Mittwoch, 1. Februar 2017

Eisige Wunderwelt Olchon

Seit ein chinesischer Sänger vor etwa drei Jahren ein Lied über die Liebe am Baikal herausbrachte, ist Sibiriens berühmtester See zu einem beliebten Ziel für Touristen aus dem Reich der Mitte geworden. An der Wasserenge, die die Insel Olchon vom Festland trennt, bietet sich am frühen Nachmittag ein erstaunliches Bild: eine Schlange von über hundert in dicke Daunenjacken gehüllte Chinesen mit großen Rollkoffern, die die etwa zwei Kilometer lange Strecke über das vom Wind fast blankgefegte Eis zurücklegen. Da das ununterbrochen hin- und herfahrende Luftkissenboot nur eine geringe Kapazität hat, haben sie entschieden, nicht zu warten, und lassen sich von ihrem Fußmarsch auch durch Sturm und Kälte nicht abschrecken. Sie kommen, geben Geld aus und fahren nach ein paar Tagen wieder, den Einheimischen auf diese Weise zu einem guten Wintereinkommen verhelfend. Was wäre, wenn sie blieben? Zum ersten Mal wird für mich anschaulich, was gemeint ist, wenn Russen die Sorge äußern, Sibirien und den Fernen Osten aufgrund der sehr ungleichen Bevölkerungsverteilung allmählich an China zu verlieren. Vielleicht wird es ja hier bald eine Brücke geben, frage ich einen der herumstehenden Busfahrer. "Dann bin ich der erste, der sie sprengt!", lautet seine Antwort. "Wir brauchen hier nicht noch mehr Massenansturm. Die Ökologie der Insel ist empfindlich genug."

Zwei Tage später: in einem alten UASik-Minibus, wegen seines Äußeren Bulka (Semmel) genannt, fahren wir vor der Küste von Olchon entlang zum Nordende der Insel. Da das Eis bereits über einen halben Meter dick ist, gilt es als sicher befahrbar, auch wenn das Katastrophenschutzministerium die Eiswege offiziell noch nicht eröffnet hat. „Wenn die Verkehrskontrolle kommt, erfahren wir das vorher und machen die Tour über das Festland“, meint Fahrer Sergej zu mir. Warum es sich aber lohnt, vor der Küste zu fahren, wird schon beim ersten Foto-Stopp deutlich: jeden Winter entsteht hier eine fantastisch-bizarre, wunderschöne und geradezu surreale Welt aus Eisschollen, Eiszapfen und gar nicht mit Worten zu benennenden Eisgebilden. Außer Niso und mir ist noch eine Gruppe chinesischer Touristen dabei. Da diese kein Russisch können und der Fahrer kein Englisch, fällt mir die Rolle des Übersetzers zu.
„Wie lange dauert die Pause?“, gebe ich die Frage der Chinesen an den Fahrer weiter.
„Solange, bis alle erfroren sind und wieder hier drin sitzen!“, meint Sergej humorvoll.
Meine Mitreisenden sind mit riesigen Kameras und 10-Zentimeter-Objektiven ausgestattet, an der Rückseite ihrer Smartphones kleben kleine Säckchen mit einem Eisenpulver, das durch Reaktion mit Sauerstoff Wärme erzeugt und so den Akku warmhält. Begeistert strömen alle aus, um das Eismärchen festzuhalten. Schneidender Wind, minus fünfundzwanzig Grad. Ein Meer aus aufgebrochenen Schollen liegt vor uns, einige davon leuchten in blauer Farbe, ein Effekt, der wohl entsteht, wenn Schnee gefriert. An der Steilküste gähnen metertiefe, mit riesigen Eissäulen zugehangene Grotten. Das Eis, auf dem wir laufen, ist teilweise spiegelblank, Risse und Luftbläschen lassen seine Tiefe erahnen. Gelegentlich stößt man auf bis zu einer Fußlänge breite Risse, die aber wenige Zentimeter tiefer als die übrige Fläche wieder zugefroren sind.
In meine Daunenjacke und den ein halbes Kilo schweren, von Mutter gestrickten Wollschal gehüllt, bewege ich mich durch die surreale Landschaft und komme mir vor wie auf einem anderen Planeten. Zum Fotografieren muss ich einen Handschuh ausziehen. Nach zwei Fotos beißt die Kälte in meine Hand, und mit schmerzverzerrtem Gesicht stecke ich sie zurück in den Handschuh. Nach zehn Minuten ist die Gruppe komplett im warmen Bus versammelt.

45 Kilometer lang ist die Strecke übers Eis vom Dorf Chuzhir entlang der Küste an die Nordspitze der Insel, genannt Miss Choboj, die ihren burjatischen Namen Reißzahn von einer gigantischen, fast senkrecht aufgestellten Felsplatte bekommen hat. Links von uns erstreckt sich das Maloje Morje, das Kleine Meer, das die Insel Olchon (ch wird wie in „ach“ ausgesprochen) vom Festland und von den Bergen des Primorskij-Bergrückens trennt. „Bei denen ist alles im Smog versunken“, meint Sergej und deutet auf meine Mitreisenden, „die sind gekommen, um sich mit frischem Sauerstoff zu bevorraten!“ Auf dem Rückweg fahren wir vorbei an weidenden Yaks ein Stück übers Festland. Der Westen Olchons ist fast baumfrei und ich habe das Gefühl, mich irgendwo hoch oben im Gebirge zu befinden.
In Khuzhir, dem mit 1350 Einwohnern größten Ort Olchons, gibt es eine kleine Musikschule. Deren Leiterin Oksana hat mich eingeladen, vorbeizukommen und mit meinem Cello für die Kinder eine Masterklass – der russische Terminus für Workshop – durchzuführen, im Gegenzug bekommen meine Freundin und ich kostenlose Unterkunft und Verpflegung. Bis 2005 hatte Khuzhir keine dauerhafte Stromversorgung und keinen Handyempfang. An zwei Abenden nehmen wir unser Abendessen wegen eines Stromausfalls bei Kerzenschein zu uns.
„Wissen Sie, wir sind hier ein bisschen abgeschnitten von der Zivilisation. Bach und die europäische Klassik, das ist für die Schüler alles graue Theorie. Aber wenn Sie als lebendiger Vertreter dieser Kultur hier vorbeikommen – das wird ein besonderes Ereignis!“ Ich erzähle etwas über Leipzig und seine Komponisten, spiele ein paar Stücke aus den Bachsuiten und lasse dann die Kinder selbst probieren, Töne auf dem Cello zu erzeugen. Das Interesse ist groß - erwartungsgemäß kommt dabei allerdings nur quietschiges Gekratze heraus. Die meisten der Kinder lernen Klavier. „In den ersten Jahren klingt ein Streichinstrument meistens schrecklich“, beruhige ich die Schüler, „es ging bei mir nur mit viel Geduld und weil meine Eltern auf regelmäßiges Üben bestanden haben. Das gilt eigentlich für jedes Instrument.“ 

Von Ulan-Ude nach Olchon gelangt man in weniger als einem Tag; eine nächtliche Zugfahrt nach Irkutsk, dann weiter mit dem Kleinbus, mit einem Umstieg vor der Insel, da Linienbussen die Fahrt über das Eis nicht gestattet ist. Man legt die Strecke entweder zu Fuß zurück oder besteigt das kleine Luftkissenboot, das einen ans andere Ufer bringt – fünf Minuten Fahrt für saftige 5 Euro, wobei der Preis offensichtlich nur für Feriengäste gilt. „Ich bin kein Tourist, ich arbeite“, sage ich möglichst akzentfrei, dabei auf mein Cello weisend, und wurde an Bord gewunken, ohne zahlen zu müssen. Im Bus zahle ich für das Cello einen dritten Sitzplatz, da ich nicht möchte, dass es als Gepäckstück aufs Dach geschnallt wird.
Niso und ich übernachten in Nikitas Homestead in einem gemütlichen Blockhaus mit zwischen die Balken genageltem Seil, damit die Isoliermasse nicht herausquillt. Ein riesiger weißgekalkter Ofen spendet Wärme. Als sich im Zimmer unangenehmer Ofengeruch breitmacht, kommt ein tadschikischer Arbeiter zu uns und verschmiert ein paar Risse mit Lehm; Niso hat nebenbei die Gelegenheit, sich mit jemandem in ihrer ersten Muttersprache zu unterhalten.

Die Rückfahrt entwickelt sich für mich zu einer Nervenprobe, da es zu endlosen Verzögerungen beim Umstieg aufs Festland kommt – ein paar Chinesen scheinen bei der Eisüberquerung verloren gegangen zu sein – und ich die ganze Zeit befürchte, dass wir den Nachtzug von Irkutsk nach Ulan-Ude verpassen. Nach fast schlafloser Nacht im Platskartnyi wagon wieder hier angekommen, werde ich erstmal krank und lege mich mit kaltem Schweiß und völliger Entkräftung anderthalb Tage ins Bett – wohl der Preis für den eisigen Winterzauber und das stundenlange Durchgeschütteltwerden im Bus. Niso legt frisch aufgeschnittene Zwiebeln in der Wohnung aus (ein Hausmittel gegen Bakterien in der Luft, sagt sie) und tränkt mich mit vitaminreichem heißem Johannesbeersaft.

Das Luftkissenboot befördert die Touristenströme nach Olchon - viele gehen die zwei Kilometer auch zu Fuß übers Eis
Die Steilküste vor dem Dorf Khuzhir im Westen der Insel
Eingefrorene Fischkutter im Hafen von Khuzhir
Das Kleine Meer (Maloje Morje) trennt die Insel von der Westküste des Baikalsees
Das Eis ist über einen halben Meter dick und problemlos befahrbar. Manchmal tun sich Risse auf, die sofort wieder zufrieren
In Felshöhlen an der Steilküste hängt das Eis in bizarren Formen von oben herab
Ihrer Form nach Löwe (oben) und Krokodil (unten) genannte Inselchen
Die Fahrer warten geduldig, bis die Touristen in den warmen Bus zurückkehren - lange dauert es nicht
Torósy genannte Halden von riesigen Eisbruchstücken
Blaues Eis
Miss Choboj - das nördliche Ende der Insel Olchon
Risse im Eis geben einen Eindruck von seiner Dicke
Wind und minus fünfundzwanzig Grad muss ertragen, wer das Eismärchen erleben will
Das berühmteste Fotomotiv vom Baikalsee überhaupt: das Schamanenkap

Mittwoch, 25. Januar 2017

Simferopol


„Hier ist unser Verwaltungsgebäude, das haben sie zuerst besetzt. Lastwagenweise kamen russische Soldaten angefahren.“ Zusammen mit Sascha laufe ich durch das abendliche Simferopol und lasse mir die wichtigsten Sehenswürdigkeiten erklären. „Als nächstes das Parlamentsgebäude. Und hier ist das Denkmal an die Freundlichen Leute.“

Sascha, Anfang 30, ist Programmierer und gerade von einer dreimonatigen Asienreise zurückgekommen. Der junge Mann äußert sich bedacht und überlegt. „Stell dir vor, dich bittet jemand um dein Handy, um zu telefonieren. Du gibst es ihm, er nimmt es höflich und läuft weg. Und jetzt stell dir vor, jemand haut dir eins aufs Maul, nimmt dein Telefon und verschwindet. Gibt es einen wesentlichen Unterschied? Nein, du bist dein Telefon los. Und deshalb bin ich der Meinung, dass Russland die Krim annektiert hat. Ohne Gewalt, aber annektiert.“
Man sagt, Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Auf der Krim ist Russland der Sieger und hat seine Sicht der jüngsten Geschichte schon in einigen neuen Denkmälern verewigt. Ein bronzener Mann in martialischer, waffenstrotzender Uniform, eine Katze umstreicht sein Bein, ein kleines Mädchen überreicht ihm Blumen. „Den Freundlichen Leuten, von dankbaren Einwohnern“, ist zu lesen. Die Freundlichen Leute waren maskierte Soldaten ohne Abzeichen, erklärt mir Sascha. Zuerst hieß es, es sei die Bürgerwehr der Krim. Dann gab Putin öffentlich zu, dass es russische Soldaten waren. Sie waren immer nett zu den Einwohnern, man konnte sich mit ihnen fotografieren lassen. Aber sie haben die Krim besetzt. Russland habe schon vor dem Referendum zusätzliche Streitkräfte hier eingeführt. Das sei ganz klar Annexion.
Sascha, obwohl Russe, hat im Referendum für die Ukraine gestimmt. Wenn Putin nicht so beherzt gehandelt hätte, dann gäbe es doch hier jetzt ein Blutvergießen wie im Donbass, wiederhole ich ein oft gehörtes Argument. Er schüttelt den Kopf. Man muss wissen, dass es doch Russland ist, das in der Ostukraine Krieg führt, höre ich. Wenn Russland keine Waffen dorthin liefern würde, gäbe es kein Blutvergießen. Natürlich war unter der Ukraine nicht alles optimal. Aber hier wäre auch ohne Annexion nichts weiter passiert.
Wir gehen weiter zum nächsten Denkmal. „Den Opfern des sowjetischen Volkes, die durch die Hände der Helfer der Faschisten - die Kämpfer der Ukrainischen Befreiungsarmee und andere Kollaborateure - gefallen sind“, steht unter den beiden steinernen sich umarmenden Gestalten. Für Russland ist es natürlich passend, die Ukrainer alle als Faschisten darzustellen, meint mein Stadtführer. Was auf dem Maidan passiert ist, wird total verdreht. Am Anfang waren es Rentner, die für mehr Rente auf die Straße gegangen sind, und junge Leute, die ihr Land in der EU sehen wollten. Janukowitsch hat sie brutal auseinanderknüppeln lassen. Erst später kamen die Nationalisten dazu, aber sie bildeten doch nie die Hauptmenge der Demonstranten!
Drittes Denkmal: „den Selbstverteidigern der Heimat“. Wir lesen: „Schlacht auf dem Peipussee – Zeit der Wirren – Vaterländischer Krieg 1812 – Verteidigung der Krim und Sevastopols – Erster Weltkrieg – Großer Vaterländischer Krieg – Krimfrühling 2014.“ Gerade mal drei Jahre ist es her, und schon hat der Anschluss der Krim seinen würdigen Platz in der Reihe der großen historischen Ereignisse des russischen Volkes gefunden. Ist es nicht historische Gerechtigkeit, dass die Krim wieder russisch ist, hat nicht Chruschtschov die damalige Verfassung verletzt, indem er die Krim der Ukraine schenkte, ohne das Volk zu befragen? Sascha lacht. Historische Gerechtigkeit kann es gar nicht geben! Vor den Russen war die Krim türkisch, davor griechisch. Vielleicht sollten wir sie an die Türkei rückübereignen, oder an Griechenland? Und was ist mit dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, die meisten unterstützen doch hier Russland, will ich wissen. Selbstbestimmungsrecht, das wäre ja ganz etwas Neues, entgegnet der junge Mann. Es versuche nur mal jemand, in Russland aufzumucken, so wie in Tschetschenien geschehen! Was war denn da mit der Selbstbestimmung? Gilt die nur für Russen im Ausland, nicht aber für die im eigenen Land lebenden Völker?
Vorbei an Katharina der Großen, unter der 1783 die Halbinsel ins Zarenreich aufgenommen wurde  – „errichtet anlässlich des Anschlusses der Krim an Russland 2014 – für immer“ – machen wir uns auf den Heimweg. Seit dem Staatenwechsel sei es hier nicht besser, sondern schlechter geworden. Sascha bekommt wegen der Sanktionen nirgendwo ein Visum für Westeuropa, für seine Firma ist die Zusammenarbeit mit Geschäftspartnern in den USA sehr erschwert. „Die Preise sind stärker gestiegen als die Löhne. Unser Obst und Gemüse kam früher aus der Ukraine, das war viel leckerer. Der Asphalt, den die Ukrainer verlegt haben, musste früher nach zwei Jahren ausgebessert werden; heute hält er ein halbes Jahr.“ Kann er seine Meinung frei äußern, gibt es im Alltag Repressionen? „Nein, das Leben für die meisten hat sich nicht groß geändert. In der entscheidenden Phase hat man die lautesten Pro-Ukraine-Aktivisten unauffällig verschwinden lassen, jetzt kann jeder erzählen, was er will.“
Meine Nacht in Simferopol, der Hauptstadt der Respublika Krim, ist die letzte vor dem Rückflug nach Ulan-Ude. Am Flughafen gibt es einen Souvenirshop der russischen Armee und einen T-Shirt-Verkaufsstand namens Welikaja Rossia - Great Russia, „Russland – der letzte Hort der Unabhängigkeit“ und ähnlich lauten die Aufdrucke. In der Maschine sitze ich am Fenster und genieße den fantastischen Ausblick über die sonnenbeschienene Steppenlandschaft. Wir fliegen nicht über die Ostukraine, sondern beschreiben einen großen Bogen über das Asowsche Meer und die Mündung des Don – der ukrainische Luftraum ist für russische Flugzeuge gesperrt. In meinem Gepäck sind einige Palmenkeimlinge, die Lena in Jalta für mich ausgegraben hat, damit ich sie im Zimmer kultiviere. Für mich geht nicht nur der Krim-Krimi, sondern auch eine einmonatige Reisezeit durch 13 Orte in Russland und Deutschland zuende – höchste Zeit wieder für das Leben am Baikalsee!

Asowsches Meer (oben) und Donmündung (unten)

Gewalt und Zärtlichkeit Denkmal an die "Freundlichen Leute" in Simferopol
"Dieses Haus haben sie zuerst besetzt" Das Verwaltungsgebäude mit der Leninstatue davor
"Krim-Frühling" Ein weiteres Ereignis in der Geschichte der russischen Befreiungskämpfe

Und Obama weint "Krim abgegeben - Krim aufgenommen", ein Souvenir-Kühschrankmagnet

Montag, 23. Januar 2017

Alúpka


Die Landschaft im Süden der Krim ist von außergewöhnlicher Schönheit. Das Krimgebirge bildet eine Wetterscheide, so dass die Bedingungen schon fast subtropisch sind. Fächerpalmen, Feigenplantagen und Lorbeer, Oleander, Magnolien, Zypressen und sogar Opuntien (Ohrenkakteen) gedeihen hier. Mit meiner Gastgeberin Lena und einigen ihrer Freundinnen besuchte ich den Woronzóv-Palast bei Alúpka, der von einem riesigen Landschaftspark umgeben ist, in seiner Schönheit vielleicht mit dem Potsdamer Park Sanssouci vergleichbar. Temperaturen wie an einem lauen deutschen Sommertag! Auf einer Wanderung in Richtung des Ai-Petri-Berges fand ich mich inmitten von mächtigen Krim-Kiefern (Pinus nigra subsp. pallasiana) wieder, dazwischen Erdbeerbäume (Arbutus) mit rotbrauner, glatter Rinde, Mäusedorn (Ruscus) mit stacheligen Blättern und roten Beeren sowie der nur aus langen, grünlichen, biegsamen Zweigen bestehende Pfriemenginster (Spartium). Vor mir die Schwarzmeerküste, hinter mir im sich langsam lichtenden Nebel sichtbar werdende Felswände unter schneebedeckten, bis über 1500 Meter hinaufreichenden Gipfeln.
Südlich von Jalta auf einem senkrecht aus dem Meer ragenden Felsen befindet sich ein kleines kitschiges Schlösschen namens Schwalbennest. Entlang des auf- und absteigenden Treppensteiges von der Bushaltestelle dorthin reihen sich die Souvenirstände aneinander, die eine Ahnung vom Touristenbetrieb im Sommer vermitteln. Jetzt bin ich hier fast der einzige – vielleicht überhaupt der einzige deutsche Reisende auf der ganzen Krim? Bei einem alten Mütterchen kaufe ich Tschurtsch’chela, auf einen Faden gefädelte Nüsse in Fruchtgelee. Ich stelle ihr meine übliche Frage. „Für Russland habe ich gestimmt, natürlich“, sagt sie, „aber trotzdem passiert hier nichts, die Leute verkaufen ihre Häuser und ziehen weg.“ Hinter ihr an der beschmierten Betonwand hängt eine Verkaufsanzeige. „Putin kann eben nicht überall sein! Dort, wo er aufpasst, herrscht Ordnung. Aber das Land ist zu groß. Im kleinen Weißrussland ist das anders! Da herrscht Bátjka, überall ist Sauberkeit und Disziplin.“ Mir fällt auf, dass die Leute hier aus dem „g“ ein „h“ machen: mnoho statt mnogo, hovorju statt govorju.
  


Das Schwalbennest (oben), Tschurtsch`chela-Verkauf (unten); die Verkäuferin wollte nicht fotografiert werden, statt ihrer sitzt die Katze auf dem Stuhl

 
Meine vier Begleiterinnen untersuchen ein Erdloch, aus dem warme Luft dringt




 
An der Südküste der Krim gedeihen sogar Opuntien