. Die ganze Stadt ist mit militärischen Anlagen unterhöhlt, weiß Sergej zu erzählen, vielleicht ist es der am besten befestigte Ort Europas. Etwas außerhalb besuchen wir die Ruinen von Chersones, einer alten griechischen Stadt und gleichzeitig der Ort, wo sich Fürst Wladimir 992 zur Orthodoxie bekannt und diese damit zur Religion der Kiewer Rus gemacht hat.

„Russland hat in seiner gesamten Geschichte nie einen Angriffskrieg geführt!“, sagt Sergej. Ich runzle die Stirn und denke angestrengt nach, antworte aber nichts. „Die Krim hat sich mit ihrem Vaterland wiedervereinigt. Warum spricht man in Deutschland von der Wiedervereinigung, aber bei uns von Annexion? Siehst du hier irgendwelche Besatzungstruppen? Erzähle das mal deinen Freunden in Deutschland. “
Am nächsten Tag verabschiede ich mich von Firdavis, der, wie er mir berichtet, sich schon sehr auf die Antrittsrede von Donald Trump freut. „Trump wird die rechtmäßige Regierung in der Ukraine wiederherstellen und die Krim als Teil Russlands anerkennen!“ Ob er nicht manchmal auch Zweifel hat an dem, was im Fernsehen so erzählt wird? „Nein, das russische Fernsehen sagt immer die Wahrheit!“

So viel Politik und Wahrheit auf einmal ist dann doch etwas viel für mich, und ich freue mich auf die Natur: mit gezücktem Fotoapparat sitze ich wenig später in einem modernen O-Bus und überquere das Krimgebirge, mich an den links und rechts auftauchenden schneebedeckten Bergen erfreuend. Die Trolleybus-Linie zwischen Simferopol und Jalta ist weltweit die längste ihrer Art. Die Fahrt dauert zweieinhalb Stunden und kostet umgerechnet knapp 2 Euro. Der Oberleitungsbus windet sich bis in eine Höhe von fast 800 Metern empor und erreicht dann auf der gewundenen Fernstraße den Küstenort Alúschta, von da aus geht es weiter mit Blick aufs Schwarze Meer an dem berühmten Freizeit-, früher Pionierlager Artek vorbei bis nach Jalta.

Die russische Schwarzmeerflotte im Hafen von Sevastopol. Früher lagen hier auch ukrainische Schiffe
Ein Triumphbogen erinnert an das 300-jährige Jubiläum der Gründung von Sevastopol unter Zarin Katerina der Großen 
Ein Mandelbaum unter besonderem Schutz: eines der wenigen Gewächse, die den Krieg überstanden haben
Antike Geschichte: Die Ruinen von Chersones
Das Krimgebirge (oben), Weinanbau an der Südküste (unten)

Die weltweit längste O-Bus-Linie verläuft durch die Berge zwischen Simferopol und Jalta

Samstag, 21. Januar 2017

Pjervomajskoje

Weit in eine unbekannte Region zu reisen und nach der Ankunft wie ein vertrauter Gast empfangen zu werden – dem wohnt ein ganz besonderer Zauber inne, jedes Mal wieder neu. 

In der Empfangshalle des Flughafens Simferopol wartet Firdavis auf mich, ein Freund meines Potsdamer Bekannten Johannes. Durch die abendliche Dunkelheit fahren wir eine Stunde nach Norden, in die Siedlung Pjervomajskoje. Rechts und links erahne ich die Steppe, die den nördlichen Teil der Krim bedeckt. Firdavis, Jahrgang 1958, ist Zahnarzt in einer Privatpraxis und spricht gut Deutsch; er hat ein Jahr in Deutschland studiert. Wie hat sich das Leben hier in den letzten drei Jahren verändert, frage ich ihn. Während mein Gastgeber seinen Volkswagen vorsichtig durch das Schneetreiben auf der kürzlich frisch asphaltierten Straße steuert, erläutert er mir seine Sicht der Dinge. „Es ist besser geworden!“, erfahre ich, „Löhne und Renten sind gestiegen. Und es ist ruhig hier. In der Ukraine ist es gefährlich, da sind jetzt Faschisten und Nazisten. Ein halbes Jahr lang hatten wir keinen richtigen Strom, immer nur stundenweise, weil sie die Kabel gesprengt hatten. Aber jetzt gibt es ein Seekabel vom russischen Festland.“

Firdavis wohnt allein in einem geräumigen Haus neben seinem Arbeitsplatz und weist mir eines der Zimmer zu, ein ehemaliges Kinderzimmer. Zum Abendessen gibt es neben Plov, in Fett gekochtem Reis, liebevoll selbst gebackenen Rührkuchen. In der Ukraine war der Zahnarzt seit den Maidan-Ereignissen nicht mehr; seine Informationen erhält er aus dem staatlichen russischen Fernsehen, das in der Küche und im Wohnzimmer fast ununterbrochen läuft. Seiner Abstammung nach ist er weder Russe noch Ukrainer, sondern Tatare aus Tatarstan, einer russischen Republik zwischen Ural und Moskau. Die verwandten Krim-Tataren bilden die drittgrößte Bevölkerungsgruppe hier. Am nächsten Morgen weckt mich neben Hundegebell und Hähne-Kikeriki der Muezzinruf einer Moschee irgendwo in der Nähe, und ich beginne zu begreifen: tatsächlich, ich bin auf der Krim, der Orient ist nicht weit.

Am nächsten Tag spazieren wir durch den 10000-Einwohner-Ort Pjervomajskoje. Die Häuser sind nicht wie in Sibirien aus Holz, sondern aus Stein, wie auch die Grundstücksmauern oftmals aus Muschelstein, einer interessanten Art Kalkstein mit Meerestier-Einschlüssen. Ein kräftiger, feuchter Wind weht, die Temperaturen sind um die null Grad, es liegt eine dünne Schneedecke. Im Zentrum zeigt mir Firdavis das Denkmal für die Gefallenen im Großen Vaterländischen Krieg, die obligatorische Leninstatue und ein kleines Denkmal für die Opfer des Genozids an den Krimtataren, die 1944 von Stalin der Kooperation mit den Deutschen beschuldigt und nach Osten verbannt wurden. Wir kommen an der Moschee vorbei, Firdavis erzählt mir, dass er Atheist sei. „In der atheistischen Sowjetunion haben alle Völker friedlich zusammengelebt. Und was passiert jetzt in der Welt? Sie rufen ‚Allah‘ und bringen sich gegenseitig um.“

Am Vormittag kommt ein Patient in die Praxis. Ich begleite meinen Gastgeber, er reicht mir einen weißen Kittel und bittet mich darum, sein Assistent zu sein.
Ich habe in der Nähe von Potsdam gedient, sagt der Mann auf dem Behandlungsstuhl, als er hört, wo ich herkomme, kurz vor dem Mauerfall!
Firdavis verabreicht ihm eine Betäubungsspritze.
Welche Erinnerungen haben Sie an Deutschland, frage ich.
Nur gute!
Der Zahnarzt bittet mich darum, den Kopf des Mannes von hinten festzuhalten.
Wie hat sich das Leben in den letzten drei Jahren hier verändert, will ich noch wissen.
Ach, für die einfachen Leute nicht viel, wer arbeiten will, der arbeitet, und wer trinken will, der trinkt eben!
Firdavis dreht mit seiner Zange im Mund des Mannes herum, nach einer Weile fördert er einen Zahn zutage und reicht dem Patienten ein Taschentuch. Draufbeißen bitte!
Mein erster Einsatz als Zahnarzthelfer ist zuende. Ich ziehe den weißen Kittel aus. Der Patient zahlt 700 Rubel und verabschiedet sich.
Im Moment arbeitet er noch mit seiner alten ukrainischen Lizenz, erklärt mir Firdavis, nächstes Jahr läuft sie aus, das kann noch heiter werden, wenn die neue Kontrollkommission kommt und jeden Zentimeter in der Praxis ausmisst, ob er mit der Norm übereinstimmt.

Beim Mittagessen ist Waldemar zu Gast, wie der Name verrät, Deutscher: nicht Krimdeutscher (von denen es noch über 2000 hier gibt), sondern Wolgadeutscher, ein kerniger, gesunder Alter, 1938 geboren, in der Kindheit von Stalin nach Tadschikistan verschickt und in den 90er Jahren auf die Krim umgezogen. Deutsch kann er nur ein paar Brocken, das Sprechen der Feindessprache wurde ihm in jungen Jahren gründlich ausgetrieben.
Wie hat sich das Leben in den letzten drei Jahren hier verändert?
Zum Besseren! Jetzt können wir frei Russisch sprechen, die Chochlý wollten uns ihr Ukrainisch aufzwingen.
Ob er am Referendum über die Unabhängigkeit der Krim im März 2014 teilgenommen habe?
Natürlich! Eigentlich sollte es im Mai stattfinden, aber dann hätten die Bandérovtsy es verhindert, also wurde es schon im März abgehalten.
Aber es gibt Leute, die gegen Russland sind, zum Beispiel die Krimtataren?
Die haben doch keine Ahnung, sie sollten Russland dankbar sein! Zarin Ekaterina II. hat sie 1783 von den Türken befreit.
Und die Massendeportationen unter Stalin?
Man sagt, die Tataren haben die Faschisten auf der Krim mit Brot und Salz empfangen. Außerdem, Stalin war ja gar kein Russe, sondern Georgier, also ist es nicht die Schuld Russlands.

Abends gehe ich mit Firdavis und Sergej in die Banja. Zwischen den einzelnen Aufenthalten im Dampfraum kühle ich mich in dem kleinen Pool ab und höre mir Sergejs Argumente an. Der 43jährige Matrose, ein muskulöser Typ mit kahlgeschorenem Schädel, hat Ende 2013 in Kiew an Pro-Janukowitsch-Demonstrationen teilgenommen. „Wir haben den gesetzlichen Präsidenten unterstützt. Was würde Angela Merkel sagen, wenn man sie gewaltsam aus dem Amt jagen und irgendeinen Typen von der Straße für sie einsetzen würde?“
Wie hat sich das Leben in den letzten drei Jahren hier verändert?
Zum Besseren. Ohne den Anschluss an Russland hätten wir jetzt auf der Krim ein Blutvergießen wie in der Ostukraine.
War die Vereinigung der Krim mit Russland in Moskau schon länger geplant?
Natürlich, erläutert mir der Matrose, die Strategie war schon längst ausgearbeitet, für den Fall, dass es so einen Umsturz in Kiew gibt, wie es dann tatsächlich auch passierte. Im Unterschied zur Ostukraine ist die Krim strategisch bedeutsam für die Kontrolle des Schwarzen Meeres. Die Krim war zuerst türkisch und dann russisch, aber nie ukrainisch, Chruschtschov hatte überhaupt nicht das Recht, sie der Ukraine zu überlassen.

Ich habe ein wenig Kopfschmerzen, ob von der Reise – schließlich bin ich aus Deutschland unterwegs, seit 7 Uhr morgens – oder von den Argumenten meiner Gesprächspartner, weiß ich nicht genau. Fünfzig Kilometer weiter nördlich, hinter der Landenge von Perikop, beginnt die Ukraine - einen Abstecher dorthin, um mir die Meinung der Gegenseite anzuhören, kann ich leider von der Krim aus nicht machen. Vielleicht würde man mich festnehmen. In den Augen der ukrainischen Behörden befinde ich mich auf "vorläufig besetztem Gebiet", das ich ohne ihre Sondererlaubnis gar nicht betreten hätte dürfen.
Die Moschee in Pervomajskoje
Mauern aus Muschelstein
Denkmal an die Gefallenen des 2. Weltkrieges (oben) und  an die Deportation der Krim-Tataren unter Stalin (unten)
Politisches Statement: die Krim in den Farben der russischen Flagge an einer Hauswand (oben), Firdavis und Waldemar (unten)

Sonntag, 15. Januar 2017

Der Krim-Krimi

Die Krim ist in Russland sehr präsent. Das Reisen dorthin wird fleißig beworben, in den Medien ist oft von sportlichen oder kulturellen Ereignissen auf der Halbinsel die Rede, Schülergruppen werden zu Ferienlagern entsendet. Als ich mir in St. Petersburg eine Landkarte der Krim besorgte, staunte ich nicht schlecht über anderthalb Meter Regallänge mit Bildbänden, Reiseführern und Karten über die Region. Man könnte den Eindruck haben, dass viel dafür getan wird, damit die Bürger Russlands den neuen Landesteil in ihr Bewusstsein holen.
Als meine Großeltern im Jahre 1961 eine Schwarzmeer-Kreuzfahrt unternahmen (ursprünglich war das Mittelmeer geplant, aber aus politischen Gründen – kurz nach dem Mauerbau – wurde das Reiseziel in sicherere Gefilde verlegt) und in Jalta an Land gingen, war die Krim ukrainisch. Staatschef Chruschtschov hatte sie 1954 der Ukraine „geschenkt“. Eigentlich aber war es sowjetisches Gebiet, und im Rahmen der großen Sowjetunion spielte die Republikzugehörigkeit kaum eine Rolle. Der Vater meines Großvaters hatte seinen Fuß auch auf die Halbinsel gesetzt – als Wehrmachtssoldat. Nach einer Verletzung gelangte er an Bord eines der letzten Flugzeuge, die Verwundete evakuierten, kurz bevor die Sowjets sie zurückeroberten.
Die aktuelle Russlandkrise und die Verstimmungen zwischen Russland und dem Westen, von denen allerorten die Rede ist, haben viel mit der Krim zu tun. Nachdem sich im Frühjahr 2014 ein Machtwechsel in der ukrainischen Hauptstadt Kiew und ein pro-europäischer Kurswechsel in der Politik vollzogen hatte, kam die Schwarzmeerhalbinsel zu Russland. Die Bewertung der vorgefallenen Ereignisse ist denkbar unterschiedlich. Die westlichen Staaten sprechen von einer Revolution auf dem Kiewer Maidan-Platz und von einer Annexion der Krim durch Russland. Russland spricht von einem gewaltsamen Putsch und von einer daraufhin folgenden Angliederung der Krim. In der Ostukraine begann ein Bürgerkrieg. Eine gemeinsame Sprache zu finden scheint unmöglich, der Westen verhängte Sanktionen, Russland antwortete mit Gegensanktionen, beide sind bis heute in Kraft.
Vor Beginn meiner Tätigkeit in Ulan-Ude arbeitete ich in einem in Berlin ansässigen Verein, der Austauschprogramme mit russischen und ukrainischen Partnern durchführt. Unter meinen Kollegen im Büro herrschte weitgehende Einigkeit, dass Russland in dem aktuellen Konflikt der Hauptaggressor ist. Da ich vor allem in Russland unterwegs war und mich dem Land sehr viel stärker verbunden fühle als der Ukraine, versuchte ich hin und wieder einmal vorsichtig, den russischen Standpunkt zu verteidigen. Warum ist das gewaltsame Vertreiben des gewählten ukrainischen Präsidenten statthaft, nicht aber der Einsatz russischer Streitkräfte, um einen Staatenwechsel der Krim zu ermöglichen? Mag ersteres dem Kiewer Volkswillen entsprechen – das zweite ist wohl der Wunsch der Krimbewohner. Ich merkte schnell, dass ich mir mit dieser Argumentation unter meinen Kollegen keine Freunde mache und ließ das Thema dann lieber außen vor.
Wenn man bei Youtube den Suchbegriff „Krim“ eingibt, erscheint als einer der ersten Treffer ein über zweistündiger Film des russischen Fernsehens: „Krim – der Weg in die Heimat“ (russisch, mit deutschen Untertiteln). „Rekonstruktionen“ der wichtigsten Ereignisse des Polit-Krimis um die Krim sind zu sehen im Wechsel mit einem ausführlichen Interview mit Wladimir Putin. „Die Krim wird im Bewusstsein des russischen Menschen mit den heroischen Kapitel in unserer Geschichte assoziiert“, erfährt man. „Nach dem Staatsstreich von Kiew verwandelten sich alle Einwohner von Sewastopol in eine Volkswehr.“ Dem sich überall auf der Krim konstituierenden „Volksheer“ kamen die ohnehin auf dort stationierten russischen Streitkräfte zu Hilfe. „Wir mussten um jeden Preis ein Blutvergießen verhindern und den Menschen die Möglichkeit geben, ihre Meinung zu äußern.“ Ein Referendum wurde anberaumt, in dem nach offiziellen Angaben über 95% aller Teilnehmer für eine Loslösung von der Ukraine stimmten.
Ziemlich unglaubwürdig finde ich den nun folgenden Teil des Filmes. „Das Referendum endete mit einem großen Fest auf der ganzen Krim. Eines aber blieb unklar: Ist Russland bereit, die Krim aufzunehmen?“ Berichtet wird nun über eine Umfrage in Russland, bei der 91% dem Beitritt der Krim zu Russland befürworteten. Ja, dann blieb Putin ja keine Wahl… wenn es denn der Volkswille ist! - Ein nach allen Regeln der Kunst gemachter russischer Propagandafilm, der vorgaukelt, die Aufnahme der Krim sei mit dem Einsatz russischer Streitkräfte zuvor nicht schon beabsichtigt gewesen.
„Von Reisen auf die Halbinsel Krim wird dringend abgeraten“, liest man auf der Internetseite des deutschen Auswärtigen Amtes. „Die Krim gehört völkerrechtlich weiterhin zur Ukraine, wird aber derzeit faktisch von Russland kontrolliert.“ Über das Völkerrecht gehen die Meinungen zwischen Russland und dem Westen in diesem Punkt auseinander, und das derzeit kann man sicher streichen: mit gigantischem Aufwand ist der Bau einer 19 Kilometer langen Brücke über die Meerenge von Kertsch im Gange, die die Krim „für immer“ mit dem russischen Festland verbinden soll, da die Ukraine die Versorgungswege über Land blockiert. Die deutsche Reisewarnung hat nichts mit der Sicherheitslage zu tun, sondern ist rein politisch motiviert.
Fast drei Jahre lang ist die Krim nun Teil Russlands. In Couchsurfing und in der deutschen Wikipedia wird die neue Realität nicht akzeptiert, Jalta, Sewastopol und Simferopol werden als „Stadt in der Ukraine“ gelistet. Stöhnen die Menschen unter den russischen Besatzern? Jubeln sie über Putin als ihren Befreier? Oder ist ihnen egal, unter welcher Flagge sie leben, solange Strom und Gas erschwinglich bleiben und das Einkommen noch für das Essen reicht? Wer sind die Übeltäter, ukrainische Nationalisten oder russische Okkupanten? Übermorgen fliege ich mit Aeroflot von Moskau nach Simferopol und werde mich ein wenig umhören. Vorhang auf für den Krim-Krimi!