Sonntag, 20. November 2016

Posolsk. Eine Nacht im Männerkloster

Dieser sibirische Winter verspricht von anderer Qualität zu werden als der des Vorjahres. Bereits jetzt ist es so kalt wie damals Ende Dezember. Da die Flüsse und der Baikal noch nicht komplett zugefroren sind, ist durch die Feuchtigkeit die Kälte noch etwas mehr zu spüren. Das Katastrophenschutzministerium schickt Rund-SMS an die Bevölkerung: Auf dem Territorium der Republik werden niedrige Lufttemperaturen von -25 bis -35 Grad erwartet. Schützen Sie sich vor Unterkühlungen und Erfrierungen!

In der Siedlung Posolsk direkt am Ufer des Baikals gibt es ein 2002 wiedereröffnetes orthodoxes Männerkloster. Als ich am Samstag dort eintreffe, ist der Ort in eisiges Schneetreiben versunken. Die kleinen Holzhäuser liegen unter einer dicken Neuschneedecke. Am Ufer sind zwei Meter hohe Berge aus Eis und Schnee aufgetürmt. So weit der Blick reicht, ist der See schon zugefroren. Ich betrete das hinter einer über 300 Jahre alten Steinmauer verborgene Klostergelände und frage, ob es für mich hier eine Übernachtungsmöglichkeit gäbe. Ein junger Mann führt mich zu Vater Jussuf, dem Priester. In seiner schwarzen Mönchstracht steht er vor mir und streicht sich nachdenklich den langen schwarzen Bart. Ob ich denn ein gläubiger Mensch sei?
Natürlich, antworte ich wahrheitsgemäß. Protestant. Das stimmt nicht ganz, erspart mir aber komplizierte Erklärungen.
Ohne weitere Umstände bekomme ich erst einmal Suppe und Tee im Speisesaal und beantworte einige Fragen zu Deutschland wie zum Beispiel die, ob es stimme, dass jetzt fünfzig Prozent Moslems dort wohnen? Bruder Sergej, ein stämmiger Mann mit kaukasischen Gesichtszügen, ehemaliger Berufssoldat, zeigt mir ein Bett und gibt frische Bettwäsche dazu. Nach meinen Erfahrungen in Baturino freue ich mich besonders über den nicht vorhandene Fernseher. Vier Sorten von Leuten gibt es im Kloster, lerne ich: Mönche, Mönchsanwärter, Arbeiter und Pilger (palómniki); mich rechnet man wohl zu letzterer Kategorie. Ich teile das Zimmer mit Bruder Jevgenii, der auf einem Regal über dem Kopfende seines Bettes unzählige Ikonen aufgestellt hat. Gerade ist er allerdings nicht da, weil er im Heizraum (kotélnaja) seine 24-Stunden-Schicht ableistet. Dort muss ein riesiger weißgekalkter Ofen ständig mit Kohle gefüttert werden, der das gesamte Klostergelände versorgt. Wie viel Kohle braucht man so am Tag? Oh, eine Menge, meint Jevgenii, ein ganzer Eisenbahnwaggon – 60 Tonnen – reiche nicht mal für einen Winter.
Nach zwei Stunden muss ich den abendlichen Gottesdienst mit Magenkrämpfen verlassen, wahrscheinlich, weil ich zu lange nichts gegessen habe und dazu durch das lange Stehen erschöpft bin. Durch den Schneesturm kämpfe ich mich ein paar hundert Meter zum nächsten Magazín und kaufe ein Weißbrot und eine Tafel Schokolade, die ich schnell und mit etwas schlechte Gewissen im Zimmer mit Tee aus meiner Thermoskanne verspeise, um für das letzte Drittel der Zeremonie gestärkt zu sein.
Später am Abend kommt ein Mann zu mir ins Zimmer gestürmt. Andrej, stellt er sich vor. Nietzsche, Schopenhauer, Goethe, Bach, sprudelt es aus ihm heraus, von den Deutschen sei er total begeistert. Er nimmt einen Hocker und setzt sich zu mir ans Bett. Ob meine Vorfahren auch im Krieg gekämpft hätten? Er sei ja wirklich beeindruckt von der Sorge der Wehrmacht um den Menschen! Ich schaue ihn fassungslos an. Der Gegner im Osten galt doch nicht mal als Mensch…?  Ja, aber die Sorge um die eigenen Leute! Jeder Soldat bekam Fronturlaub. Und beim Bau von Flughäfen wurde auch an Ruhezonen für die Piloten gedacht. Ich sei Protestant? Er möchte mir jetzt ein Geheimnis offenbaren, aber das dürfe hier niemand wissen! Andrej senkt die Stimme und beugt sich zu mir vor.
Er sei früher auch Protestant gewesen! Baptist. Aber dann habe er begonnen, orthodoxe geistliche Literatur zu lesen. Das habe ihn in ganz andere Welten versetzt!
Beim Besuch eines orthodoxen Gottesdienstes glaubte sich meine Schwester auch versetzt, und zwar ins Mittelalter, entgegne ich, nach zehn Minuten ist sie herausgegangen. Wir beide lachen zusammen. Warum werden eigentlich die Worte vom Priester so undeutlich gemurmelt, dass man sie beim besten Willen nicht verstehen kann, selbst wenn man die altkirchenslavische Sprache gelernt hätte? Ja, da habe ich wohl recht, das sei nicht gut! Allerdings würde das  dreistündige Ritual bei langsamem und deutlichem Zelebrieren noch einmal um die Hälfte länger dauern, dazu reiche die Geduld bei den modernen Menschen wohl nicht mehr. Er sei jetzt hier, um sich einen Monat lang seelisch zu reinigen, dann gehe es zurück nach Tynda – ein Eisenbahn-Knotenpunkt zwischen Baikal und Pazifik - wo ich ihn auf seine Datsche unbedingt besuchen solle. Die protestantische Taufe werde von der russisch-orthodoxen Kirche nicht anerkannt, weil keine Salbung mit Öl erfolgt und kein richtiges Untertauchen ins Wasser stattfindet. Deshalb müsse, wer den orthodoxen Glauben annehmen wolle, sich eigentlich noch einmal umtaufen lassen.
Nachdem wir uns schon verabschiedet haben und ich bereits im Bett liege, kommt Andrej noch einmal hereingelaufen. Mit vor Enthusiasmus leuchtenden Augen zitiert er auf Russisch Nietzsche, was dich nicht umbringt, macht dich stärker, ob ich ihm das einmal auf Deutsch aufschreiben könne?

So verbrachte ich eine warme Nacht im Posolsker Männerkloster. Posól bedeutet Botschafter. Die Gründung des Klosters hat mit der Geschichte der russischen Erschließung Sibiriens zu tun. Im Jahre 1650 wurde hier ein russischer Botschafter überfallen und ermordet, der sich – so die Überlieferung – auf dem Weg in die Mongolei befand, um dem mongolischen Khan mitzuteilen, dass sein Wunsch, sein Reich unter die Schutzherrschaft des russische  Zaren zu stellen, erfüllt werde. Dies war Anlass zur Gründung einer Festung und eines Klosters an dieser Stelle. In der russischen Geschichtsschreibung ist selten von Eroberungen die Rede, dafür gern von kleinen Völkern, die um Aufnahme in das schützende, starke Zarenreich bitten. -

In Ulan-Ude auf dem Weg zwischen Bahnhof und meiner Wohnung komme ich an großen Plakaten vorbei: „Ich bin Bürger Russlands. Ich zahle Steuern.“ Und hundert Meter weiter: „Zahlen Sie für die Wärme! Eine warme Stadt – gut. Schulden und Kälte – schlecht.“ In der Straßenbahn gibt es Aushänge: „Zahlen Sie Ihre Heizrechnung und erhalten Sie einen Bonus!“ In der Welt, aus der ich komme, ist das Bezahlen von Steuern und Wohnnebenkosten wohl eher die Regel als die Ausnahme – aber zum Glück gibt es der Welten mehr als nur eine.

"Zahlen Sie für die Wärme!", steht auf einem Plakat, das die Zahlungsmoral der Bevölkerung anheben soll (oben). Das Posolsker Männerkloster war am Wochenende in dichtes Schneetreiben gehüllt (unten).


Der große Ofen im Heizraum versorgt die Klosteranlage mit kostbarer Wärme (oben). Mein Zimmerkollege hat sich über dem Kopfende seines Bettes Ikonen aufgestellt (unten).

Dienstag, 15. November 2016

Eine Nacht im Frauenkloster



Oben: Das Sretensker Frauenkloster liegt in dem winzigen Dörfchen Baturino. Unten: Bei -15 Grad ist das Lagerfeuer ein Segen

Oben: Der Priester (ganz links), die Äbtin und die Nonnen versammeln sich am Sonntag nach dem Gottesdienst im Speisesaal. Unten: In der Männerunterkunft wurde mir das Bett links oben zugeteilt.
Oben: Die Arbeiter wohnen in einem Holzhaus noch aus der Zarenzeit. Unten: In der klostereigenen Schreinerei werden Souvenirs hergestellt.
Oben: Die hochmoderne computergesteuerte Fräse fertigt die Holzkreuze ganz ohne menschliches Zutun. Unten: Die Kolchosruine im Ort zeugt davon, dass es einmal bessere Zeiten gab.

Gerade haben Niso und ich die frische Milch getrunken, die uns Mutter Olga zum Abschied unseres Klosterbesuches geschenkt hat. „Dick und lecker, man schmeckt, dass die Kuh erst vor Kurzem gekalbt hat!“, meinte Niso, die auf dem Dorf aufgewachsen ist und sich in solchen Dingen auskennt.

Als wir am Samstag zeitig am Morgen nach Baturino aufbrachen, hatten wir alles dabei, um die folgende Nacht trotz leichter Minusgrade, wie ich dachte, möglichst gemütlich im Zelt zu verbringen: drei Schlafsäcke, zwei gefüllte Thermoskannen, einen Propangaskocher und diverse Pullover, lange Unterhosen und Wollsocken. Im Dorf Nesterovo, ein paar Kilometer hinter Baturino, stiegen wir nach anderthalbstündiger Fahrt mit dem Kleinbus aus. Es war halb zehn Uhr morgens, eine eisige Kälte biss uns ins Gesicht. Wir schulterten unsere Rucksäcke, ich zog meine neue Daunenjackenkapuze mit Waschbär-Pelzkragen tief ins Gesicht und wir setzen uns in Marsch. Nach wenigen Schritten begann Niso über abgefrorene Zehen zu klagen. Ich gab ihr ein Paar der legendären, von meiner Mutter selbstgestrickten Wollsocken, und nach einer Weile hatte sie sich die Füße tatsächlich warmgelaufen. Die Sonne schaute gerade über einen Hügel am Horizont, es war blauer Himmel, ringsum die Felder bedeckt mit blendendweißem Schnee. Ich schätzte die Temperatur auf minus zwanzig und beschloss in diesem Moment: die nächste Nacht werden wir wer weiß wo verbringen, aber bestimmt nicht im Zelt.

Baturino, auf halbem Wege zwischen Ulan-Ude und dem Baikalsee, ist ein Dörfchen aus drei Dutzend Häusern mit einer mächtigen, weithin sichtbaren Kirche in der Mitte; aus einigen der Gebäuden steigen dünne Rauchsäulen auf, die zwei Wege durch den Ort sind menschenleer. Was bewegt die Leute, die in den Häusern hinter den dicken Balken wohnen, wo arbeiten sie, wer geht in die Kirche? Wir sollten Gelegenheit bekommen, einen Einblick zu erhalten, doch zunächst gingen wir außen um den Ort herum, vorbei an den verfallenen Mauerresten einer ehemaligen Kolchose, auf den von mir so getauften Caspar-David-Friedrich-Hügel mit dem Holzkreuz auf dem Gipfel. Von oben schauten wir über die in erhabener Stille liegende Landschaft, von einer einzigen Straße durchzogen, von der hin und wieder das ferne Motorengeräusch eines Autos zu uns heraufdrang. Wir entzündeten ein Lagerfeuer und wärmten uns, Niso erzählte mir von ihrer kräutersammelnden und als Heilerin tätigen Großmutter, die sie eigentlich in ihre Kunst einweihen wollte, doch der Krieg in Tadschikistan und die Auswanderung nach Russland kamen dazwischen.

Die prächtige, weiß gekalkte Kirche mit den meterdicken Wänden in Baturino gehört zum Sretensker Frauenkloster. Mit einem Kloster verbindet man wohl in Westeuropa ein Gebäude mit einem Säulengang und die Zugehörigkeit zu einem Orden, Johanniter etwa, Benediktiner oder Dominikaner. Bei den Klöstern der russisch-orthodoxen Kirche gibt es weder das eine noch das andere. Eine der schwarz gekleideten Nonnen, die im Vorraum saßen und Kerzen und Souvenirs verkaufen, fragte ich nach Übernachtungsmöglichkeiten: wir würden gern um 17 Uhr den Gottesdienst besuchen, müssten dann aber bis morgen bleiben können. Nach einem Telefonat mit der Äbtin (Iguminja) teilte die Nonne mit, dass unser Wunsch erfüllt werden kann: die Frau kommt ins Frauen-Gästehaus und ich in die Arbeiter-Unterkunft. Wir sind eigentlich zusammen, meinte ich etwas unsicher… Kopfschütteln. Ich verstand: hier ist ein Kloster, da gelten besondere Regeln. 

Um 17 Uhr begann es vom Kirchturm zu läuten, zunächst rhythmische, einzelne Schläge an einer großen Glocke und dann ein helles Gebimmel aus vielen kleineren Glocken, wie man es in Westeuropa nicht kennt. Die Zeremonie dauerte drei Stunden; ich hielt es nicht aus, so lange zu stehen und setzte mich zwischendurch immer wieder auf die eigentlich für Alte und Gebrechliche vorgesehene Bank. Auch in einem Frauenkloster ist der Priester (Batjuschka) natürlich ein Mann. Die Sprache der Liturgie ist das nicht nur für mich, sondern wahrscheinlich für die meisten Russen größtenteils unverständliche Altkirchenslavisch. Im vorderen Teil des Kirchenraumes standen die 15 Nonnen (Inokiny) und Nonnenanwärterinnen (Poslushnitsy), die sozusagen in der Probezeit sind. Zwischendurch sangen zwei helle Frauenstimmen, eine davon Mutter Olga, die mich bei meinem letzten Besuch in den Speisesaal eingeladen hatte. Sie sind getauft?, fragte mich eine der Nonnen, als sich die Schlange zur Kommunion bildete. Dann kommen Sie! Ich schaute aufmerksam auf die Gläubigen vor mir, um keine Fehler zu machen, und wiederholte genau, was sie taten: sich bekreuzigen, die große goldene Bibel küssen und mit der Stirn berühren, dann zum Priester treten, der mit Öl und einem Pinsel ein Kreuz auf die Stirn zeichnet, und den Ärmelaufschlag seines mit goldenen Ornamenten verzierten Gewandes küssen, und schließlich von einem Tablett eine kleine Brotscheibe, die Hostie, nehmen.

Nach der Kommunion verließ ich mit den Brüdern den Gottesdienst, um in der Trapeznaja, dem Speisesaal, das Abendbrot einzunehmen. Draußen war es schon stockdunkel. Die Brüder sind die beim Kloster arbeitenden Männer. Dicht zusammengedrängt saßen wir an der langen Tafel vor jeder seinem Glas Tee und löffelten eine Suppe, eher wortkarge, vom Leben gezeichnete Kerle; draußen vor dem Fenster schauten Dunkelheit und Minusgrade herein, konnten uns aber nichts anhaben. Es ist ein Unterschied, ob man in einer deutschen Großstadt oder in einem sibirischen Dorf einen Teller heiße Suppe löffelt. Damit die heiße Suppe entsteht und auf den Tisch kommt, ist in letzterem Falle sehr viel mehr Aufwand erforderlich, und um zu überleben, ist sie in Sibirien sehr viel notwendiger. Neben mir ein hagerer Mann mit aufmerksamem Blick, der sich mir als der Traktorist vorstellte. Und dieser Taugenichts da gegenüber, das ist unser Künstler, der malt die Ikonen, scherzte er. Selber Tagenichts, entgegnete der Ikonenmaler und lachte. Er hatte einen eleganten Anzug an mit Krawatte und strömte eine leichte Wodkafahne aus. Er mag es, zu trinken, erklärte mir der Traktorist. Aber ich mag das manchmal auch. Das ist eben unsere russische Krankheit.

Das Haus, in dem die Brüder wohnten, ist bestimmt aus dem vorletzten Jahrhundert, ein Holzhaus aus dicken Balken mit den klassischen russischen, blau lackierten Fensterläden. Die Tür muss man kräftig aufstoßen – in einem Dorf, wo jeder jeden kennt, wird nicht abgeschlossen – dahinter dann einen schweren, von oben herabhängenden Teppich zur Seite schieben. Ein riesiger, weiß gekalkter Ofen teilt den Raum in zwei Hälften, der Durchgang rechts neben ihm ist wieder mit Teppichen und Folien abgehängt. Danach steht man im Schlafraum: 3 Doppelstock- und ein einfaches Bett dicht zusammengestellt, in den Ecken Ikonenbilder, in der Mitte auf einem Schrank der Fernseher. Ich fand es bemerkenswert, mit wie wenig Privatraum die Leute auskommen. Mir wurde ohne große Worte eines der oberen Betten zugewiesen und Bettwäsche gegeben. Auf engem Raum mit vielen unbekannten Leuten sein ist eine Erfahrung, die ich schon oft in Russland gemacht habe; jede Fahrt mit dem platskartnyj wagon gehört dazu. Einfach und authentisch sein hilft mir dabei, mich schnell und unkompliziert ins Kollektiv einzufügen, nicht zu klug und zu viel reden, ein paar interessierte Fragen stellen, aber auch nicht zu neugierig nachbohren. Wer weiß, was für eine Vergangenheit die Leute haben, dachte ich, umsonst entschließt sich wohl keiner zu einem Leben als Klosterbruder. Abends verschwanden meine Zimmerkollegen zur Lesung eines Gebetes (pravilo) ins Nachbarzimmer. Ich sei wohl Katholik wie alle Deutschen, fragte mich der junge Mann im Bett unter mir. Die Hälfte bei uns sind Lutheraner, meinte ich stark vereinfachend, aber der Gott ist ja wohl der gleiche bei allen Christen… Beifälliges Nicken.

Ein wenig ärgerte ich mich beim Einschlafen über den laufenden Fernseher. Eigentlich stand mir der Sinn nicht nach den Wahlen in Moldawien, wo es wieder einmal hieß EU oder Russland? oder nach den zwei russische Flugzeugträgern, die im Mittelmeer vor der syrischen Küste kreuzten. Doch dann machte ich mir bewusst, dass die Alternative minus zwanzig Grad im Zelt heißt und genoss die Wärme des russischen Ofens. 

Der Fernseher wurde schon am nächsten Morgen um sieben wieder eingeschaltet. Aufstehen! Um 8 Uhr begann der sonntägliche Gottesdienst, der jetzt nur zweieinhalb Stunden dauerte. Eine Zeitlang traten Gläubige einzeln zum Priester vor und flüsterten ihm etwas ins Ohr, woraufhin dieser etwas sprach und ihnen seine breite Stola über den Kopf legte – die Beichte (ispoved). Die Kommunion verlief diesmal anders als am Vortag. Bevor ich mir eine Hostie vom Tisch nahm, spritzte mir der Priester mit einem Pinsel in einer kreuzförmigen Bewegung Wasser ins Gesicht, dann küsste ich sein goldenes Kreuz und seine Hand. Nun gab es auch eine Predigt (propoved), in welcher der Batjuschka an die Geschichte der Klöster in Russland erinnerte. Vor der Oktoberrevolution gab es über 1200, zu Beginn des Großen Vaterländischen Krieges war kein einziges mehr in Betrieb. 1943 wurden die ersten Klöster wieder eröffnet, heute gibt es schon wieder über 800. 

Um 11 Uhr machten sich die Männer wieder an die Arbeit, obwohl Sonntag war. Niso und ich durften einen Blick in die Schreinerwerkstatt werfen, in der mit einer hochmodernen computergesteuerten Fräse die Holzkreuze und ähnliche Gegenstände hergestellt werden, die dann in der lavka, dem Klostershop sozusagen, zum Verkauf stehen. Der Traktorist  schrieb mir zum Abschied seine Telefonnummer auf, ich solle wiederkommen! Und Mutter Olga schenkte uns eine Flasche Milch von einer der fünf Klosterkühe. Niemand hatte uns während des Besuches nach Geld gefragt. Ich fragte, wo ich etwas spenden könne; eine Nonne zeigt mir den Spendenkasten. Zarin Katherina die Zweite war ja auch Deutsche, erzählt sie mir, und sie hat fünf Jahre in Russland gelebt, bevor sie den orthodoxen Glauben angenommen hat. Also, beeilen Sie sich nicht, hören Sie darauf, was die Seele Ihnen sagt.

Eine Weile standen Niso und ich draußen im Schneetreiben und betrachteten das Dekabristen-Grab neben der Kirche. Ein gewisser Shimkov war nach dem missglückten Aufstand gegen die Monarchie 1825 hierher verbannt worden. Der Ort Baturino hatte früher wohl mal eine derartige Bedeutung, dass sogar der deutsche Sibirienforscher Müller auf seiner Exkursion vor knapp 300 Jahren von ihm berichtete. Dann studierten wir die exakt geometrischen Eiskristalle, die die landenden Schneeflocken auf unseren Daunenjacken hinterließen. Wenig später kam der Bus zurück in die Stadt.

Donnerstag, 10. November 2016

37

Mit meinen Studentinnen im Kurs „Hauslektüre“ bespreche ich zurzeit das Buch einer in der Taiga wohnenden Deutschen. Karin Haß, die Autorin von „Fremde Heimat Sibirien“, hat vor viele Jahren ihr Leben als Hamburger Programmiererin aufgegeben und ist in ein winziges Dorf gezogen, knapp 2000 Kilometer östlich des Baikals. Eigentlich wollte sie nur 8 Monate bleiben, doch dann verliebte sie sich in einen ewenkischen Jäger und ist noch heute dort. Im Sommer empfängt die Aussteigerin deutsche Touristen, ein Reisebüro organisiert die Anreise. Einmal im Jahr, wenn Karin Haß in Deutschland ist, scheint sie ihre Internetseite zu aktualisieren; in ihrem Dorf hat sie keinen Anschluss. Mich beeindrucken ihre genaue Beobachtungen und ihre liebevolle Schilderungen von Land und Leuten. In einer Email schrieb ich ihr, dass ich das Buch gerade mit Studenten lese und bedankte mich für ihre tollen Beschreibungen. Als Antwort kam eine automatische Abwesenheitsnotiz, über die ich herzlich lachen musste: „Leider kann ich Ihre Mails vor September 2017 nicht beantworten.“ Ja, in Sibirien sind nicht nur die Entfernungen, sondern auch die Zeitmaßstäbe andere!

Meinen Geburtstag nutzte ich wie üblich dazu, um mir, dabei aromatischen Darjeeling schlürfend, die Menschen und Ereignisse meines vergangenen Lebensjahres zu vergegenwärtigen. Noch nie habe ich wohl beruflich mit so vielen verschiedenen Leuten zu tun gehabt und war in Zusammenhänge eingebunden, die geografisch und zeitlich so weite Räume umspannen. Auf der einen Seite ist das sehr spannend und anregend, andererseits bin ich mitunter auch ziemlich am Ende meiner Kräfte.
Als ein schönes Geschenk empfand ich die gelungene Chorprobe, 18 Leute anwesend, ich verzichtete auf komplizierte mehrstimmige Stücke und ließ muntere („Heut ist ein Fest bei den Fröschen am See“) oder auch getragene („Herr bleibe bei uns“) Kanons singen. Eine der beiden alten Damen bei uns im Chor, die ehemalige Lehrerin Nelly, überreichte mir feierlich einen 500-Rubel-Schein und eine 10-Kopeken-Münze, „etwas ganz Großes und etwas ganz Kleines“, wie es der burjatische Brauch wohl verlangt. Ich war sehr gerührt. Vielleicht hat sie mir damit ein Zehntel ihrer Monatsrente gegeben. Die Studenten des ersten Kurses schenkten mir einen tollen Bildband vom Baikalsee und eine der typisch russischen vorgedruckten Geburtstagskarten dazu mit einem Spruch, der dem ebenfalls typisch russischen Sprach-Pathos entspricht: „Sonnige Lächeln, freudige Minuten, frische, ungewöhnliche, neue Eindrücke, möglichst oft, also ob im Fest gute Überraschungen warten, liebliche Geschenke, die das Herz mit der Wärme der Freunde erfüllen“ und noch ein paar Zeilen lang in dieser Art – so schmalzig das in der Übersetzung klingt, so selbstverständlich ist es für russische Ohren. Ich selbst beschenkte mich mit einer neuen Daunenjacke, die über eine Kapuze verfügt, die man vorne praktisch bis zur Nase hin zuziehen kann - damit sie mir der Wind bei minus Dreißig nicht vom Kopf reißt.

Am Abend stand in der Philharmonie der Auftritt eines Petersburger Pianisten auf dem Programm. Bei einem Ticketpreis von umgerechnet 2,80 Euro konnte ich es mir leisten, neben meiner Freundin noch meinen Kollegen Michael von der Englisch-Abteilung (einer von zwei männlichen Kollegen am ganzen Institut!) samt Frau und seinen drei Kindern einzuladen. Wladimir Belomestnych erwies sich als echtes Energiebündel: im Laufschritt auf die Bühne getreten, setzte er sich nach einer zügigen Verbeugung an den Flügel und donnerte los, noch ehe der Saaltechniker das Licht im Raum gedimmt hatte. Auf dem Programm standen Chopin-Präludien und Polonaisen. Am Ende tobte der Saal vor Begeisterung, man applaudierte stehend. Für Niso war es der erste Klavierabend im Leben.

Der achte November war nicht nur für mich persönlich ein besonderer Tag, sondern hatte auch weltpolitische Bedeutung: ein neuer US-Präsident wurde gewählt. Am übernächsten Morgen beim Frühstück schaute ich in meinem Smartphone die Tagesschau vom Vorabend: Donald Trump hat die Wahl überraschend gewonnen. Der Westen ist geschockt, Putin hingegen hofft auf einen Neubeginn in den russisch-amerikanischen Beziehungen. „Ich bin enttäuscht von Amerikas Wählern“, raunte mir unsere ehemalige Institutsleiterin Polina zu, als wir in einer Pause am Imbiss nebeneinander in der Schlange stehen. „Für alle intelligenten Menschen auf dem Planeten wohl ein schwarzer Tag. Der ist doch wie unser Zhirinovskij“, meinte sie, auf den fernsehbekannten Clown anspielend, der die russischen Liberalen anführt.

Oben: Niso bei mir zu Gast, unten: alles liegt bereit für die nächste Winterwanderung

Sonntag, 6. November 2016

Zirkus



Am letzten Freitag war der „Tag der Einheit des Volkes“, ein Feiertag, und die Uni geschlossen. Ich begleitete Niso auf dem Weg zu ihrer Arbeitsstelle, dem Einkaufszentrum Za ruljom, „Am Steuer“, wo es Autoersatzteile, Fahrräder, Werkzeuge und anderes gibt. Unterwegs im Kleinbus schrieb sie viber-Nachrichten mit Ruslan, einem ihrer vier Brüder. Ruslan ist Zeitsoldat in der Stadt Kjachta an der Grenze zur Mongolei und teilte seiner Schwester mit, dass heute eine Trauerfeier anstehe. Der Bataillons-Kommandant sei in der Ukraine gefallen.

Frag ihn mal, was er dort gesucht hat, meinte ich zu Niso.

Meine Freundin interessiert sich kaum für Politik und verstand wahrscheinlich die Brisanz meiner Frage nicht. Was hat er dort gemacht, schrieb sie ihrem Bruder.

Er saß in seinem Dienstzimmer. Da kam so ein Arsch herein und hat ihn erschossen.

Wo genau in der Ukraine wohl ein russischer Soldat sein Dienstzimmer hat? Leider war die Busfahrt zuende, bevor wir das noch aufklären konnten. – 

An diesem Wochenende hatte der Zirkus Demidov die letzten Vorstellungen seines Gastspiels in Ulan-Ude. Zum ersten Mal seit fünf Jahren betrat ich wieder ein Zirkuszelt. Ein russischer Zirkus, der viele südamerikanische Artisten unter Vertrag hat, die in einer Todesrad genannten Konstruktion auftraten, eine Art doppeltem Laufrad, oder sechs Motorradkünstler, die mit ihren knatternden, Benzingestank verbreitenden Fahrzeugen innerhalb der aus einem Stahlgitter bestehenden Todeskugel von etwa 5 Metern Durchmesser herumrasten – auf dem Höhepunkt der Nummer alle sechs gleichzeitig.  Bei abenteuerlichen Balancierkuststücken in großer Höhe, natürlich ungesichert, hielt man es nicht einmal für nötig, den Betonfußboden darunter mit Matten abzudecken. Beeindruckend natürlich auch der Dompteur, der  acht sich gleichzeitig in der Arena befindliche weißen Tiger und Löwen in Schach hielt. Dramatisch ein in gespenstischem Schwarz auftretender syrische Messerwerfer, der auf eine Holzscheibe zielte, vor der sich eine fast entkleidete Frau aufgestellt hatte, so dass die Klingen knapp neben ihr ins Holz einschlugen. Untermalt von dämonischen Rammstein-Klängen zog er sich anschließend eine schwarze Kappe über den Kopf – nachdem die Zuschauer getestet hatten, dass man tatsächlich nichts hindurch sehen kann – und stellte sich zum Wurf auf. Das Zelt hielt den Atem an. Die Frau schlug mit der Hand neben sich auf die Holzscheibe, und wenige Sekunden später schlug genau dort das Messer ein, das der Meister dem Geräusch nach – blind – geschleudert hatte. 

Um am Freitag trotzdem das Institutsgebäude betreten zu können, musste ich mir eine Sondergenehmigung mit Unterschrift des Leiters der Abteilung für Sicherheit besorgen, der Chef aller Wachleute sozusagen, die an den Eingängen sitzen. Obwohl an 7 Tagen die Woche 24 Stunden lang ein Wachmann im Foyer anwesend ist, wird an Sonn- und Feiertagen normalerweise niemand hereingelassen. Ich musste ins Haus, um mit einigen Studenten einen Sprachtest durchzuführen, eine Prüfung, bei der die Teilnehmer an Computern sitzen und 40 Minuten lang Lückentexte ausfüllen. Am Ende wird sofort das Ergebnis angezeigt. Drei der vier Studentinnen waren enttäuscht und hatten sich ein besseres Resultat gewünscht. „Sie sind nicht zufrieden mit dem Ergebnis?“, fasste ich die im Raum liegende Stimmung in Worte. Heftiges bestätigendes Nicken. Wenn eine Frage eine Verneinung enthält und man der verneinten Aussage zustimmt, wird in Russland mit „Ja“ geantwortet: Ja, wir sind nicht zufrieden. Deutsche würden den Kopf schütteln: Nein, wir sind nicht zufrieden. Ein interessantes Detail, das mich anfangs mitunter irritiert hat.